Lebensstufe 9: Die große Chance, weise zu werden
Nach etwa vierzig bis fünfundvierzig Jahren Tätigkeit endet das offizielle Berufsleben. Zur Vorbereitung der Verabschiedung in den Ruhestand ist es zunächst einmal gut, auf das zurückzublicken, was war. Man sieht vieles, was gut war und was man selbst auch gut gemacht hat. Und vielleicht ebenso vieles, das nicht gelungen ist. Es gibt Kollegen, bei denen man froh ist, sie nur noch von hinten zu sehen. Andere wird man schmerzlich vermissen. Es wird deutlich, dass eine ganz neue Zeit anbricht. Die vorgegebenen Strukturen fallen weg, die Anerkennung für getane Arbeit bleibt aus, die Möglichkeit zu Gesprächen – und sei es nur der Smalltalk in den Pausen am Arbeitsplatz – gibt es nicht mehr. Auch wenn man die Rentenzeit herbeigesehnt hat, ist die neu gewonnene Freiheit nicht automatisch das Paradies. Die neue freie Zeit muss gestaltet werden, eine neue Gestalt finden. Das kann, muss aber nicht unbedingt ein Problem sein. Viele Menschen haben Hobbys, an denen sie sich im fortgeschrittenen Alter noch freuen können oder die durch die viele freie Zeit, die jetzt zur Verfügung steht, sogar intensiviert werden können. Für andere bekommen Kinder und Enkel eine größere Bedeutung und man widmet ihnen nun mehr Zeit. In manchen Familien sind Oma und Opa unentbehrlich, weil ohne sie der Alltag nicht gemeistert werden könnte.
In dieser Zeit spüren wir aber deutlich, dass die Kräfte nachlassen. Krankheiten drängen sich in den Vordergrund und sind plötzlich Gesprächsthema im Freundeskreis. Es wird uns bewusst, dass wir nicht ewig leben und unbegrenzt agieren können. Wir sind herausgefordert, unsere Zeit sinnvoll zu gestalten und weise Entscheidungen zu treffen. Weisheit meint die Fähigkeit, einen ganzheitlichen Blick auf mein Leben zu werfen, mich als Individuum, aber gleichzeitig auch als ein Mitglied der Gesellschaft und Teil der Menschheit zu sehen. Weisheit bedeutet zu erkennen, dass ich vieles im Leben bekommen habe, teils durch meinen Einsatz, meine Arbeit, aber oft auch geschenkt. Für beides kann ich dankbar sein. Zufriedenheit entsteht dann, wenn Nehmen und Geben in Balance sind. Ein weiser Mensch bringt sich unaufdringlich ein, er muss nicht im Mittelpunkt stehen, kann beiseitetreten, sieht aber, wo er gebraucht wird und seinen Beitrag leisten kann. Mit weisen Menschen ist man gerne zusammen, weil sie offen sind, vorurteilsfrei Anteil nehmen und gleichzeitig aufgrund ihrer Lebenserfahrungen gute Begleiter sind. Obwohl viele im Rentenalter noch bei guten Kräften sind, kann man sich erlauben, alles langsamer angehen zu lassen, gelassener, ruhiger. Das fällt oft schwer, wenn man aus einem Berufsumfeld kommt, wo Zeit sozusagen Geld war. So gibt es auch in dieser Lebenszeit noch vieles zu lernen – ganz neue Qualitäten und Tugenden. Weise Menschen reflektieren das Erlebte. Dazu braucht es Zeit und Stille. Das wird in dieser Lebensphase möglich und ist das Geschenk dieser Zeit.
Übung
Wenn Sie auf Ihr Berufsleben zurückschauen: Was war schön? Was ist gelungen? Wofür sind Sie dankbar? Was war schwierig? Haben Sie auch aus den Schwierigkeiten etwas gelernt? Wie möchten Sie Ihre Rentenzeit gestalten? Die Kräfte lassen nach – worauf richten Sie Ihre Energie? Was ist Ihnen wichtig? Was haben Sie der Welt zu geben? Wie bedeutet Weisheit für Sie?
Lebensstufe 10: Abschiedlich leben
»Wir müssen lernen, abschiedlich zu leben«, sagte der Steyler Theologieprofessor Herrman Kochanek bei einem Vortrag anlässlich der Schließung eines Bildungshauses vor einigen Jahren in St. Augustin. Je älter wir werden, desto deutlicher und klarer wird uns diese harte Wahrheit. Dabei geht es nicht nur um den Abschied von lieben Menschen, die uns vertraut waren und unerwartet und in unseren Augen viel zu früh verstorben sind. Es geht auch um Projekte, die wir erfolgreich entwickelt haben, die aber nicht mehr in die aktuelle Zeit passen, oder um Dinge, die wir nicht mehr brauchen, um Ereignisse, an denen wir nicht mehr teilnehmen können oder wollen, und um tausend Dinge im Alltag, bei denen immer wieder etwas an sein Ende kommt. Wir müssen die Kunst des Loslassens üben, so schwer uns das auch fällt.
»Endlich« zu leben bedeutet anzuerkennen, dass die Vergänglichkeit zum Leben dazu gehört. Der schweizer Theologe Hermann Kochanek betont, dass die Dinge gerade deshalb ihren Wert haben, weil sie vergänglich sind. Sie sind nur zu ihrer Zeit, darin liegt ihre Kostbarkeit. Das zu sehen, befreit vom Zwang, alles festhalten zu müssen. Das lässt mich zwar den Abschiedsschmerz spüren, aber ich kann gleichzeitig dankbar sein für das, was war, auch wenn es jetzt vorbei ist. Menschen, die diese Haltung dem Leben gegenüber einnehmen, haben eine positive Ausstrahlung. Ihre Gegenwart tut einfach gut, weil sie Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen. Natürlich ist das der Idealfall und keinesfalls selbstverständlich. Wenn starke Schmerzen vorherrschend sind und das Leben zur Qual wird, ist das für alle Beteiligten ein schwerer Weg. Da ist es oft eine Erlösung, wenn der Mensch diese Welt verlassen kann. Das Loslassen fällt leichter, wenn ich mir bewusst mache, dass immer noch etwas kommt – auch in der letzten Lebensphase, in der die Kreise immer kleiner werden, ich immer abhängiger werde von meinem Umfeld und auf Hilfe angewiesen bin. Als spiritueller Mensch glaube ich, dass auch nach dem Tod noch etwas kommt, sich eine neue Welt auftut, die sich unserer Vorstellungskraft entzieht. Das Fremde, Unbekannte macht Angst. So wie das Baby das Urvertrauen in eine tragende Kraft braucht, um gesund und gestärkt durch das Leben zu gehen, so braucht der alte Mensch das gleiche Urvertrauen, um das Leben loslassen zu können. So schließt sich der Kreis.
Übung
Was können Sie gut loslassen, was nicht? Wie ist das für Sie, wenn die Kreise immer kleiner werden, Ihre Kräfte nachlassen, Sie auf Hilfe angewiesen sind? Wie sind Sie mit bisherigen Abschieden umgegangen? Was hat Ihnen geholfen?
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