1 ...6 7 8 10 11 12 ...28 Drehbücher enthalten sämtliche Angaben, die der Regisseur, die künstlerisch-technischen Mitarbeiter (Kamera, Beleuchtung) und die Schauspieler benötigen. Daher sind sie relativ dick. Jede Bewegung, jede KameraeinstellungKameraeinstellung wird geplant bzw. dokumentiert. Diese Texte erhält der Übersetzer normalerweise nicht. Das Drehbuch gehört zur PräproduktionPräproduktion; oft erhalten Übersetzer ein PräproduktionsskriptPräproduktionsskript ,jedoch nur in Form von Dialoglisten ohne ausführliche Produktionsplanung. Das PostproduktionsskriptPostproduktionsskriptpre-production scriptpost-production scriptContinuity1 stellt den Endzustand des Filmtextes dar und hat Dokumentationscharakter. Für die AV-Übersetzung ist es ideal, da beim Filmen veränderte Texte hier dokumentiert sind. Näheres dazu findet sich in diesem Kapitel bei Unterrichtsmaterialien.
Alle Filme entstehen in ihrer endgültigen Form erst im Schneideraum, aber bei DokumentarfilmenDokumentarfilm ist das besonders augenfällig. Sie enthalten authentisches, unbearbeitetes Material, das erst in eine ansprechende Form gebracht werden muss. So können aus zehn Stunden mit Tieren vor der Kamera zwanzig Minuten Film werden. Dazu kommt, dass Dokumentarfilme oft spontan gesprochenen Text enthalten, etwa Interviews. Diese Filmteile müssen nicht nur geschnitten werden – sie liegen als schriftlicher Text überhaupt nicht vor und dieser muss von einem SkriptdienstSkriptdienst erst bei Ansicht des Films erstellt werden, falls der Film in irgendeiner Form übersetzt werden soll.
Wer nicht mit Dokumentarfilmen arbeitet, arbeitet also ausschließlich mit künstlichen Texten (wobei auch Dokumentarfilme nicht ausschließlich natürliche Texte enthalten, sondern auch Moderatorentexte u.ä.). Es sind schriftliche Texte, die für die mündliche Wiedergabe gedacht sind, die aber die Unsauberkeiten authentischer mündlicher Sprache nur in Ausnahmefällen enthalten (dazu ausführlich Remael 2008) und die oft die Handschrift eines Autors tragen. Dies macht einen großen Unterschied bei der Arbeit.
Zur Drehbuchübersetzung gibt es weitere Informationen im Kapitel zur Synchronisation. Drehbücher werden auch für andere Zwecke übersetzt als zur Synchronisation oder Untertitelung, zum Beispiel, um im Rahmen einer internationalen Filmförderung das Drehbuch allen Juroren zugänglich zu machen.
Texte sind nicht einfach nur Rohmaterial; man muss verstehen, welche Erwägungen bei ihrer Gestaltung mitgespielt haben. Es ist für AV-Übersetzer daher sinnvoll, sich mit Fragen der Plot- und Charakterentwicklung zu beschäftigen, denn das Ausgestalten von Figuren und ihren Stimmen ist hilfreich, um auch beim Übersetzen die Besonderheiten einer Stimme zu erhalten und ein Gespür für die passende Sprache zu bekommen. Eine gut lesbare Einführung für Laien ist Benedict 2014.
Im Kino und im Fernsehen sieht man keinen TimecodeTimecode. Der Timecode zeigt an, an welcher Stelle im Film man sich gerade befindet. Er besteht aus vier zweistelligen Ziffern, die durch Doppelpunkte getrennt werden. Ein typischer Timecode sieht folgendermaßen aus: 01:20:40:14. Das bedeutet, dass der Film eine Stunde, zwanzig Minuten, vierzig Sekunden und 14 EinzelbilderEinzelbild (so genannte FramesFrame) lang gelaufen ist. Also 80 Minuten, vierzig Sekunden und 14 Fünfundzwanzigstelsekunden. Auf Abspielgeräten sieht man die Einzelbildkategorie nur, wenn der Timecode Teil des Films ist. Bei Filmen, die man für eine Voice-overVoice-over-Übersetzung erhält, ist das der Fall. ArbeitskopienArbeitskopie von Filmen haben oft einen groß in das Filmbild integrierten Timecode. Das liest sich gut – und es vermeidet, dass jemand vielleicht der Versuchung doch nicht widerstehen kann und die Filmkopie zum Verkauf anbietet.
Die Anmerkung mag banal wirken, aber man muss immer darauf achten, dass Stunden und Minuten sechzig Einheiten haben, nicht hundert. Hier kommt es gerne mal zu Rechenfehlern. Einzelbilder hat man bei den meisten Filmformaten 25 pro Sekunde, so dass hier schon nach der 24 zur nächsten Sekunde geschaltet wird. Bei Profi-Untertitelungssoftware kann man auch Filme mit anderen Einzelbildzahlen (z. B. 29 Frames pro Sekunde) einspeisen. Das Programm passt die Zählung automatisch an.
Bei den heutigen Untertitelungsprogrammen und bei anderen Filmbearbeitungsprogrammen wird der Timecode automatisch angezeigt. Wenn man ein gutes Filmskript hat, steht bei jedem Texteinsatz, Tonwechsel und jedem Wechsel von EinstellungKameraeinstellung und SchnittSchnitt der Timecode. Man kann über den Timecode gezielt bestimmte Stellen im Film anfahren und bearbeiten. Die UntertitellisteUntertitelliste wird ebenfalls mit Timecodes versehen.
Diese Einführung sollte zur Sensibilisierung dafür dienen, wie vielschichtig die Problematik der Filmübersetzung schon unabhängig von den einzelnen Verfahren ist. Nicht angesprochen wurden das gesellschaftliche und politische Interesse an der Übersetzung von Filmen und die Beschäftigung mit dem Film als Kunstwerk. In jedem Werk zur Game-Lokalisierung wird als erstes erwähnt, dass man diese Tätigkeit nur ausüben sollte, wenn man Games mag und mit ihnen vertraut ist. Das gilt für alle Tätigkeiten. Je mehr Filme Sie sich ansehen, gleich welches Genre, gleich mit welchem Übersetzungverfahren oder als pure O-Version: Auge und Ohr werden geschult, und Ihre Übersetzungen werden mit Sicherheit immer besser.
2 Interlinguale Untertitelung
2.1 Definition
Im Übersetzungsunterricht ist die interlinguale UntertitelungUntertitelunginterlinguale Untertitelung die beliebteste Form der AV-Übersetzung. Die heutigen technischen Möglichkeiten erleichtern einen praxisnahen Unterricht; normale PCs genügen, um den typischen Ablauf beim Untertiteln zu simulieren, eine große Anzahl von teils kostenlosen UntertitelungsprogrammenUntertitelungsprogramm macht diese Übungen auch dort möglich, wo die finanziellen Mittel nicht zur Anschaffung einer Profi-Software genügen. Die Oberflächen dieser Programme ähneln sich: Überall kann man mindestens den Film mit Timecode sehen, im Film den gerade laufenden Untertitel, unter oder neben dem Film die nachfolgenden Untertitel. Profi-Programme haben den Vorteil, dass wirklich alle Möglichkeiten der Untertitelung ausgeschöpft werden können und dass man die Untertitel in separaten Dateien speichern kann. Außerdem verfügen sie über Kommentarfunktionen, mit denen man Untertitelungsklausuren sehr gut korrigieren kann. Die Interlingualität fordert die bei anderen Übersetzungsaufgaben trainierten Fertigkeiten, die besonderen Bedingungen der interlingualen Untertitelung bieten eine zusätzliche Herausforderung.
Die Definition der interlingualen Untertitelung aus der Encyclopedia of Translation Studies lautet folgendermaßen:
Subtitling consists of the production of snippets of written text (subtitles, or captionsCaptions in American English) to be superimposed on visual footage – normally near the bottom of the frame – while an audiovisual text is projected, played or broadcast … Interlingual subtitles provide viewers with a written rendition of the source text speech, whether dialogue or narration, in their own language. (Pérez González 2011 [2009]: 14)
Andere Aspekte werden in der Definition von Gottlieb hervorgehoben:
Untertitel als Übersetzungsmittel können definiert werden als Übertragung in eine andere Sprache von verbalen Nachrichten im filmischen Medium in Form eines ein- oder mehrzeiligen Schrifttextes, die auf der Leinwand erscheinen und zwar gleichzeitig mit der originalen gesprochenen Nachricht. (Gottlieb 2002: 187f.)
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