In der 332 klingelte das Telefon. Jules nahm den Hörer ab und wiederholte:
»Der Krankenwagen ist in zehn Minuten hier.«
Der Arzt legte die Spritze, mit der er der Comtesse eben eine Injektion gegeben hatte, wieder in seine Tasche.
»Soll ich sie anziehen?«
»Wickeln Sie sie in eine Decke, das wird reichen. Wenn Sie irgendwo einen Koffer sehen, packen Sie ihr ein paar Sachen ein. Sie wissen besser als ich, was sie braucht.«
Eine Viertelstunde später trugen zwei Sanitäter die kleine Comtesse hinunter und hievten sie in den Krankenwagen. Doktor Frère setzte sich in sein eigenes Auto.
»Ich werde mit Ihnen ankommen.«
Er kannte die Sanitäter, und sie kannten ihn. Er kannte auch die Dame am Empfang des Krankenhauses, mit der er kurz sprach, und den diensthabenden jungen Arzt. Diese Leute redeten nur wenig, in ihrem eigenen Code, da sie oft zusammenarbeiteten.
»Zimmer 41 ist frei.«
»Wie viele Tabletten?«
»Sie erinnert sich nicht mehr. Das Röhrchen war leer.«
»Hat sie sich übergeben?«
Die Krankenschwester hier war Doktor Frère genauso vertraut wie die im George-V. Während sie sich um die Patientin kümmerte, konnte er sich endlich eine Zigarette anzünden.
Magenspülung. Puls. Noch eine Spritze.
»Jetzt können wir sie nur noch schlafen lassen. Messen Sie jede halbe Stunde ihren Puls.«
»Ja, Doktor.«
Er fuhr mit einem Fahrstuhl hinunter, der genauso aussah wie der im Hotel, und gab der Dame am Empfang Anweisungen, die sie sich notierte.
»Haben Sie die Polizei benachrichtigt?«
»Noch nicht.«
Er sah auf die schwarz-weiße Wanduhr. Halb fünf.
»Verbinden Sie mich bitte mit dem Kommissariat in der Rue de Berry.«
Dort standen Fahrräder vor der Tür, im Schein der Straßenlaterne. Drinnen spielten zwei junge Polizisten Karten, und ein Brigadier machte sich Kaffee auf einem Spirituskocher.
»Hallo? Kommissariat Rue de Berry … Doktor wie? … Doktor Frère? … Wie Bruder? … In Ordnung. Ich höre … Einen Augenblick.«
Der Brigadier nahm einen Bleistift und schrieb die Meldung auf einen Zettel.
»Ja … Ja … Ich füge hinzu, dass Sie Ihren Bericht noch schicken. Ist sie tot?«
Er legte auf und sagte zu den beiden anderen, die ihn fragend ansahen:
»Ein Gardénal im George-V.«
Für ihn bedeutete das bloß mehr Arbeit. Seufzend nahm er den Hörer ab:
»Zentrale! … Hier Kommissariat Rue de Berry … Bist du’s, Marchal? … Na, wie läuft’s bei euch? … Hier ist alles ruhig … Du meinst die Schlägerei? … Nein, wir haben sie nicht dabehalten. Einer von denen kennt einen Haufen Leute, verstehst du? Ich musste den Kommissar anrufen, und der hat gesagt, ich soll sie laufen lassen.«
Es ging um eine Schlägerei in einem Nachtlokal in der Rue de Ponthieu.
»Nun gut! Ich hab hier noch was. Ein Gardénal. Schreibst du mit? … Comtesse … Ja, eine Comtesse … Echt oder falsch, was weiß ich? Palmieri. P wie Paula, A wie Anton, L wie Ludwig, M wie … Ja, Palmieri. Hôtel George-V. Suite 332 … Doktor Frère … Das Amerikanische Krankenhaus in Neuilly … Ja, sie hat was gesagt. Sie wollte sterben, dann hat sie’s sich doch anders überlegt. Die alte Leier.«
Um halb sechs befragte Inspektor Justin vom 8. Arrondissement den Concierge des George-V, machte sich ein paar Notizen, sprach dann mit Jules, dem Kellner, und begab sich anschließend zum Krankenhaus in Neuilly, wo ihm mitgeteilt wurde, dass die Comtesse schlafe und außer Lebensgefahr sei.
Um acht Uhr morgens nieselte es immer noch, aber der Himmel war klar. Lucas, der etwas erkältet war, setzte sich an seinen Schreibtisch am Quai des Orfèvres, wo ihn die Meldungen der vergangenen Nacht erwarteten.
Dabei stieß er auf die in knappen Worten festgehaltene Schlägerei in der Rue de Ponthieu, las von einem guten Dutzend aufgegriffener Mädchen, von Betrunkenen, einer Messerstecherei in der Rue de Flandre und anderen, nicht unüblichen Zwischenfällen.
Außerdem informierten ihn sechs Zeilen über den Suizidversuch der Comtesse Palmieri, geborene La Salle.
Maigret, den die Sache mit der Tochter des Abgeordneten beunruhigte, kam um neun Uhr.
»Hat der Chef schon nach mir gefragt?«
»Nein, noch nicht.«
»Ist etwas Wichtiges dabei?«
Lucas zögerte kurz, entschied dann, dass ein Suizidversuch, selbst einer im George-V, kein wichtiges Ereignis war, und antwortete:
»Nein.«
Er ahnte nicht, dass er damit einen Fehler beging, der Maigret und der ganzen Kriminalpolizei noch das Leben schwer machen sollte.
Als die Klingel im Gang ertönte, verließ der Kommissar mit einigen Akten in der Hand sein Büro und begab sich mit den anderen Abteilungsleitern zum Chef. Man besprach die laufenden Fälle, aber da er ja noch nichts von ihr wusste, erwähnte Maigret die Comtesse Palmieri nicht.
Um zehn war er wieder in seinem Büro und begann, die Pfeife im Mund, mit einem Bericht über einen bewaffneten Raubüberfall, der sich drei Tage zuvor zugetragen hatte. Wegen der Baskenmütze, die am Tatort gefunden worden war, hoffte Maigret, schon bald die Schuldigen festnehmen zu können.
Zur selben Zeit saß ein gewisser John T. Arnold im Hôtel Scribe an den Grands Boulevards beim Frühstück und griff, noch in Pyjama und Morgenrock, zum Telefon.
»Hallo, Mademoiselle. Verbinden Sie mich bitte mit Colonel Ward im Hôtel George-V.«
»Sofort, Monsieur Arnold.«
Monsieur Arnold war nämlich ein Stammgast, der fast das ganze Jahr über im Scribe wohnte.
Die Telefonistin vom Scribe und die vom George-V kannten sich, ohne einander je gesehen zu haben, wie sich die meisten Telefonistinnen nun mal kennen.
»Hallo, Liebes, verbindest du mich mal mit Colonel Ward?«
»Für Arnold?«
Die beiden Männer telefonierten gewöhnlich mehrmals am Tag miteinander, und der Anruf um zehn Uhr morgens war schon Tradition.
»Er hat noch nicht nach seinem Frühstück geläutet. Soll ich trotzdem anrufen?«
»Warte kurz. Ich frage Monsieur Arnold.«
Sie stöpselte um.
»Monsieur Arnold? Der Colonel hat noch nicht nach seinem Frühstück geläutet. Soll ich ihn wecken lassen?«
»Hat er eine Nachricht für mich hinterlegt?«
»Man hat mir nichts ausgerichtet.«
»Es ist doch schon zehn …«
»Zehn nach zehn.«
»Dann rufen Sie an.«
Wieder wurde umgestöpselt.
»Du kannst ihn anrufen, Liebes. Ich hoffe, er schimpft nicht.«
Stille in der Leitung. In der Zwischenzeit konnte die Telefonistin vom Scribe drei Gespräche vermitteln, darunter eins nach Amsterdam.
»Hallo? Du denkst an meinen Colonel, Liebes?«
»Ich lasse es schon die ganze Zeit klingeln. Er antwortet nicht.«
Wenige Augenblicke später rief die Telefonistin vom Scribe erneut im George-V an.
»Hör mal, Liebes. Ich habe Monsieur Arnold gesagt, dass der Colonel nicht antwortet. Er behauptet, dass das nicht sein kann, dass der Colonel seinen Anruf um zehn Uhr erwartet und dass es dringend ist.«
»Ich probier’s noch mal.«
Nach einem weiteren vergeblichen Versuch:
»Warte kurz. Ich frage beim Concierge nach, ob er ausgegangen ist.«
Stille.
»Nein. Sein Schlüssel hängt nicht am Brett. Was soll ich machen?«
Oben in seiner Suite wurde John T. Arnold allmählich ungeduldig.
»Was ist, Mademoiselle? Haben Sie mein Gespräch vergessen?«
»Nein, Monsieur Arnold. Der Colonel antwortet nicht. Der Concierge hat ihn nicht weggehen sehen und sein Schlüssel hängt nicht am Brett.«
»Dann schicken Sie den Kellner, er soll mal klopfen.«
Inzwischen war es nicht mehr Jules, sondern ein Italiener namens Gino, der den Dienst im dritten Stock verrichtete, wo Colonel Wards Suite lag, fünf Türen neben der Suite der Comtesse.
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