Armer Tölpel.
Ich blieb allein zurück und konnte die Stimme meiner Mutter in meinem Kopf hören, die mich anklagte, dass ich so für immer allein bleiben und vor Einsamkeit an Schwermut erkranken würde.
Dabei war ich überhaupt nicht allein. Sie ließ mich endlose, langweilige Stunden auf Gesellschaften und Bällen verbringen, auf denen ich nur stumpfsinnige Gespräche führte. Meist mit Menschen, die sich für gebildet hielten, weil sie mal ein Buch von außen angesehen hatten und sich doch nur über die Peinlichkeiten anderer amüsierten. Und das, obwohl ich stattdessen zu Hause in meinem alten Sessel sitzen und den Gedanken brillanter Köpfe folgen könnte. Die Männer meines Lebens waren bereits bei mir und ich genoss jeden Moment mit ihnen. Ich löste an ihrer Seite Kriminalfälle mithilfe der Technik, Fingerabdrücke zu vergleichen, die bei jedem Menschen so einzigartig waren wie Schneeflocken. Ich nahm Städte ein, indem ich aus Holz ein Pferd baute und mich darin versteckte. Ich folgte literarischen Diskursen, geschichtlichen Nacherzählungen, studierte den Menschen, seinen Geist und die Seele. Ich reiste in achtzig Tagen um die Welt, lernte, wie man Flugzeuge baute, eine Melodie ersann, einen Krieg anzettelte.
Doch meine Mutter hielt es für Blödsinn. Sticken, das sei eine Tätigkeit, die für eine junge Frau meines Standes angebracht war.
Ich seufzte in mich hinein.
Wer hatte sich das bloß ausgedacht?
Das Erste oder das, in dem mein Onkel zu Besuch kam.
Sie hat ihn blamiert, Charles! Schamlos öffnet sie den Mund und wirft mit altklugen Sätzen um sich«, jammerte meine Mutter meinem Vater vor und ich verdrehte die Augen. Sie musste auch immer alles so sehr dramatisieren.
»Jedes Mal, wenn ein junger Mann sie anspricht, macht sie alles kaputt. Wieso kann sie nicht wie alle anderen Mädchen sein, die einfach still sind?«, polterte sie weiter und ich konnte mir genau vorstellen, wie sie im Zimmer auf und ab lief, die eine Hand auf die Brust gelegt und mit der anderen sich Luft zufächelnd. »Julia Goodman, das ist ein stilles Mädchen und sie war schon mit siebzehn verlobt. Oder die älteste von den Bordley-Schwestern. Sie hat gewusst, in welchem Momenten es gut war zu schweigen, und sie war mit achtzehn sogar schon verheiratet!« Sie holte tief Luft. Zwar hörte ich es nicht, aber ich wusste es auch so.
Mein Vater dagegen, der wohl entweder am Kaminsims lehnte oder seine Schreibtischkante unter dem Gesäß hatte, hielt dann immer die Luft an und fragte sich genau wie ich, warum sie ständig von stillen Mädchen redete, aber niemals selbst still war.
»Aber deine missratene Tochter sitzt den ganzen Tag auf dem Dachboden in einem alten Sessel und verschlingt Bücher, anstatt zu lernen, wie man sich richtig zu verhalten hat!«, keifte sie nun und ich konnte förmlich vor mir sehen, wie sich eine steile Falte zwischen den Augenbrauen meines Vaters bildete.
»Ani weiß, wie man sich richtig zu verhalten hat, Darling!«, verteidigte er mich und ich lächelte.
Mein rechtes Bein wurde langsam taub und ich versuchte mich anders hinzusetzen, ohne das Ohr vom Lüftungsgitter des Kamins zu nehmen, das von der Küche durch Vaters Arbeitszimmer bis hinauf zum Dachboden reichte.
»Und warum tut sie’s dann nicht?«, rief meine Mutter aus und ich seufzte leise, weil ich genau wusste, was jetzt folgte. »Sie ist schon neunzehn, Charles! Neunzehn! Langsam habe ich den Eindruck, dass sie überhaupt kein richtiges Leben führen möchte. Immer nur Bücher, Bücher, Bücher. Und in ein paar Jahren wird sie eine alte Jungfer sein, die keiner mehr haben will, weil sie ihre blühenden Jahre auf einem alten, dreckigen Dachboden verplempert hat!« Meine Mutter begann zu schluchzen und mein Vater murmelte ein paar tröstende Worte.
Ich nahm den Kopf wieder hoch und ließ meinen Nacken knacken. Meine Mutter machte sich einfach nur unnötig Sorgen über Dinge, die mir völlig nebensächlich erschienen. Sie glaubte, dass heiraten und einen eigenen Haushalt zu führen das größte Glück einer jungen Frau sein müsste.
Doch meins war es eben nicht. Sollte ich doch ohne Mann enden, was machte das schon? Ich wurde vielleicht nicht reich, hätte keine eigene Kutsche und konnte mir nicht jedes halbe Jahr eine neue Garderobe zulegen, aber die öffentliche Bibliothek war kostenfrei und dort würde ich bestimmt glücklicher werden als mit einem stumpfsinnigen Mann in einem viel zu noblen Haus.
Ich klopfte mir den Staub vom Rock, zog meine Bluse zurecht und strich mir eine Haarsträhne aus der Stirn, die sich aus meiner Frisur gelöst hatte.
Fast sehnsüchtig sah ich zu meinem alten Sessel, dessen dunkelgrüner Samt an den Armlehnen etwas abgewetzt war und den meine Mutter schon vor Jahren aussortiert hatte, weil er ihr zu schäbig erschien.
Doch für mich war er ein Stück guter Erinnerungen und gehörte in mein Leben, genauso wie es die Bücher taten.
Am liebsten hätte ich mich wieder in seine ausgeleierten Sitzfedern gekuschelt, das Buch aufgeschlagen, das ich vorhin begonnen hatte, und einfach vergessen, dass dort draußen eine Welt mit Gesellschaften und heiratsvermittelnden Müttern existierte.
Aber Mary-Ann würde gleich zum Mittagessen klingeln und dann hatte ich unten zu sein.
Ich seufzte laut, klemmte mir einen schmalen Roman unter den Arm, raffte meine Röcke und kletterte die steilen Stufen nach unten in den ersten Stock.
Unser Haus war größer, als es sein müsste. Fand ich zumindest. Ich schätzte kleine Räume und Wände, die mir Sicherheit boten. Meine Mutter hingegen wollte alles weit haben und mochte es gar nicht, wenn irgendein Möbelstück an der falschen Stelle stand und so den Raum kleiner erscheinen ließ.
Ich schlich mich gerade lautlos am Arbeitszimmer meines Vaters vorbei, damit ich die beiden nicht störte und auch nicht von ihnen gehört wurde, als sich die Tür genau in diesem Moment öffnete.
»Ani!«, sprach Vater mich überrascht an und Mutter schob sich hastig an ihm vorbei, um sich zu mir auf den Flur zu drängen. Sie hakte sich bei mir unter, ein verschwörerisches Lächeln auf den Lippen, und ich war verwirrt über den plötzlichen Sinneswandel. Hatte sie nicht gerade noch geschluchzt und sich über mich geärgert?
»Du wirst nicht erraten, wer heute Morgen hier war, um vorzusprechen. Er gab vor, für deinen Vater etwas abgeben zu müssen, aber ich bin mir sicher, er war wegen dir hier«, säuselte meine Mutter und ich wusste ganz genau, wen sie meinte. George Michels. Mutters neuester Auserwählter, um mich erfolglos zu verkuppeln.
»Oh, wer kann das nur gewesen sein? Doch nicht etwa Mr Michels!«, rief ich übertrieben begeistert und Mutters Grinsen fiel in sich zusammen. Wenn sie in den Jahren mit mir als Tochter etwas gelernt hatte, dann war es, Ironie zu durchschauen.
»Animant! Ob du es glauben willst oder nicht, dieser Mann könnte deiner sein und du würdest ein gutes Leben in Wohlstand führen«, begann sie und ihre Augenbrauen zogen sich missbilligend zusammen.
Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut zu lachen, und biss mir auf die Unterlippe. Mr Michels war zwar ein netter Kerl, aber so geistreich wie ein Stück Brot und dabei auch noch außerordentlich tollpatschig, sodass er regelmäßig über seine eigenen Füße zu fallen pflegte.
»Er bohrt in der Nase, wenn er glaubt, dass niemand hinsieht«, sagte ich, während wir die ersten Stufen ins Erdgeschoss nach unten nahmen. Und das hatte ich nicht erfunden.
»Animant!«, empörte Mutter sich und hinter uns begann Vater zu prusten, nahm sich aber sofort zusammen, als Mutter auch ihm einen scharfen Blick zuwarf.
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