TogetherText

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Im 21. Jahrhundert sind Theaterformen weit verbreitet, in denen Sprechtexte, Redeweisen und Skripte in gemeinsamen (Proben-)Prozessen entstehen: in einem Team von Kunstschaffenden oder unter Mitwirkung des Publikums. «TogetherText» bezeichnet kooperative und prozessuale Verfahren der szenischen Texterzeugung und ihre Konsequenzen für Sprache, (Bühnen-)Raum, Zuschausituation, Theaterinstitution und deren Analyse. Hier stellen sich Fragen nach flachen Hierarchien und Entscheidungsbefugnissen, alltäglichem Sprachgebrauch und Ästhetisierung des Textmaterials, der Zusammenarbeit von Profis und Laien oder des Urheberrechts und der Nachspielbarkeit. Der Band konturiert die entsprechenden Problemfelder, versammelt künstlerische Strategien und liefert Vorschläge für ein analytisches Instrumentarium.

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Was bedeuten die Veränderungen hin zum prozessualen Text für die juristische Ebene?

»Die Verträge werden schwieriger, weil sie vielfältiger werden – ich kann ja nicht den einen Vertrag machen und sagen, ›das ist jetzt der TogetherText -Vertrag‹. Es gibt ja noch mehr Kategorien als die drei, die ich vorhin beschrieben habe. Das ist noch nicht verankert und ausdekliniert in den Verträgen. U. a. die Professionalisierung der Freien Szene oder mehr Auslandsbezug machen es immer komplizierter. Man hat verschiedene Steuerrechte oder die Künstlersozialkasse, das sind alles spezielle Themen, die man bedenken muss. Förderungen auf Verbandsebene und auch die der Gruppen werden höher, die Professionalisierung geht voran und dadurch fängt man an, sich mehr Gedanken dazu zu machen.«

Welche Wandlungen in den Strukturen nimmst du wahr?

»Durch die Wandlung von den klassischen Anstellungsverträgen, die durch andere Arbeitsformen ersetzt werden, wandelt sich alles. Die Szene wird internationaler, das Internationale stößt auch Projektentwicklungen an und Projektentwicklungen das Internationale, die öffentlichen Förderungen für die Freie Szene steigen, es gibt Doppelpass-Projekte usw. Da wächst ganz viel, dadurch entstehen andere Strukturen und rechtlich komplett neue Konstellationen. Da gibt es keinen Anstellungsvertrag mehr, sondern auf einmal eine GmbH, wo Gesellschafter*innen zusammenarbeiten und Text produzieren. Die Strukturen werden herausgefordert, aber das tut ja Staatstheater wie Freier Szene gut. Doppelpass ist ja ein anschauliches Beispiel für die Idee, dass jede*r voneinander lernen kann.«

Maria Nübling, Leiterin Stückemarkt, Berliner Theatertreffen

Maria Nübling (*1989) ist seit 2017 Dramaturgin des Theatertreffens und seit der Spielzeit 2018/19 Leiterin vom Stückemarkt. 2012 begann der Stückemarkt, nicht nur Theatertexte, sondern auch Projekte einzuladen .

Kannst du die Entwicklung vom Stückemarkt beschreiben? Was war die Idee hinter der Öffnung für Projekte?

»2003 wurde der Stückemarkt europaweit geöffnet, davor beschränkte er sich auf Texte aus dem deutschsprachigen Raum. 2012 wurde er zudem für Projekte geöffnet. Letztes Jahr haben wir den Schritt gemacht, ihn für Einsendungen aus der ganzen Welt zu öffnen. Die Öffnung für die Projekte lag zwar vor meiner Zeit, aber dieser Schritt hatte viel damit zu tun, mit der Zeit gehen zu wollen. Wir haben festgestellt, dass wir nur noch einen Teilbereich davon fördern, wie an den Theatern Texte und Theaterabende entstehen. Wenn man nur die klassische Autor*innenschaft – quasi ›vom Schreibtisch zur Regie‹ – fördert, ist das eben nur ein Bereich. Natürlich macht in Deutschland und im angelsächsischen Raum dieser Teil viel aus, aber in den Spielplänen sieht man ja, dass prozessual erzeugte Texte relevant sind. Wenn man auch die Freie Szene einbinden will, war das ein Schritt, den man gehen musste. Dort ist ein Stücktext als Ausgangspunkt für einen Theaterabend meist nicht die primäre Arbeitsweise.«

Ist diese Art der Textproduktion eurer Beobachtung nach angekommen bei den Theatermacher*innen und Zuschauer*innen?

»Ich habe das Gefühl, dass das in vielen Fällen eine Generationenfrage ist. Wenn ich mich mit jüngeren Theatermacher*innen unterhalte, ist es gar keine Frage, ob man das eine über das andere priorisiert. Viele Wege führen nach Rom: Da kann man den klassischen Textweg oder den kollektiven Weg gehen. Es gibt immer noch Leute, die demgegenüber eine Grundskepsis und ein sehr traditionelles Theaterverständnis haben. Das wird sich auch nicht rapide ändern, aber gerade für jüngere Theatermacher*innen und die Freie Szene ist das doch toll, dass so eine Leuchtturminstitution wie das Theatertreffen mehr Platz schafft und Staatstheater und Freie Szene nicht konsequent auseinanderhält.«

Habt ihr eine Definition für die Texte und Projekte, die bei euch eingereicht werden können?

»Bis zu einem gewissen Grad ist das sehr offen. Da wir aber Kollektive oder Theatermacher*innen und nicht Regisseur*innen fördern wollen, schauen wir an dieser Stelle etwas genauer hin. Wenn sich jemand mit einem Projekt bewirbt, aber eigentlich Person x den Text geschrieben hat und gar nicht unbedingt in diesem Projekt involviert ist, würde das rausfallen, dann würden wir Regieförderung betreiben.«

Wie findet die Auswahl statt, wie geht ihr vor bei einer so großen Offenheit?

»Wir haben eine sehr diverse Jury, die sowohl mit ›klassischen‹ Autor*innen aber auch Künstler*innen aus dem Performancebereich besetzt ist. Die Jury berufe ich in Absprache mit meinen Kolleg*innen. Es geht uns darum, dass verschiedene Disziplinen vertreten sind und dass sich die weltweite Öffnung in der Jury spiegelt. Verschiedene Blickachsen und Disziplinen sollen für eine möglichst diverse Diskussion sorgen.«

Ihr habt nach der Öffnung für Projekte viel Kritik erhalten –

»Ein häufiger Kritikpunkt ist die Vergleichbarkeit: Man könne ja nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Ich sage aber: Warum sollte man das eine über das andere priorisieren? Wir suchen ja nicht das perfekte Stück oder die perfekte Performance, sondern wollen spannende Künstler*innen entdecken, die das Potential zeigen, auch langfristig interessante Arbeiten zu kreieren. Und da diese Potentiale und Künstler*innen sinnvoll gefördert werden sollen – wir vergeben einen Werkauftrag – stellt sich für mich die Frage gar nicht so, wie man das eine mit dem anderen vergleichen kann.«

Spiegelt sich eine Veränderung in der Textproduktion in den Einsendungen, die euch erreichen?

»Vor der weltweiten Öffnung wurden tatsächlich mehr Texte und deutlich weniger Projekte eingereicht, das hat sich jetzt geändert: 2017 waren es z. B. 201 Texte und 85 Projekte, die uns erreicht haben. 2018 waren es 181 Texte und 82 Projekte. Das hat sich durch die weltweiten Einreichungen erstmals gewandelt, jetzt überwiegen die Projekte: 2019 gab es 168 Texte und 193 Projekte, für 2020 wurden 178 Texte und 183 Projekte eingereicht. Neben Deutschland ist der angelsächsische Raum noch relativ stark vertreten mit dem ›klassischen‹ Textprozess, aber sonst ist der prozessuale Vorgang in vielen Theaterkulturen eher der vorrangige, das hat man an den Einsendungen gemerkt.«

Bernd Isele, Dramaturg und Leiter der Autorentheatertage, Deutsches Theater Berlin

Bernd Isele, der als Dramaturg u. a. schon am Luzerner Theater und am Schauspiel Stuttgart arbeitete, ist seit 2018/19 Leiter der Autorentheatertage am Deutschen Theater in Berlin, über die wir uns in der Kantine des DT unterhalten .

Wie laufen die Autorentheatertage ab? Gibt es einen Begriff von Autor*innenschaft, der eurer Auswahl zu Grunde liegt?

»Die Autorentheatertage teilen sich in verschiedene Segmente. Das erste ist der Wettbewerb, wo jede*r Stücke einreichen kann. Dabei handelt es sich in aller Regel um einen zu Papier gebrachten Text. Wie dieser Text aussieht, wie er entstanden ist und wie viele Autor*innen er hat, ist für uns erst mal egal, d. h. es gibt da keine Kriterien, die irgendwas verbieten oder präferieren. Es ist auch so, dass sich dieser Wettbewerb nicht nur an etablierte Autor*innen/Theatermacher*innen richtet. Aus den Einsendungen ergeben sich dann drei Uraufführungen.«

Wie trefft ihr die Auswahl?

»Die Auswahl der Uraufführungen liegt in der Hand einer Jury. Natürlich gibt es so etwas wie eine objektive Auswahl nicht, niemand ist in der Lage, die drei ›besten Stücke‹ auszuwählen. Das ist immer subjektiv und mit der Auswahl der Jury definiert man eine Auswahl mit. Dieses Jahr (2020) ist die Dramatikerin Dea Loher Chefjurorin und Schauspielerin Nina Hoss und Dramaturg und Übersetzer David Tushingham sind Co-Juror*innen. Die drei Partnertheater, die das dann produzieren, haben kein Mitspracherecht, d. h. denen fällt dann irgendwas auf den Tisch, und das ist dann die Aufgabe, die man lösen muss. Das kann eben auch ein Text sein, den sie nicht erwartet haben. Manchmal ist es schön, die Dinge aufeinanderprallen zu lassen und zu schauen, was sich entzündet. Das setzt andere Energien frei, bei der letzten Festivalausgabe hat das prima funktioniert.

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