„Äh, yes, thank you very much, Madam.”
„I would really love to have grandchildren with blue eyes. Many of them. And with those broad hips you make good children!”, rief sie enthusiastisch.
Mir fiel die Kinnlade herunter vor Empörung, aber nur innerlich. Aaah! Breite Hüften! Sie meinte das ganz offenbar als Kompliment. Und es war leider auch nicht komplett an den Haaren herbei gezogen. Aber musste sie deshalb gleich darauf herumreiten? Die Hüften waren nun mal wirklich mein wunder Punkt! Mit den folgenden Sätzen machte meine orientalische Möchtegern-Schwiegermutter sich immerhin ein klein wenig beliebter bei mir.
„A lovely girl like you should get a nice husband, and then the nice husband would make you some babies and buy you nice clothes and nice shoes and all. This is what a lovely girl should do. Not working hard. Go shopping and have nice little babies, eh?”
Die Begeisterung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ihre schwungvoll nachgezeichneten Augenbrauen zuckten, als sie zum Abschluss ihrer Rede kam.
„Dear Angélique, you really should marry a nice man like my son Mahmud. My Mahmud does need a lovely little wife like you, and he is a very nice man!”
Oh. Aha. Ein sehr netter Mann. „So nett wie die anderen Männer, die die Kohle für eure lustige Mädelsrunde ranschaffen?“, wollte ich sagen. „Klar, ich hätte auch gerne mal einen Dingsbums-Schuh mit Diamanten oder eine Handtasche, die doppelt so teuer wie mein Auto ist. Wenn ich überhaupt eines hätte. Aber wissen Sie, so viel könnte ich bei Chanel gar nicht einkaufen, um mich dafür den Rest meines Lebens in so ein Zelt wickeln zu lassen!“
Natürlich sagte ich das nicht. Dafür ist erstens mein Englisch nicht gut genug, und zweitens sollen wir Krankenschwestern die Patienten nicht vor den Kopf stoßen, schon gar nicht die Privatpatienten mit den Einzelzimmern. Ich sagte stattdessen: „Oh, äh, I have a man already. I mean, I have a boyfriend. I am quite sure your son, äh, Mahmud is a very nice man, but I am sorry, I don’t think I can marry him, really…”
Am liebsten hätte ich dabei die Augen fest geschlossen, weil ich gerade dabei war, die lukrativste Patientin in der Geschichte unserer Klinik zu beleidigen. Erst gestern hatte es uns der Oberchef auf der Personalversammlung wieder vorgebetet: Was auch immer ihr tut – bloß nicht der El-Fayyad auf den Schwanz treten! Noch ein paar Wochen, und die hat unsere Finanzen quasi im Alleingang saniert. Und das im Rollstuhl, hehe. Die Frau ist die sprichwörtliche Ölquelle für uns! Ich hoffte, er hatte mit „nicht auf den Schwanz treten“ nicht das Ablehnen von Heiratsanträgen gemeint.
Die Scheichmutter war aber gar nicht so wahnsinnig beleidigt, wie ich befürchtet hatte. Sie guckte verständnisvoll und strich mir mit ihrer feisten, goldberingten Hand übers Haar. Sie kramte sogar ihr riesengroßes Smartphone hervor und zeigte mir gefühlte vierhundert Fotos von den zahllosen Besitztümern, in die ich hinein heiraten könnte, wenn ich es mir denn in näherer Zukunft noch einmal anders überlegen sollte.
Die mindestens acht verschiedenen Pools, perfekt getrimmten Parkflächen und turnhallengroßen Wohnzimmer voller unendlicher Sofalandschaften hätten mich fast auf ihre Seite gekriegt. Auf die Schnelle konnte ich nicht sagen, ob es sich um einen einzigen Palast von den Ausmaßen einer Kleinstadt handelte oder ob Scheichs abwechselnd in mehreren, leicht unterschiedlichen Anwesen residierten. Die Gebäude waren jedenfalls alle goldgelb gestrichen und erinnerten stark an Disneys Version von Schloss Neuschwanstein. Im Hintergrund tummelten sich glänzende schwarze Rennpferde mit wehenden Mähnen, fleißige Gärtner oder schneeweiße Kamele, je nach Situation. Stark geschminkte Frauen in sehr knappen Designerklamotten (so sahen die also aus, wenn sie gerade kein Zelt tragen mussten) tranken Champagner neben Flachbildschirmen, die man zur Not auch als Esstisch für Ali Baba und die vierzig Räuber verwenden konnte. Auf den Fotos war immer prächtiges Wetter. Alle lachten glücklich, sogar die weiß gekleideten Dienstmädchen, deren Uniform frappierend an unsere Schwesternkittel erinnerte. Zwischen Palmen und Golf spielenden Kindern ging spektakulär die Sonne unter.
Heiliger heißer Wüstensand! Das hätte auch meinem Hamster bestimmt gut gefallen, angeblich kommen doch Hamster da her. Mich machte nur misstrauisch, dass mir die Gute kein einziges Foto von ihrem Sohn zeigte. Es hatte wohl seine Gründe, dass der „sehr nette Mann“ in seinem Heimatland noch keine abgekriegt hatte.
Als ich mich von der El-Fayyad verabschiedet hatte und in der Umkleide meinen Kittel auszog, war ich immer noch ganz verzaubert. Goldene Wasserhähne schwirrten mir durch den Kopf, hundert Paar Manolo-Blahnik-Schuhe und ein turnhallengroßes Freilauf-Paradies für meinen Hamster. Aber erstens dürfen wir Schwestern mit Patienten nichts Privates anfangen, und außerdem hätte ich das alles lieber noch einmal aus einem ganz anderen Mund gehört. Aus dem Mund meines Dauerfreundes Max. You are such a lovely girl, we should marry. I want you to be my lovely little wife. Go shopping. Let’s have some nice little babies, eh?
Max Emanuel Herzog, mit dem ich seit der zehnten Klasse zusammen bin und den ich in Momenten von ausgeprägtem Ego – seinem ausgeprägten Ego – scherzhaft „Max der Erste“ nenne, ist Schauspieler. Kein wahnsinnig erfolgreicher bisher, aber trotzdem Schauspieler mit Herz und Seele. Im Alltagsleben merkt man das an seiner Vorliebe für das Überdramatisieren ganz undramatischer Situationen („Schatz, hast du etwa schon wieder meine neuen schwarzen Socken bei sechzig Grad gewaschen?! Du weißt doch, dann werden die so schnell anthrazitfarben!!! Guck doch, das ist jetzt gar kein richtig echtes Schwarz mehr! Nein, das sieht jeder Idiot, das bilde ich mir nicht ein! Ich STERBE, wenn ich morgen nicht in richtig echt schwarzen Socken zu diesem Casting gehen kann!! Ich werde keinen Ton herausbringen. Keinen einzigen. Ja, ich bin ein NICHTS in anthrazitfarbenen Socken, da fehlt die ganze Essenz und Tiefe des menschlichen Daseins. Ich werde versagen, versagen, versagen in diesen Socken. Untergehen. Und DU bist schuld!“).
Wie vermutlich alle Schauspieler liebt Max Worte. Jedenfalls, wenn sie aus seinem Mund kommen. Auf Höflichkeitsfloskeln erstreckt sich diese Liebe allerdings nicht. Als ich die Wohnungstür aufsperrte, erschallte auf mein fröhliches „Hallo Max, ich bin wieder da!“ – nichts. Wie immer. Allerhöchstens erhalte ich mal ein Brummen zur Antwort. Aber ich bin das gewohnt. Stattdessen freute ich mich einfach, wieder zuhause zu sein. Nach sechs arbeitsintensiven Frühschichten hintereinander lagen nun vier freie Tage vor mir, und das würde diesmal besonders schön werden. Erstens waren die vier Tage genau an einem Wochenende und zweitens würde Max am Sonntag Geburtstag haben, wozu ich ihn mit einer dicken Party überraschen wollte.
Vorher allerdings knurrte mein Magen, und ich wollte nicht hungrig in das schöne verlängerte Wochenende starten. Ich guckte in Igor, den Kühlschrank – ich nenne ihn Igor, weil das ein Name ist, der aus der Kälte kommt – nichts außer einem halben Glas Essiggurken und einer uralten Flasche Barbecuesauce, die wir noch nicht wegzuwerfen gewagt hatten.
Ich beging den Fehler laut festzustellen, dass da wohl mal wieder jemand das Einkaufen vergessen hätte. Nicht unfreundlich sagte ich das, nur laut genug für Max. Es war sowieso erstaunlich, dass er mich hörte, weil er mal wieder seine superstylishen neongrünen Kopfhörer trug und im Wohnzimmer Tanzschritte übte. Gerade versuchte er erfolglos, sein linkes Bein um das rechte herumzuwickeln. Zumindest sah es für mich so aus. Seit er von einem Bekannten gehört hatte, irgendein großer Produzent wolle demnächst eine amerikanische Street Dance -Reihe auf Deutsch neu verfilmen, war er besessen von der Idee, seine Karrierechancen mit Breakdance- und Hip-Hop-Elementen immens beflügeln zu können.
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