Diese Zeitschriften haben alle Peer-Review-Systeme, sind aber im Internet leicht zu finden und erheben keine Zugangskosten (meist auch keine Autorenkosten). Das heißt nicht, dass Print-Zeitschriften wie Target , eine der hervorragendsten Zeitschriften zur Translatologie und eine der ersten, in denen Artikel zur AV-Übersetzung publiziert wurden, keine wichtigen Quellen wären. Zu den Online-Zeitschriften mit kostenpflichtigem Zugriff, die viele Beiträge zur AV-Übersetzung bieten, gehören The Translator ( www.tandfonline.com/toc/rtrn20/24/4?nav=tocList), Perspectives: Studies in Translation Theory and Practice ( www.tandfonline.com/toc/rmps20/current) und Across Languages and Cultures – A Multidisciplinary Journal for Translation and Interpreting Studies ( https://akademiai.com/loi/084). Hier ist man auf einen Zugang über die Hochschule angewiesen; die Abstracts kann man jedoch meist kostenlos ansehen. Es bleibt natürlich immer die Möglichkeit, den jeweiligen Autor um Hilfe zu bitten.
Bei Verlagen wie Benjamins und Frank&Timme erscheinen zudem regelmäßig wissenschaftliche Untersuchungen wie auch didaktisch orientierte Werke zur AV-Übersetzung.
Forschungsliteratur, die sich auf einzelne Verfahren bezieht, wird in den entsprechenden Kapiteln angeführt. Überblickswerke sind selten. Das bisher umfassendste Werk zum Thema AV-Übersetzung, das sowohl die Praxis wie auch die unterschiedlichsten Forschungsansätze beleuchtet, ist Pérez González 2014. Das von Díaz Cintas 2008 herausgegebene The Didactics of Audiovisual Translation ist auch heute noch eine ausgezeichnete Einführung in die unterschiedlichen Verfahren. Gambier gehört zu den Pionieren auf dem Gebiet der AV-Übersetzungsforschung und gibt in seinen diversen Arbeiten einen Überblick über verschiedene Verfahren. Einen sehr ausführlichen und gleichzeitig amüsanten Überblick über den Stand der Dinge bieten Szarkowska / Wasylczyk 2019.
1.4 Untertitelung versus Synchronisation – der ewige Streit
Die Debatte darüber, welches Verfahren das bessere sei, dreht sich seit Jahrzehnten im Kreis. Hier soll zunächst die Verteilung der beiden Verfahren in Europa dargestellt werden, dann folgen die typischen Argumente für und wider.
In manchen Ländern ist es üblich, dass Filme, die in Kino und Fernsehen gezeigt werden, interlinguale UntertitelUntertitelinterlinguale Untertitel erhalten. In anderen Ländern werden Filme synchronisiert, und Deutschland ist auch heute noch ein typisches SynchronisationslandSynchronisationsland (selten auch „SynchronnationSynchronnation“). Bis auf wenige Ausnahmen werden alle Serien und Filme für Fernsehen und Kino synchronisiert. Das Publikum ist an diese Situation gewöhnt, doch mit dem Erfolg der StreamingdiensteStreamingdienst und den überall frei verfügbaren, oft englischsprachigen Inhalten auf YouTube, ändert sich diese Haltung. Jüngere Zuschauer wünschen sich, zumindest für englischsprachige Produktionen, eher Untertitel (siehe auch Media Consulting Group 2011: 11). In den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender kann man bei manchen Serien zwischen untertiteltem Original und Synchronfassung wählen. Untertitelung wird heute auch hierzulande nicht mehr als Ausnahme wahrgenommen und auch nicht mehr mit Ausnahmesituationen verknüpft. Noch vor zehn Jahren konnte man interlinguale Untertitel im Fernsehen höchstens bei OpernaufführungenOpernaufführung oder Filmen in den Kulturprogrammen (3sat3sat, ARTEARTE) erwarten oder außerhalb des Fernsehens bei Filmfestivals. Auch die Abwendung jüngerer Zuschauer vom linearen Fernsehen hat zu dieser Veränderung beigetragen. Was die Untertitelung von Filmen aus kleinen Sprachen betrifft, so findet diese weiterhin statt.
Dennoch bleibt die Synchronisation in Deutschland wichtig; das Publikum besteht nicht nur aus jungen Trendsettern, Gewohnheiten ändern sich nicht so schnell und es gibt noch andere große Ausgangssprachen als Englisch, die nicht eine so weite Verbreitung in der Bevölkerung genießen. Außerdem hängt eine große Industrie von der Synchronisation ab.
Warum ein Land zu einem Synchronisationsland wird, hat unterschiedliche Gründe. Oft leitet man diese Entwicklung aus der Geschichte der betreffenden Länder her. Spanien, Italien und Deutschland, drei typische Synchronisationsländer, haben eine faschistisch-totalitäre Vergangenheit (siehe z. B. Danan 1991). Wenn man einen Film synchronisiert, kann man besser lügen und unliebsame, beispielsweise pazifistische Inhalte verfälschen. Außerdem wird bei der Synchronisation die Nationalsprache eingesetzt. So auch Garncarz:
Es ist so, dass in Deutschland der Nationalsozialismus einen direkten Einfluss hatte auf die Etablierung der Synchronisation. Es gibt eine Studie in einem amerikanischen Fachjournal aus dem Jahr 1950, und diese Studio [sic] listet 60 Länder aus der ganzen Welt auf, darunter 16 europäische Staaten, und von diesen 60 Ländern gibt es nur drei Länder, die ausschließlich Synchron-Fassungen akzeptieren: das sind Italien, Spanien und Deutschland … Und man sieht schnell, dass es die drei Länder des europäischen Faschismus sind. Das bedeutet natürlich keineswegs, dass Synchronisation in irgendeiner Weise faschistisch ist, es bedeutet nur, dass Länder, die einen besonderen Wert auf ihre kulturelle Spezifik legen, die die eigene Sprache und die eigene Kultur höher schätzen als die Sprachen und Kulturen der Nachbarländer, dass diese Länder einen besonderen Wert darauf legen, dass alles Ausländische quasi in die eigene Sprache übersetzt wird. (Garncarz in Metz / Seeßlen 2009)
Doch diese Erklärung greift zu kurz. Auch in Frankreich ist die Synchronisation das häufigste Verfahren der AV-Übersetzung. Die Menge der Zuschauer, die den fertigen Film sehen werden, spielt eine sehr große Rolle dabei, ob ein so teures Verfahren eingesetzt wird (dazu zusammenfassend die Media Consulting Group 2011: 25). Eine Synchronfassung lohnt sich erst, wenn vierzig oder mehr Kopien eines Films in den Kinos laufen (Hinderer 2009: 271).
Ein weiterer Grund, der gegen eine rein geschichtliche Erklärung spricht, ist das kleine Portugal, das schon immer ein UntertitelungslandUntertitelungsland war – und der Beweis dafür, dass in einer Diktatur auch in den Untertiteln verfälscht und gelogen wird (ausführlich dazu Pieper 2009). Abgesehen vom Englischen, das heute viele Menschen einigermaßen gut verstehen, sind die Fremdsprachenkundigen in jeder Kultur weit verstreut und der Großteil des Publikums ist ausschließlich auf die Untertitel oder die synchronisierte Fassung angewiesen. Und drittens wird in Synchronisationen auch unabhängig von Diktaturen gelogen. Casablanca Casablanca (USA 1942) erreichte Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotzdem wurden alle Hinweise auf das Dritte Reich so gut wie möglich getilgt, um den Erfolg des Films auch bei deutschen Zuschauern zu sichern (siehe Kapitel 3.6.7).1
Untertitelungsländer sind, wie zu erwarten, Länder mit einer kleinen Sprachgemeinschaft. Die skandinavischen Länder sind Untertitelungsländer. Gerade bei Ländern mit mehreren LandessprachenLandessprache bietet sich die Untertitelung an, entweder in zwei Fassungen oder in einer Fassung mit doppelten Untertiteln. Eine Synchronisation in beiden Landessprachen wäre schon aus Kostengründen unmöglich; in diesen Ländern werden nur Kindersendungen synchronisiert. Europakarten mit einer Übersicht über die in den jeweiligen Ländern bevorzugten Verfahren im Kino und im Fernsehen finden sich im Rapport Final der Media Consulting Group (2011: 9-10). Großbritannien hat keine wirkliche Tradition der AV-Übersetzung; höchstens in Programmkinos und auf Festivals werden Filme aus fremdsprachlicher Produktion aufgeführt:
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