1 ...7 8 9 11 12 13 ...29 In der Regel verfolgt der Übersetzer eine bestimmte Absicht. Leichte Lesbarkeit, Worttreue, Anpassung an die heutige Zeit … Bevor man eine Übersetzung in die Hände nimmt, sollte man sich damit beschäftigen, für welche Prägung sich der Übersetzer entschieden hat. Manche Übersetzung ist frei, auf Verständlichkeit und zeitgemäße Sprache ausgelegt. Eine solche Übersetzung erleichtert das flüssige Lesen langer Passagen oder der ganzen Bibel. Manche Übersetzungen geben den hebräischen oder griechischen Grundtext wortgetreu wieder, sind aber nur mühsam lesbar. Wenn man, wie ich, des Griechischen oder Hebräischen nicht mächtig ist, kann es lohnend sein, zum Studium mehrere verschiedene Übersetzungen zu vergleichen. Es gibt sogenannte interlineare Übersetzungen. Dort wird parallel zum Grundtext Wort für Wort die deutsche Übersetzung aufgeführt. Absolut nicht zum flüssigen Lesen geeignet, aber sie helfen Laien, sich dem Grundtext zu nähern.
Im Urtext sind wir den ersten Christen am nächsten, denn das ist das, was die Apostel aufgeschrieben haben.(Urtext: allererste Niederschrift; liegt weder für AT noch NT vor, Grundtexte kommen dem am nächsten: Hebräisch für das AT, Griechisch für das NT)
Zum einfachen Lesen eignen sich Übersetzungen wie die Gute Nachricht, Hoffnung für Alle oder die Volx-Bibel. Zum Studium sind aber eher wortgetreuere Übersetzungen wie z. B. die Elberfelder Bibel geeignet. Hier in diesem Buch werde ich vorwiegend aus ‘Eine leicht erweiterte Übersetzung des Neuen Testamentes’ (NTR) zitieren. Sie ist weitgehend konkordant, d. h. griechische Wörter (im gleichen Kontext) werden immer mit demselben deutschen Wort übersetzt, verschiedene griechische Begriffe werden auch in verschiedenen deutschen Wörtern wiedergegeben. Damit ist sie für nicht des Griechischen Kundige wie mich eine gute Hilfe, nahe am Grundtext zu sein. Diese Übersetzung ist dennoch gut lesbar.
Besonders bei leicht lesbaren Übertragungen, aber auch bei Übersetzungen bestimmter Glaubensgemeinschaften spricht man von tendenziösen Übersetzungen . Das bedeutet, dass der Übersetzer seine eigene Meinung (oder die seiner Glaubensgemeinschaft) hat einfließen lassen. Dessen sollte man sich gerade als Nichtstudierter immer bewusst sein. Besonders bei schwierigen Fragen sollte man deshalb immer mehrere Übersetzungen vergleichen, bevor man sich seine Meinung bildet. Besonders hilfreich ist es, wenn man auch eine andere Sprache versteht, z. B. Englisch, und somit eine solche Übersetzung hinzuziehen kann.
Wahrheit gibt es nur eine. Ansichten darüber viele.
Friedensreich Hundertwasser ist ein bekannter Künstler, der rechte Winkel und gleichförmige Fassaden verabscheute. Lässt man ein von ihm geschaffenes Haus von vier Betrachtern aus jeweils einer der Himmelsrichtungen beschreiben, so wird man den Berichten kaum entnehmen können, dass sie alle ein und dasselbe Haus beschreiben.
Manchmal ist es auch mit JHWHs Wahrheiten so. Wir können gerade mal eine Facette erfassen, jemand anderes sieht eine andere. Unsere Ansichten mögen sich unterscheiden, obwohl wir alle dieselbe göttliche Wahrheit betrachten.
Hält man einen Brillanten in seiner Hand und betrachtet ihn, so beginnt man ganz unwillkürlich, ihn zu drehen und aus verschiedenen Richtungen und Winkeln zu bewundern. Man lässt das Licht aus verschiedenen Winkeln auf ihn fallen und freut sich an dem Funkeln und dem Farbspiel. Es ist unmöglich, die ganze Pracht eines solchen Brillanten aus einem einzigen Blickwinkel, von einer einzigen festen Position aus zu erfassen.
Ähnlich ist es auch mit dem Zusammenspiel zwischen Auge und Gehirn: Das Auge hat nur ein relativ kleines Sehzentrum, das scharfes Sehen mit dem Erkennen vieler Farben ermöglicht. Der größere Bereich darum herum sieht nur wenig Farbe und Details. Hier nehmen wir im wesentlichen Bewegungen wahr, die unseren Blick unwillkürlich wandern lassen. Dass wir dennoch den Eindruck eines hochaufgelösten, scharfen und großen Gesamtbildes haben, liegt daran, dass unser Gehirn aus den unzähligen kleinen Teilbildern, die das Auge liefert, ein großes Ganzes zusammensetzt. Genau genommen hat also das, was wir als ganzes Bild wahrnehmen, mit dem, was unser Auge sieht, nicht viel zu tun. So wundert es nicht, dass Hirnforscher mehr und mehr nachweisen, wie wenig unsere Wahrnehmung und Erinnerung mit der Wirklichkeit zu tun haben.
Wir sind gut beraten, wenn wir uns bei der Wahrheitsfindung nicht nur auf uns selbst verlassen, sondern nach objektiven Maßstäben Ausschau halten und uns mit anderen austauschen.
Genauso sollten wir auch an die Bibel herangehen. So einfach das Evangelium, die Gute Nachricht vom Messias, selbst ist, so detailreich und vielfältig ist der Einblick, den uns die Heilige Schrift in die Weisheit JHWHs gewährt. Es ist nicht gut, hier eine Facette herauszugreifen, sie zur vollständigen und alleinigen Wahrheit zu erklären und gegen eine andere Facette desselben Brillanten zu stellen. Damit würden wir eine wichtige Eigenschaft der für uns nicht fassbaren Weisheit JHWHs, der göttlichen Wahrheit, verkennen: Wir können uns dieser Wahrheit eher durch ein Sowohl-als-auch als durch ein Entweder-oder nähern. Die meisten Streitereien unter Christen würden gar nicht erst entstehen, wenn wir nur begreifen würden, dass die Meinung des anderen eine Bereicherung und nicht ein Ärgernis ist. Die Wahrheit JHWHs ist klar und eindeutig, unsere Ansichten darüber sind es oft nicht.
Menschen sind verschieden, haben aber einen gemeinsamen Nenner.
Die vier Evangelien sind ein gutes Beispiel für den Reichtum an Facetten der biblischen Berichterstattung. Jeder der Autoren schreibt als Zeuge, was ihm in den Jahren mit JESUS besonders wichtig wurde, jeder setzt seinen Schwerpunkt. Vieles kann besser verstanden werden, wenn uns der jeweilige Schwerpunkt des Autors gegenwärtig ist. Da können einleitende Worte zu den Büchern in den sog. Studienbibeln helfen. Vieles, was vordergründig widersprüchlich scheint, lässt sich mit dieser Sicht als ergänzend verstehen. JHWH ist so vielschichtig, so unfassbar, dass ein einzelner Mensch immer nur einen kleinen Bruchteil der göttlichen Wahrheit erfassen kann. Wer behauptet, die ganze Wahrheit JHWHs begriffen zu haben, kann nur irren. Hüte dich davor!
Die Bibel, also die Niederschrift des Heiligen Wortes JHWHs, ist im orientalischen Kulturraum entstanden. Zu dieser orientalischen Kultur gehören einige Dinge, die uns eher fremd sind. Mehr Kenntnis darüber kann uns helfen, die Bibel besser zu verstehen. Mach dich auf die Suche nach dieser orientalischen Tradition. Ein guter Anfang kann die Beschäftigung mit den jüdischen Festen sein.
Werte wandeln sich – die Bedeutung der Worte auch!
Zweitausend Jahre Kirchengeschichte haben unser Verständnis der biblischen Begriffe geprägt. Das stetig wiederkehrende Aufsagen von Formeln, Dogmen und Bekenntnissen suggeriert, dass diese Wahrheit seien, selbst wenn sie im Widerspruch zur Bibel stehen. Wie viele nehmen gar nicht mehr wahr, dass die Kindertaufe ein Betrug ist? Wenn wir JESUS verstehen wollen, dann müssen wir unser Verständnis jedes einzelnen Begriffes auf den Prüfstand stellen. Sprache verändert sich fortwährend, sie passt sich den Lebensgewohnheiten und auch unserem Wissensstand an, das ist ganz normal. Das macht es aber manchmal schwer, Inhalt und Bedeutung der frühchristlichen Überlieferungen zu erfassen und zutreffend zu deuten.
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