Das haben Emerson und ich gemeinsam.
Keiner von uns hatte von Haus aus Geld. Wir besuchten eine Highschool mit wohlhabenden Kids, die, sobald sie sechzehn Jahre alt waren, Autos bekamen und sich nicht um Stipendien bemühen mussten, um das College zu besuchen. Ohne ein Sportstipendium wäre ich nicht an der Southern. Und Em arbeitet zwanzig Stunden pro Woche bei Stella, um ihre Eltern zu entlasten. Keinem von uns ist in seinem Leben etwas geschenkt worden. Wir haben für alles gearbeitet. So gern ich auch feiere und rumvögele, meine Prioritäten waren immer Eishockey und Schule.
Und Em.
Mein Blick wandert zu dem Mädchen hinüber, das meine Gedanken in letzter Zeit etwas zu sehr beschäftigt. Ich wünschte, ich könnte diese Anziehungskraft abschütteln. Ich hasse es verdammt noch mal, dass sie so heiß aussieht. Hat sie sich für Tyler so gekleidet? Der Gedanke, dass sie heute Abend ihm nach Hause geht, bringt mich fast um. Ich weiß nicht, wann sich meine Gefühle geändert haben, aber sie haben sich geändert. Ich bin mir nur nicht sicher, was ich dagegen tun soll.
Das stimmt nicht.
Ich werde gar nichts tun. Emerson ist Tylers Freundin. Und sie ist meine beste Freundin. Ich will verdammt sein, wenn ich irgendetwas tue, was unsere Beziehung versaut.
Da ich mich zu sehr im Kreis drehe, leere ich meine Flasche und gehe in die Küche. Ich muss mir noch was holen, bevor ich jemandem den Hals umdrehe.
Und ich muss aufhören, Emerson anzustarren, als ob sie mir gehören würde.
Denn sie gehört mir nicht.
Und das muss ich mir merken.
4
Sobald Brinley und ich bei Alpha-Delta-Phi-Party ankommen, gehen wir an die Bar und holen uns ein paar Drinks. Der Typ, der am Fass steht, grinst mich breit an und meint, ich solle immer gleich an der Schlange vorbei zu ihm nach vorn kommen, wenn ich Nachschub brauche.
"Siehst du?" Brinley stößt mir beim Weggehen ihren Ellbogen in die Seite. "Das Kleid ist der Hammer, Süße!"
Ich zupfe am hinteren Saum und versuche, den Stoff über meine Oberschenkel herunterzuziehen. Dies ist Brinleys Kleid, und es ist kürzer, als ich es gewohnt bin. Ich habe das Gefühl, dass mein Hintern herausschaut, was mich ziemlich nervös macht. Ich habe mein Bestes gegeben, um ein Veto gegen das Outfit einzulegen, aber Brinley bestand darauf, dass ich, so sagte sie, mein Aussehen ein wenig aufpeppen sollte heute Abend.
Nun, das habe ich wohl getan.
Ich schaue mich in dem abgedunkelten Raum um. Das Erdgeschoss ist so voll mit Menschen, dass es eine Herausforderung ist, sich zu bewegen. Zum Glück ist Brinley nicht schüchtern. Sie schiebt sich frech durch und macht uns einen Weg frei. Ich weiß bereits jetzt, dass es unmöglich sein wird, Tyler in dieser Menge zu finden. Ich ziehe mein Handy aus meiner Handtasche und schicke ihm eine SMS. Eine Minute vergeht, dann zwei, ohne eine Antwort.
Als Brin und ich uns durch das Esszimmer drängen, sehe ich Reed und hebe meine Hand, um ihm zuzuwinken. Die Bewegung lässt mein Kleid hochrutschen, Luft streift über meine Arschbacken. Ich senke schnell den Arm und ziehe das Kleid wieder nach unten.
Wie peinlich.
Ich kann mich in dem Teil kaum bewegen.
Reed blickt finster drein und drängt sich durch die Menge auf mich zu. Die Leute strecken ihre Hand aus und versuchen, seine Aufmerksamkeit zu erregen, aber er achtet nicht auf sie. Sein Blick ist auf mich gerichtet, und durch den dunklen Ausdruck in seinem Gesicht weiß ich genau, was die ersten Worte aus seinem Mund sein werden.
Ich seufze.
Wenn Reed Philips eines ist, dann vorhersehbar.
Es dauert weniger als eine Minute, bis er bei mir ankommt. Alle gehen ihm aus dem Weg und schaffen so einen Durchgang direkt zu mir.
Es wird nicht lange dauern, bis …
"Was zum Teufel hast du da an?", bellt er.
Wie ich schon sagte, völlig vorhersehbar.
Unbeeindruckt von seinem ruppigen Ton lächelt Brinley. "Gefällt es dir?" Sie greift meine Hand und wirbelt mich einmal herum. "Sieht ihr Arsch nicht toll aus?"
Als sie mir einen kleinen Klaps auf den Hintern gibt, quieke ich überrascht auf und drehe mich wieder um, um Reed anzusehen. Er schweigt, aber sein Gesichtsausdruck ist noch dunkler geworden. Es dauert einen Moment, bis er einen langsamen, tiefen Atemzug ausstößt. Er sieht aus, als ob ihm gleich der Geduldsfaden reißt.
"Em, was du normalerweise trägst, ist völlig in Ordnung." Er deutet mit dem Daumen in Brinleys Richtung. "Du musst dich nicht so anziehen wie sie."
Nicht einmal beleidigt von seinem Kommentar, rollt Brinley nur mit den Augen. "Was immer du sagst, Dad ." Sie schlingt ihren Arm um mich, bevor sie Reed anschaut und unschuldig mit den Wimpern klimpert. "Hast du etwa Angst, dass ich dein kleines Mädchen verderben könnte?"
" Genau davor habe ich Angst", schnappt er zurück.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Reed einen Scherz macht. Obwohl sein mürrischer Gesichtsausdruck etwas anderes vermuten lässt.
"In diesem Sinne gehe ich jetzt auf die Tanzfläche und wackle mit meinem Hintern." Brinley zwinkert mir zu. "Sobald du deinen lahmarschigen Kumpel los bist, kannst du ja zu mir kommen."
Dann geht sie und verschwindet, die Hände in der Luft, in der Menge.
"Dieses Mädchen macht nur Ärger."
"Ich weiß", sage ich mit einem Lächeln. Ich möchte seine Stimmung aufhellen. "Das gefällt mir an ihr."
Den Blick auf mich gerichtet, nimmt Reed einen Schluck von seinem Bier.
Sobald im Oktober offiziell die Saison beginnt, wird er keinen Tropfen Alkohol mehr anrühren. Er wird sich auf Eishockey konzentrieren und alles andere beiseiteschieben. Dieses Jahr ist wichtig. Im Frühjahr wird Reed in den NHL Draft einsteigen. Ich bin sowohl aufgeregt als auch nervös, zu erfahren, wo er dann landet.
Seitdem wir Freunde sind, haben Reed und ich immer dieselbe Schule besucht. Zuerst die Kennedy High und danach die Southern University. Ich weiß nicht, was ich tun werde, wenn ich ihn nicht mehr so einfach treffen kann. Es wird keine spontanen Filmnächte mehr geben und auch keine Snacks zwischendurch. Egal, wo ich nach dem College lande, die Chancen stehen gut, dass ich weder Reed noch Brinley in der Nähe haben werde.
Da ich mich nicht mit diesen deprimierenden Gedanken aufhalten will, schiebe ich sie in den Hintergrund und wippe auf den Fersen, während sich eine schwere Stille zwischen uns ausbreitet. Es ist, als ob die Luft um uns herum elektrisch aufgeladen wäre.
Ich räuspere mich, als sich ein unbehagliches Gefühl in meinem Bauch festsetzt. "Hast du Tyler gesehen?" Um diese seltsame Intensität zwischen uns einzudämmen, ziehe ich mein Telefon heraus und schaue kurz auf den leeren Bildschirm.
"Nein." Seine Antwort ist eher ein Grunzen als alles andere.
Reed war nie ein großer Fan von Tyler. Wenn ich es mir recht überlege, war er noch nie ein Fan von irgendeinem meiner Freunde.
Ich vermeide Reeds Blick und betrachte stattdessen den Wahnsinn, der sich um uns herum abspielt. Im Wohnzimmer hat sich eine Horde Tänzer zusammengepfercht, aber ich sehe Brinley nicht in der Menge. Nach ein paar Minuten schaue ich zu Reed hinüber. Er blickt mich immer noch mit dem gleichen verärgerten Ausdruck an. Ich spüre ein innerliches Zittern, als ich das wahrnehme. Ich kann mich nicht erinnern, dass Reed jemals zuvor so eine Empfindung in mir hervorgerufen hat, doch jetzt, mit diesem Blick, der in seinen Augen brodelt …
Irgendetwas fühlt sich falsch an, aber ich kann nicht genau sagen, was es ist. Reed war schon immer mein bester Freund. Ich verbringe gern Zeit mit ihm. Ich fühle mich zu ihm hingezogen. Und doch möchte ich in diesem Moment einfach nur abhauen. Da ich so unsicher bin, wäre es vielleicht am besten, wenn wir vorerst getrennte Wege gehen.
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