Auch in der Hochschule für Straßen- und Brückenbau wurde alles durchsucht, bis gestern Morgen ebenfalls ohne Erfolg.«
Maigret konnte nicht umhin, zu fragen, wie man sich nach dem Ende eines Romans erkundigt:
»Und, hat man den Calame-Bericht inzwischen entdeckt?«
»Jedenfalls etwas, das der Calame-Bericht zu sein scheint.«
»Wo?«
»Auf einem Speicher der Hochschule.«
»Von einem Professor?«
»Von einem Aufseher. Gestern Nachmittag hat man mir den Anmeldezettel eines gewissen Piquemal gebracht, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, und auf dem Zettel stand mit Bleistift geschrieben: Den Calame-Bericht betreffend . Ich habe den Mann sofort empfangen. Vorher habe ich allerdings Mademoiselle Blanche, meine Sekretärin, aus dem Zimmer geschickt. Ich habe sie schon seit zwanzig Jahren – sie stammt auch aus La Roche-sur-Yon und war schon in meiner Anwaltskanzlei für mich tätig. Sie werden gleich sehen, warum das wichtig war. Auch mein Kabinettschef war nicht im Zimmer, ich befand mich dort also allein mit einem Mann mittleren Alters, der mit starrem Blick stumm vor mir stand und ein in graues Papier eingewickeltes Paket unterm Arm hielt.
›Monsieur Piquemal?‹, habe ich ein wenig unruhig gefragt, denn einen Augenblick lang dachte ich, ich hätte es mit einem Verrückten zu tun.
Er hat genickt.
›Bitte nehmen Sie Platz.‹
›Das lohnt sich nicht.‹
Ich hatte das Gefühl, dass er mich nicht gerade wohlwollend ansah.
Fast grob hat er mich dann gefragt:
›Sind Sie der Minister?‹
›Ja.‹
›Ich bin Aufseher in der Hochschule für Straßen- und Brückenbau.‹
Er kam dann zwei Schritte näher, reichte mir das Paket und sagte im gleichen Ton:
›Öffnen Sie es, und geben Sie mir eine Empfangsbestätigung.‹
Das Paket enthielt ein etwa vierzigseitiges Dokument, offensichtlich eine Abschrift:
Bericht zum Bauvorhaben eines Sanatoriums in Clairfond, Haute-Savoie
Das Dokument war nicht von Hand unterschrieben, sondern auf der letzten Seite war der Name Julien Calames wie auch sein Titel und das Datum mit der Schreibmaschine getippt.
Immer noch stehend, wiederholte Piquemal:
›Ich möchte eine Empfangsbestätigung.‹
Ich habe ihm handschriftlich eine ausgestellt. Er hat sie gefaltet, in eine abgenutzte Brieftasche gesteckt und sich zur Tür gewandt. Ich habe ihn zurückgerufen.
›Wo haben Sie diese Papiere gefunden?‹
›Auf dem Speicher.‹
›Sie werden wahrscheinlich eine schriftliche Erklärung abgeben müssen.‹
›Man weiß ja, wo ich zu finden bin.‹
›Haben Sie dieses Dokument jemandem gezeigt?‹
Er hat mich verächtlich angesehen:
›Nein, niemandem.‹
›Gab es weitere Abschriften?‹
›Nicht, dass ich wüsste.‹
›Ich danke Ihnen.‹«
Point blickte Maigret verlegen an.
»Hier habe ich einen Fehler gemacht«, fuhr er fort. »Vielleicht, weil sich dieser Piquemal so seltsam benommen hat. Er kam mir beinahe vor wie ein Anarchist, der eine Bombe legen will.«
»Wie alt ist er?«, fragte Maigret.
»Vielleicht fünfundvierzig. Weder gut noch schlecht gekleidet. Sein Blick ist der eines Verrückten oder eines Fanatikers.«
»Haben Sie sich über ihn erkundigt?«
»Nicht sofort. Es war fünf Uhr. In meinem Vorzimmer warteten noch vier oder fünf Personen, und am selben Abend musste ich für einige Ingenieure ein Essen geben. Nachdem meine Sekretärin sich vergewissert hatte, dass mein Besucher weg war, ist sie wieder ins Zimmer gekommen, und ich habe den Calame-Bericht in meine Aktentasche gesteckt.
Natürlich hätte ich den Ministerpräsidenten anrufen müssen. Ich habe es nur deshalb nicht getan, das schwöre ich Ihnen, weil ich mir noch nicht sicher war, ob Piquemal nicht vielleicht doch ein Verrückter war. Nichts bewies, dass das Dokument keine Fälschung war. Besuche von Geistesgestörten sind bei uns an der Tagesordnung.«
»Bei uns auch.«
»Nun, dann verstehen Sie mich vielleicht. Meine Termine haben bis sieben Uhr gedauert. Ich hatte gerade noch Zeit, in meiner Wohnung vorbeizugehen, um mich umzuziehen.«
»Haben Sie Ihrer Frau etwas von dem Bericht gesagt?«
»Nein. Ich hatte meine Aktentasche mitgenommen. Ich habe ihr nur gesagt, ich würde nach dem Abendessen noch zum Boulevard Pasteur gehen. Wir kommen nämlich nicht nur sonntags her, um gemeinsam ein kleines Essen einzunehmen, das sie liebevoll zubereitet, sondern ich gehe manchmal auch allein in die Wohnung, wenn ich eine wichtige Arbeit habe und ungestört sein will.«
»Wo fand das Bankett statt?«
»Im Palais d’Orsay.«
»Haben Sie die Aktentasche mitgenommen?«
»Sie ist abgeschlossen in der Obhut meines Chauffeurs geblieben, dem ich voll und ganz vertraue.«
»Sind Sie unmittelbar danach hierhergekommen?«
»Gegen halb elf. Minister haben den Vorteil, nach ihrer Rede nicht mehr bleiben zu müssen.«
»Waren Sie im Anzug?«
»Ich habe mich umgezogen, bevor ich mich hier an den Schreibtisch setzte.«
»Haben Sie den Bericht gelesen?«
»Ja.«
»Schien er Ihnen echt?«
Der Minister nickte.
»Hätte er wirklich die Wirkung einer Bombe, wenn er veröffentlicht würde?«
»Ohne jeden Zweifel.«
»Warum?«
»Weil Professor Calame die Katastrophe vorausgesagt hat, die dann eingetreten ist. Auch als Minister für Öffentliche Arbeiten fühle ich mich nicht in der Lage, seine Überlegungen nachzuvollziehen, geschweige denn die technischen Details, mit denen er seine Meinung untermauert. Jedenfalls hat er klar und deutlich gegen das Projekt Stellung bezogen, und jeder, der den Bericht gelesen hatte, musste gegen den Bau von Clairfond stimmen, so wie er geplant war, oder zumindest eine weiterführende Untersuchung fordern. Verstehen Sie?«
»Ich beginne zu verstehen.«
»Wie La Rumeur Kenntnis von dem Dokument erhalten hat, weiß ich nicht. Ebenso wenig, ob die Zeitung eine Abschrift davon besitzt. Allem Anschein nach war ich gestern Abend der Einzige, der ein Exemplar des Berichts besaß.«
»Was ist dann geschehen?«
»Gegen Mitternacht wollte ich den Ministerpräsidenten anrufen, aber man sagte mir, er sei bei einer Versammlung in Rouen. Fast hätte ich ihn dort angerufen …«
»Sie haben es nicht getan?«
»Nein, weil ich eben an den Abhördienst dachte. Ich hatte das Gefühl, eine Kiste Dynamit hier bei mir zu haben, die nicht nur die Regierung in die Luft sprengen, sondern manche meiner Kollegen ins Verderben stürzen könnte. Es ist unverzeihlich, dass diejenigen, die den Bericht gelesen haben, darauf bestehen konnten …«
Maigret ahnte, wie es weiterging.
»Haben Sie den Bericht in der Wohnung gelassen?«
»Ja.«
»Im Schreibtisch?«
»Er ist verschließbar. Ich hielt den Bericht hier für sicherer als im Ministerium, wo zu viele Leute ein und aus gehen, die ich kaum kenne.«
»Ist Ihr Chauffeur, während Sie den Bericht studierten, die ganze Zeit unten geblieben?«
»Ich hatte ihn nach Hause geschickt. Ich habe mir später an der Ecke des Boulevards ein Taxi genommen.«
»Haben Sie nach Ihrer Rückkehr mit Ihrer Frau darüber gesprochen?«
»Nein. Bis zum nächsten Tag um ein Uhr mittags, als ich den Ministerpräsidenten in der Kammer traf, habe ich niemandem gegenüber ein Wort darüber erwähnt. In einer Fensternische habe ich ihn darüber in Kenntnis gesetzt.«
»Wirkte er erregt?«
»Ich glaube schon, dass er es war. Jeder Regierungschef wäre es an seiner Stelle gewesen. Er hat mich gebeten, den Bericht zu holen und ihm persönlich in sein Arbeitszimmer zu bringen.«
»Der Bericht war nicht mehr in Ihrem Schreibtisch?«
»Nein.«
»War die Tür aufgebrochen worden?«
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