Das war bei dieser Hitze sowieso viel zu anstrengend.
Er umklammerte den Griff der Schaufel noch fester mit den schwieligen Händen. Nach zwei langen Jahren im Lager hatte er sich an die ständige Erschöpfung gewöhnt. Mit dem gestrigen Tag hatte er die Hälfte seiner Haftstrafe verbüßt, und es lagen weniger Tage in Gefangenschaft vor als hinter ihm. Dieser Gedanke machte die Hitze, den Schweiß, die schmerzenden Knochen, den an der Haut klebenden Schmutz und den Staub, der in den Augen brannte, etwas erträglicher.
Das Schaufelblatt stach mit einem kratzenden Schabgeräusch in das graue, lockere Erdreich. Hank hielt inne. Der Schweiß, der seinen Rücken hinunterlief, fühlte sich auf der sonnenverbrannten Haut beinahe kühl an, und er schauderte.
Plötzlich kam Wind auf. Er drehte schnell den Kopf zur Seite, um keinen Staub zu schlucken.
»Grundgütiger, sieh dir das an.«
Hank legte schützend eine Hand über die Augen und spähte in Richtung Horizont. Der Anblick verschlug ihm den Atem. In vier bis fünf Meilen Entfernung endete die sonnenverbrannte Erde vor einer tiefschwarzen Mauer, einer brodelnden Wolke aus kohlschwarzen Schatten, als hörte die Welt vor einem bodenlosen Abgrund einfach auf.
»Scheiße auch, Hank, hast du schon mal so einen Sturm gesehen?«, fragte Terry Pritcher, ein Viehdieb, der seit seinem siebzehnten Lebensjahr hier einsaß. Vierzehn Jahre Feldarbeit hatten ihm zu einem sehnigen, muskulösen Körper verholfen, ihn aber leider nicht schlauer gemacht.
Hank schüttelte den Kopf, ohne Terry anzusehen. »Noch nie.«
Sekunden später zerrte heftiger Wind an ihnen und wirbelte den Staub auf. Die winzigen Körner peitschten gegen ihre Haut. Hank hielt sich die Hände vors Gesicht und konnte trotzdem den Blick nicht vom Sturm abwenden.
Er kam genau auf sie zu.
Der Himmel über ihnen verdunkelte sich.
»Was sollen wir machen, Boss?«, fragte er den nächsten Wärter. »Wir sollten uns irgendwo unterstellen, meinen Sie nicht?«
Dicke, warme Regentropfen fielen auf ihn herab, doch anstatt die Hitze zu lindern, schienen sie Hank regelrecht zu verbrühen. Der trockene, durch die Luft wirbelnde Staub saugte die Feuchtigkeit gierig auf.
Der Wärter, ein gewisser J. D. Cotton, runzelte die Stirn, blickte dann aber doch in die Richtung, in die Pritcher zeigte. Sobald er das tat, folgten alle anderen, die Wärter wie auch die zur Zwangsarbeit abkommandierten Gefangenen, seinem Beispiel.
Die Oberkante des Staubsturms wurde immer breiter, dehnte sich aus, als wollten die dunklen, grimmigen Wolken die ganze Welt verschlingen. Schon bald hatten sie die Sonne völlig verdeckt. Aus helllichtem Tag wurde Nacht, und sie waren dem Wind und dem Staub schutzlos ausgeliefert.
»Na schön, Männer.« Cotton hob die Schrotflinte und schoss in die Luft. »Setzt euch in Bewegung, aber bleibt zusammen. Wer das für eine günstige Gelegenheit hält, die Fliege zu machen, kann sich schon mal auf ein paar Schrotkugeln in den Eiern freuen. Na los!«
Die Männer brachten die Schaufeln und Schubkarren zu den Lastwagen hinüber und luden sie ein.
Dann veränderte sich etwas in der Luft.
Hank spürte es und blieb stehen. Sein Hintermann lief in ihn hinein.
»Himmelarsch, Burnside, was zum Teufel ist los mit dir?«, bellte eine wütende Stimme.
Er hörte sie gar nicht. Mit besorgter Miene drehte er sich zur Sturmfront um. Der Luftdruck war gesunken und der Wind hatte gedreht. Er kniff die Augen zusammen und blinzelte ein paarmal, als könnte er nicht glauben, was er da sah.
Die Wolkentürme bedeckten nun den ganzen Himmel und kamen immer näher. Mehrere röhrenförmige Gebilde schälten sich aus der wirbelnden Dunkelheit. Die rasenden Staubsäulen reichten bis zum Boden hinab.
»Tornados!«, schrie Hank und deutete darauf.
Die Häftlinge und Wärter brüllten und fluchten durcheinander, dann nahmen sie die Beine in die Hand. Die Wärter kletterten in die Fahrerhäuser, die Gefangenen warfen sich auf die Ladeflächen. In ihrer Hast achteten sie nicht darauf, ob sie sich die Knie an den Schaufeln blutig schlugen. Sie wollten einfach nur ins Gefängnis zurück. Statt von Mauern war die Guilford-Haftanstalt von Stacheldraht umgeben, die Gebäude selbst jedoch waren massiv wie Bunker. In den Zellen und Kellerräumen waren sie vor dem Sturm geschützt.
Hank Burnside hatte vor nichts Angst, doch nur ein Narr hätte angesichts eines solchen Sturms nicht sofort Schutz gesucht. Während er auf die Ladefläche kletterte, heulte der Motor auf. Der Fahrer legte den Gang ein und raste los. Hank sah sich um. Eine einsame Gestalt in einem schmutzigen Häftlingsoverall lief auf einen Bewässerungsgraben zu.
Die Wärter waren beschäftigt, und Terry Pritcher nutzte die Gelegenheit zur Flucht.
J. D. Cotton tauschte die Schrotflinte gegen ein Gewehr und schätzte in aller Seelenruhe Entfernung und Windstärke. Dann legte er an und schoss Pritcher aus hundert Metern Entfernung in den Kopf. Blut, Gehirnmasse und Knochensplitter spritzten auf, und der staubige Wind trug sie mit sich fort. Pritcher – tot wie die sonnenverbrannte Erde – sank in den Graben.
Der Lastwagen rumpelte über die unebene Straße auf das Gefängnis zu.
Der Sturm kam immer näher und der Himmel färbte sich schwarz. Ein Tornado nach dem anderen erreichte den Boden. Die Erde bebte und der Wind brüllte.
Drei
Jeremiah schrie herzzerreißend und wollte gar nicht mehr aufhören. Nur eins konnte ihn beruhigen: Elisa nahm das Baby in die Arme und gab sich alle Mühe, nicht zusammenzuzucken, als sie es an die entblößte Brust hob. Der Kleine zahnte und ihre Haut wurde immer empfindlicher. Das brennende Stechen war jedoch nichts im Vergleich zu den drückenden Kopfschmerzen. Es war, als ob die Faust eines Riesen im Takt ihres Herzschlags gegen ihren Schädel trommelte.
Tief durchatmen, sagte sie sich. Etwas frische Luft hilft sicher. Und ein paar ruhige Minuten … ohne sich zu zanken.
Sie liebte ihren Mann, aber Stefan war auch der Grund dafür, dass sie Kopfschmerzen hatte. Elisa hatte zwar den Streit vom Zaun gebrochen, aber dass keine Versöhnung in Sicht war, lag allein an seiner Sturheit. Sie bereute, ihn angeschrien zu haben. Jetzt konnten sie nicht einmal mehr so tun, als wäre alles in Ordnung.
Schweigend saßen sie nebeneinander auf dem Kutschbock. Stefan hielt die Zügel in der Hand und vermied es, sie anzusehen.
Manchmal wusste sie gar nicht mehr, wie es vor ihrer Ankunft in Amerika gewesen war. Bevor seine Träume und die Geburt ihres Sohnes alle Hoffnung auf ein ruhiges und friedliches Leben zunichtegemacht hatten. Elisa liebte Jeremiah von ganzem Herzen – und sie liebte auch Stefan, trotz allem. Doch das Leben, das sie führten, machte sie zutiefst unglücklich. Jedes Mal wenn sie sich darüber beschwerte, gerieten sie sich in die Haare. Stefan wollte sich einfach nicht eingestehen, dass seine Träume sie auf einen trügerischen Pfad geführt hatten. Dass das alles ein großer Fehler gewesen war … dass es das Beste war, wenn sie Kansas verließen und woanders von vorne anfingen.
Elisa zuckte, als Jeremiahs Zähne ihre Brustwarze streiften. Sie sah auf sein Gesicht hinab, und die zufriedene Müdigkeit darin war das größte Glück, das ihr in dieser Welt beschieden war. Solange sie Jeremiah hatte, konnte sie alles ertragen.
Sie beugte sich vor und drückte einen Kuss auf die Stirn des Babys. Als sie den Kopf wieder hob, bemerkte sie, dass Stefan sie mit liebevoller und gleichzeitig reumütiger Miene beobachtete. Doch dann schüttelte er nur stumm den Kopf und ließ den Blick zum immer dunkler werdenden Horizont schweifen.
Als er einen Moment später doch etwas sagte, tat er das mit tonloser, gepresster Stimme. »Da braut sich was zusammen. Wahrscheinlich ein Staubsturm. Wir müssen irgendwo Schutz suchen.« Der Wagen, auf dem sie saßen, schlingerte knarrend über den unebenen Boden wie ein Schiff auf stürmischer See.
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