Ihre Augen strahlten. »Das ist ja wunderbar!«
»Wunderbar? Ich habe total versagt, und außerdem bin ich völlig erledigt.«
»Na ja, es war ja auch dein erster Tag hier.«
»Ja, wahrscheinlich lag es daran.« Ivan rutschte voller Unbehagen auf seinem Stuhl hin und her.
»Du bist noch jung im Glauben, Ivan. Du wirst schon noch aufholen.« Sie sah bei diesen Worten sehr überzeugt aus.
Aber Ivan wollte gar nicht aufholen. Er wollte nach Hause. Er wollte sein gewohntes Leben zurück haben. »Und was ist mit dir? Du bist doch schon weiter im Glauben und reifer. Hältst du dich denn immer hundertprozentig an die Regeln?«
Die Frau machte eine kurze Pause, senkte die Stimme und beugte sich ganz nah zu ihm vor. Sie schaute sich misstrauisch um, als befürchtete sie, jemand könnte sie belauschen, und flüsterte dann: »Ich sag dir mal was.« Ihr Tonfall war monoton und hatte etwas Verschwörerisches. »Eigentlich reden wir ja nicht darüber, aber Tatsache ist, dass sich niemand hundertprozentig an die Regeln hält.«
»Wirklich? Niemand?«
»Genau. Aber mit der Zeit lernt man hier ein paar Tricks, wie man damit durchkommt.«
»Tricks?«
»Na ja, also nicht direkt Tricks. Vielleicht sollte ich lieber sagen, dass wir die Gewichtung hin und wieder ein wenig verschieben. Ist dir aufgefallen, dass einige Regeln für jeden erkennbar und dadurch auch offensichtlicher und auffälliger sind, andere dagegen eher mit unserem Innern zu tun haben und nicht gleich so deutlich zu merken?«
»Ja, das ist wohl so, aber ...«
Sie ließ ihn nicht ausreden. »Konzentrier’ dich möglichst auf die sichtbaren, Ivan. Auf das, was die Leute sehen können. Wenn du die Regeln einhältst, deren Auswirkungen sofort zu erkennen sind, dann schließen die anderen Leute daraus fast immer, dass du auch alle übrigen befolgst, die nicht so sichtbar sind.«
Ivan war verwirrt. »Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber wenn ihr alle nur so tut, als ob ihr euch an alles haltet, ist euch dann nicht auch klar, dass die anderen Leute hinter ihrer korrekten Fassade genau so schummeln wie ihr selbst?«
»Damit trittst du mir nicht zu nahe. Das geschieht irgendwie in allgemeinem Einvernehmen. Und wie gesagt, wir reden auch nicht darüber, nicht einmal mit Neuankömmlingen. Normalerweise jedenfalls nicht.«
»Na, vielen Dank dann«, sagte Ivan und signalisierte damit vage, dass er ihren Hinweis zu schätzen wusste. Aber irgendwie fühlte er sich auch unwohl dabei. Klar, er wollte gern wieder nach Hause zurück, um bei seiner Familie zu sein. Aber wenn der König wirklich real war, dann musste das Gebet zu ihm doch aufrichtig sein. Er hatte sein Leben Jesus Christus übergeben. »Was die anderen Leute denken, ist doch nur die eine Seite dabei. Am meisten weh tut doch das, was ich über mich selbst denke, wenn ich versage. Ich kann doch den König nicht enttäuschen nach allem, was er für mich getan hat.«
»Aber das ist doch gerade das Gute daran«, sagte die Marktfrau. »Wenn man sich auf die äußerlich sichtbaren Regeln konzentriert, dann schafft man sich dadurch eine Art Maske, hinter der man sich verstecken kann, sogar wenn man in den Spiegel schaut, und man erfüllt gleichzeitig die öffentlich sichtbaren Regeln. Das heißt doch, dass man schon ungefähr die halbe Liste von Regeln abhaken kann, oder?«
»Wahrscheinlich. Klappt das denn bei dir?«
»Meistens.« Sie zuckte leidenschaftslos mit den Achseln. »Hier, ich zeig es dir.«
Zu Ivans großem Erstaunen begann die Frau, sich die Haut vom Gesicht abzuziehen. Nein, es war gar nicht Haut, sondern eine Maske, die wie ihr Gesicht aussah, mit einem künstlichen Lächeln darauf, das wie angetackert aussah. Ihr echtes Gesicht war gezeichnet von tiefen Falten und Furchen der Enttäuschung und Traurigkeit. Offenbar war es ihr peinlich, dass jemand sie so ganz ohne Maske sah. Also zog sie sie rasch wieder an, und schon in dem Augenblick, als die Maske wieder zurechtgerückt war und richtig saß, war nicht mehr zu erkennen, dass sie überhaupt eine trug. »So geht das, siehst du? So ist es besser.«
Und sie sah mit der Maske tatsächlich besser aus als ohne. »Aber der König weiß es doch, oder? Wie kann man denn die Segnungen des Königs erleben, wenn man nicht gut genug sein kann, um sie auch zu verdienen? Ist es nicht genau das, worum es in dem Leben hier geht?«
»Um die Gaben und Segnungen des Königs zu bekommen, musst du ihn darum bitten. Es hat noch nie jemand etwas bekommen, ohne darum zu bitten. Und bevor man bittet, muss man ihm gefallen und recht sein. Und beim Bitten muss man Glauben haben. Glaube kommt durch eine heilige Beharrlichkeit. Er möchte, dass du ihn bedrängst. Du musst seine Verheißungen in dem Buch unter den Regeln finden und sie dann für dich selbst in Anspruch nehmen.«
»Sie in Anspruch nehmen?«
»Schreib sie dir heraus, lerne sie auswendig, bringe sie jedes Mal zur Sprache, wenn du mit dem König redest. Erinnere ihn daran, dass er seine Versprechen hält, und bitte hartnäckig so lange weiter, bis er dir gibt, worum du ihn gebeten hast.«
»Er will also, dass wir ihn damit behelligen, ihm vielleicht sogar richtig auf die Nerven gehen?« Ivan war verwirrt. »Wenn er real ist und wirklich hier, warum gibt er uns dann nicht einfach, was wir brauchen?«
»Das tut er ja, das tut er ja. Aber bis dahin ist normalerweise erst ein bisschen Verzweiflung nötig. Und eine gehörige Portion Arbeit. Wenn du nicht bekommst, was du möchtest, dann liegt das daran, dass du nicht leidenschaftlich genug darum gebeten hast oder dass du nicht richtig gebetet oder nicht richtig oder nicht regelmäßig oder nicht intensiv genug deine Stille Zeit gehalten hast. Oder weil es Sünde in deinem Leben gibt. Du wirst schon sehen.«
Ivan war jetzt geknickt und mutlos. Das hörte sich alles so kompliziert an. Plötzlich fand er seinen Stuhl schrecklich unbequem.
»Nein, nein – es hat keinen Sinn, dagegen anzukämpfen, Ivan. So hat sich der König nun mal sein Reich gedacht. Es ist das Gesetz.«
»Das Gesetz also, ja? Na ja, wenn du es sagst. Aber funktioniert das denn überhaupt so?«
»Nicht immer.« Wieder zuckte die Marktfrau die Achseln. »Segen kommt und Segen geht. Wahrscheinlich erwartet man mit der Zeit einfach nicht mehr so viel.«
»Aber das ist nicht unbedingt der Grund, weshalb ich mein Leben dem König übergeben habe.« Ihre Worte lösten eine tiefe Mutlosigkeit bei ihm aus, die an seiner Seele zehrte. Fürs Erste war er in der Lage, diese Mutlosigkeit beiseite zu schieben, sogar ohne dazu eine Maske zur Hilfe nehmen zu müssen. Aber seine Mädels fehlten ihm schrecklich.
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