Überrascht weiteten sich Daniels Augen. Instinktiv erkannte Emily, dass er Chantelle gerade zum ersten Mal so voller Freude erlebte.
„Ich glaube, sie mögen dich“, verkündete Emily Chantelle mit einem Lächeln. „Wir können sie mit nach draußen nehmen, wenn du möchtest.“
Das Mädchen sah sie mit ihren großen, blauen Augen an. Sie sah so glücklich aus wie ein Kind an Weihnachten.
„Wirklich?“, stammelte sie. „Darf ich wirklich mit ihnen draußen spielen?“
Emily nickte. „Natürlich.“ Dann gab sie Chantelle ein paar Hundespielsachen. „Ich werde euch vom Fenster aus beobachten.“
Dann öffnete sie die Hintertür, die zum Hof hinausführte, und ließ die Hunde hinausspringen. Chantelle zögerte noch einen Moment, so als ob sie sich noch nicht wirklich traute, alleine hinauszugehen und den ersten Schritt in ihre Unabhängigkeit zu wagen. Doch schließlich fand sie ihr Selbstvertrauen, trat hinaus und warf für die Hunde einen Ball, den sie fangen konnten.
Als Emily zurück in die Küche ging, setzte Daniel gerade eine frische Kanne Kaffee auf.
„Geht es dir gut?“, fragte sie vorsichtig.
Daniel nickte. „Ich habe mich einfach noch nicht daran gewöhnt. Ich sorge mich vor allem darum, dass ihr nichts passiert. Am liebsten würde ich sie in Watte einpacken.“
„Das ist doch ganz normal“, erwiderte Emily. „Aber du musst ihr eine gewisse Unabhängigkeit gewähren.“
Daniel seufzte. „Warum fällt dir das alles so einfach?“
Emily zuckte mit den Schultern. „Das tut es nicht. Ich improvisiere nur. Solange wir ein Auge auf sie haben, ist sie dort draußen vollkommen sicher.“
Sie lehnte sich an die Spüle und blickte durch das große Fenster in den Garten hinaus, wo Chantelle herumrannte und von den Hunden begeistert gejagt wurde. Doch während Emily Chantelle beobachtete, fiel ihr auf, wie sehr das Mädchen Charlotte ähnelte, als diese in ihrem Alter gewesen war. Die Ähnlichkeit war verblüffend, fast schon beängstigend. Der Anblick weckte eine weitere von Emilys verloren geglaubten Erinnerungen, von denen sie seit ihrer Ankunft in Sunset Harbor schon zahlreiche gehabt hatte, und auch wenn sie sie mit ihrer Plötzlichkeit stets überraschten, so schätzte sie jede einzelne von ihnen doch sehr. Sie waren wie Puzzlestücke, jede Erinnerung half ihr, sich ein Bild von ihrem Vater und ihrem gemeinsamen Leben vor seinem Verschwinden zu machen.
Diesmal erinnerte sich Emily daran, einmal schreckliches Fieber, vielleicht sogar eine Grippe gehabt zu haben. Sie waren wieder einmal nur zu dritt gewesen, weil ihre Mutter sie über das Wochenende nicht nach Sunset Harbor hatte begleiten wollen, weshalb ihr Vater sein Bestes gab, um sich um seine Tochter zu kümmern. Sie erinnerte sich daran, dass einer der Freunde ihres Vaters seine Hunde vorbeigebracht hatte und dass Charlotte mit ihnen spielen durfte, wohingegen Emily dafür zu krank war und drinnen bleiben musste. Sie hatte sich damals so darüber geärgert, dass sie nichts von den Hunden zu sehen bekam, dass ihr Vater sie hochgehoben hatte, damit sie aus dem Fenster sehen konnte – aus demselben Küchenfenster, aus dem sie nun ebenfalls hinausschaute – um die Geschehnisse zu beobachten.
Emily trat vom Fenster zurück und schnappte nach Luft. Sie stellte fest, dass ihre Wangen feucht waren, sie musste wohl geweint haben, während sich Chantelle vor ihren Augen in Charlotte verwandelt hatte. Nicht zum ersten Mal hatte Emily das starke Gefühl, dass Charlottes Geist mit ihr kommunizierte, dass sie auf irgendeine Weise in Chantelle weiterlebte und Emily ein Zeichen geben wollte.
In diesem Moment trat Daniel hinter sie und schlang seine Arme um ihre Hüfte. Er bot eine willkommene Ablenkung, weshalb sie ihren Kopf zurückfallen ließ, bis er auf seiner Brust ruhte.
„Was ist los?“, fragte er sanft und mit beruhigender Stimme.
Er muss die Tränen gesehen haben, die über Emily Wangen rollten. Doch diese schüttelte nur den Kopf. Sie wollte Daniel nicht von ihrer Erinnerung erzählen, oder dass sie das Gefühl hatte, Charlottes Geist würde in Chantelle weiterleben, denn sie wusste nicht, wie er darauf reagieren würde.
„Nur eine Erinnerung“, antwortete sie.
Daniel drückte sie dicht an sich und wiegte sie in seinen Armen. Wenn Emily wieder einen ihrer Momente hatte, kümmerte er sich auf so andere Weise um sie als um Chantelle. Bei Emily hatte er sicheren Grund gefasst und sie konnte sehen, wie selbstsicher er im Umgang mit ihr im Vergleich zu seiner Tochter war. Sie hatte sich so oft auf seine schützende Schulter gelegt und nun war sie diejenige, auf die er sich stützte.
„Es ist alles ein wenig überwältigend, nicht wahr?“, meinte sie, als sie ihn schließlich ansah.
Daniel nickte mit qualvoller Miene. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Zum Ersten muss ich sie an der Schule anmelden. Das nächste Halbjahr beginnt am Mittwoch. Außerdem muss ich mich um die Schlafsituation kümmern.“
„Du machst dir nur deinen Rücken kaputt, wenn du weiterhin auf der ausklappbaren Couch schläfst“, stimmte Emily zu. Dann hatte sie eine Idee. „Ziehe doch hier ein.“
Daniel zögerte einen Moment. „Das ist nicht dein Ernst. Du hast hier doch viel zu viel zu tun, um uns auch noch aufzunehmen.“
„Das will ich aber“, beharrte Emily. „Ich will, dass Chantelle genug Freiraum und ein eigenes Zimmer hat.“
„Das musst du nicht tun“, entgegnete Daniel, der sich immer noch ein bisschen gegen den Vorschlag wehrte.
„Und du musst bei alldem nicht alleine sein. Ich bin für dich da. Es wäre viel sinnvoller, wenn ihr hier einzieht, als euch zusammen in das Kutscherhaus zu quetschen.“ Sie drückte sich fest an ihn.
„Aber kannst du es dir wirklich erlauben, eines der Gästezimmer aufzugeben?“
Emily lächelte. „Erinnerst du dich noch daran, dass wir einmal darüber sprachen, das Kutscherhaus in eine von der Pension abgetrennte Ferienwohnung umzubauen? Wäre jetzt nicht der perfekte Augenblick dafür? Chantelle kann das Zimmer neben dem Hauptschlafzimmer haben, sodass sie in unserer Nähe ist. Außerdem bekommt sie ihren eigenen Schlüssel, damit ihr nichts passieren kann. Somit hast du genug Zeit, das Kutscherhaus rechtzeitig zu Thanksgiving renovieren. Ich bin mir sicher, dass es sehr gut bei den Gästen ankommen wird.“
Daniel sah Emily mit besorgter Miene an. Sie wusste nicht, warum er sich immer noch so gegen den Vorschlag sträubte. War für ihn die Vorstellung, mit ihr zusammen zu leben, so schrecklich, dass er lieber in dem beengten Kutscherhaus bleiben würde?
Doch schließlich nickte er. „Du hast Recht. Das Kutscherhaus ist nicht geeignet für ein Kind.“
„Dann zieht ihr also ein?“, vergewisserte sich Emily, während sie ihre Augenbrauen aufgeregt hochzog.
Daniel lächelte. „Wir ziehen ein.“
Emily warf ihre Arme um ihn herum und spürte, wie sich sein Griff um sie verstärkte.
„Aber ich verspreche dir, dass ich irgendwie etwas Geld verdienen werde, damit ich ebenfalls zur Familienkasse beitragen kann“, fügte Daniel hinzu.
„Darüber sprechen wir ein andermal“, winkte Emily ab. Im Moment war sie viel zu überwältigt vor Freude, um sich über solche Einzelheiten Gedanken zu machen. Alles, was in diesem Augenblick zählte, war die Tatsache, dass Daniel bei ihr einziehen würde und dass sie ein Kind hatten, dass sie lieben konnten und um das sie sich kümmern mussten. Sie würden eine Familie sein, was Emily überglücklich stimmte.
Dann spürte sie seinen warmen Atem an ihrem Ohr, als er ihr etwas zuflüsterte: „Vielen Dank. Von ganzem Herzen. Danke.“
*
„Würde es dir gefallen, wenn das hier dein Schlafzimmer wäre?“, fragte Emily.
Sie stand mit Chantelle im Türrahmen eines der schönsten Zimmer der gesamten Pension. Daniel befand sich irgendwo hinter ihnen.
Читать дальше