Sie unterscheiden zwischen hervorragenden und weniger bedeutenden Künstlern. Wie schätzen Sie Ihr eigenes Werk ein?
Wenn ich Zeit dafür habe (was sehr selten ist), stelle ich mir solche Fragen, und dann fällt mein Urteil in der Regel sehr streng aus. Ab und zu geschieht etwas Unerwartetes, und dann verbessert sich mein Platz auf der Stufenleiter, doch das geschieht sehr selten! In den Interviews, die ich alle zwei, drei Jahre gebe, bin ich gezwungen, mir Fragen zu stellen. Doch die meiste Zeit stehe ich an der vordersten Front jenes Kampfes, den mein Leben darstellt, dann habe ich keine Zeit, mich zu fragen, warum ich da bin, ob ich schön bin, der Schönste oder der am wenigsten Schöne – ich bin einfach da, und ich habe Dinge zu tun.
Sie sind ein Mann, der ungeheuer viele Zweifel hat, strahlen aber Weisheit aus.
Ich kenne eine gewisse Gelassenheit … Es gibt eine gewisse Gelassenheit, eine Stille, die Fischer oder Jäger kennen und die nicht die eines Philosophen ist: Sie sind da, sie müssen etwas erwischen, sie müssen aufmerksam sein und aufpassen, da das Terrain gefährlich ist. Passen sie nicht auf, können sie jederzeit umkommen. Man muss ständig auf der Hut sein. Und dieser Zustand lässt einem nicht viel Zeit, um über diesen Zustand nachzudenken. Denn die Gefahr ist realer Natur, nicht intellektueller. Inmitten all dieser Gefahren lebhaft und aufmerksam zu bleiben, dieses Problem haben wir alle. Gelassenheit ist kein Zustand, sondern hat mit Spannung zu tun: Sie ist das Hinnehmen einer Spannung zwischen zwei Dingen, zwischen Handeln und Kontemplation, zwischen zwei Polen. Akzeptiert man die beiden Pole, dann findet man zu einer gewissen Gelassenheit, aber diese ist nichts Statisches.
Was halten Sie von Ihrem Publikum? Sieht man Jean-Luc Godard in den Medien, hat man den Eindruck, er richte sich nur an seinesgleichen.
Godard ist ein sehr großer Filmemacher, auch wenn er mich doch nicht für die Rolle genommen hat, die er mir angeboten hatte. Er hatte mich angerufen und gebeten, etwas auszuprobieren, das war, glaube ich, vor zwei, drei Jahren.
Für Détective [1985]?
Ja, genau … Er hat dann Johnny Hallyday genommen. Aber ich weiß nicht mehr genau, ob es um diese Rolle ging oder darum, Musik für den Film zu schreiben, es war nicht ganz klar. Er sagte, er würde mich wieder anrufen, um ein Treffen auszumachen, und ich habe nie wieder etwas von ihm gehört … Trotzdem: Er ist ein sehr großer Filmemacher. Sein Platz in der Geschichte des Kinos ist gesichert. Was er jenseits seiner Filme sagt, hat keinerlei Wert, es mag stimmen oder auch nicht, darüber kann man diskutieren. Seine politischen Ideen kommen mir sehr primitiv vor, diese linke Position, die er vertritt, ist meiner Ansicht nach vollkommen veraltet … Aber das hat mit seinem Werk nichts zu tun. Er kann sagen, was er will, man interessiert sich dafür, weil er Jean-Luc Godard ist. Doch was ihn ausmacht, sind seine Filme, die über seine politischen Ideen hinausweisen. Auch in meinem Fall ist das, was ich über Songs und Sänger sage, nichts. Ich kann in meinen Songs Dinge sagen, die ich im Gespräch nicht ausdrücken kann, deshalb schreibe ich Songs. Doch im Gegensatz zu Godard habe ich das Gefühl, dass die anderen Leute genau so sind wie ich, dass im Grunde ihres Herzens alle gleich sind. Wir haben den gleichen Hunger, gleiche Bedürfnisse, das Bedürfnis nach Liebe, nach Sicherheit, eigentlich sind wir alle dreijährige Kinder.
Aber Sie haben eine ganz spezielle Art, diese Dinge auszuleben.
Es ist mir gelungen, Dinge zu tun, die mehr oder weniger authentisch sind, es ist mir gelungen, da und dort jemanden zu berühren, wenn auch nicht im selben Maß wie die populären Sänger. Ich bin als Sänger nicht wirklich populär, die Größe meines Publikums ist eher bescheiden, dafür ist es über die ganze Welt verstreut.
Viele junge Gruppen wie Echo & the Bunnymen oder die Sisters of Mercy beziehen sich auf Sie. Haben Sie einige von ihnen kennengelernt?
Ja, ich habe viele junge Musiker und Sänger kennengelernt, und es freut mich sehr, dass ich etwas geschaffen habe, das sie schätzen, Leute kennenzulernen, die sagen, ich hätte sie geprägt, oder denen das, was ich gemacht habe, Freude macht. Das ist nicht sonderlich tiefschürfend, aber es ist so. Ian McCulloch [der Leader von Echo & the Bunnymen] ist auf meiner letzten Tournee sogar ein Stück weit mitgereist, in England und in Irland. Ich habe auch You’ve Got Foetus on Your Breath [den australischen Musiker JG Thirlwell] kennengelernt, ein wunderbarer Mann, er hat diesen wunderbaren Song »Gums Bleed« geschrieben … und dann auch Nick Cave und Suzanne Vega …
Aber auch wenn das anerkannte Musikerinnen und Musiker sind: Im Musikbusiness sind sie Outsider.
Auch ich bin eher eine Randfigur, wie meine Verkaufszahlen zeigen. Ich kann nachvollziehen, was es bedeutet, ein Outsider zu sein. Andererseits bin ich überzeugt, dass im Showbusiness sich so ziemlich alle als Outsider empfinden: Tony Bennett, Liz Taylor, Frank Sinatra, Bruce Springsteen und ganz besonders Bob Dylan: Sie alle wollen Outsider sein!
Es gibt im Moment diese zynische Einstellung, dass alles egal sei. Was halten Sie davon?
Um in der heutigen Zeit zu überleben, muss man zynisch, hart und gleichgültig sein. Nun könnte man sagen, das sind wertlose Eigenschaften, aber sie ermöglichen das Überleben: Wer zynisch, hart und gleichgültig ist, der bringt es zu etwas. Nach einiger Zeit werden diese Eigenschaften obsolet und neue Eigenschaften gefragt sein. Die heißen dann vielleicht Integrität und Aufrichtigkeit, und in diesem Fall werden sich Künstler, die über diese Eigenschaften verfügen, auf dem Markt durchsetzen. Vielleicht vermag der Zynismus sich aber auch zu halten.
Hat die Literatur Sie zum Schreiben gebracht?
Gewisse Bücher. Ich lese nicht viel. Zurzeit lese ich alle Bücher von Robertson Davies, einem kanadischen Autor, gegen den ich mich lange Zeit gesträubt habe.
Gibt es Autoren oder Personen, die von entscheidendem Einfluss auf Sie waren?
Ich glaube, für mich waren das Kino und Bücher entscheidend, die Natur und der Mond. Der Mond beeindruckt und erstaunt mich nach wie vor. Und dass wir dieses Leben mit den Frauen teilen, auch das ist für mich etwas Erstaunliches.
Bis heute?
O ja, mehr denn je! Ich staune, dass es zwei Sorten von Menschen gibt. Männer und Frauen. Das bringt allerlei Überraschungen und Gefahren mit sich. Doch zurück zum Thema: Beeinflusst haben mich manche Gebete aus der senegalesischen Liturgie, manche Melodien, manche Verse. Eine einzige Strophe kann mich verändern. So kann ich mich erinnern, dass ich mit fünfzehn oder sechzehn Jahren Federico García Lorca las, und da haben zwei Sätze einen gewaltigen Einfluss auf meinen Stil gehabt, meine Sicht der Dinge von Grund auf verändert, und das waren vielleicht zehn Wörter … Es gibt Leute, die ich bewundert habe, und ich bewundere mehr und mehr Leute, die etwas zustande gebracht haben. Es ist dermaßen schwierig, weiterzumachen, das weiß ich mittlerweile. Ich bewundere die, die weitermachen, aber auch die, die mal was gemacht und dann aufgehört haben.
Haben Sie das Gefühl, sich manchmal geirrt zu haben?
Nein, nicht wirklich geirrt. Zu Anfang habe ich an eine gewisse Tradition angeknüpft, und die habe ich irgendwann aufgegeben. Aber ich glaube nicht, dass das ein Fehler war. Aber es stimmt schon: Man kann sich in eine bestimmte Tradition einreihen und stellt fest, dass man in die falsche Richtung gegangen ist. Dann muss man sich andere Kameraden suchen. Das ist ein bisschen wie mit Robertson Davies: Ich habe mich geweigert, ihn zu lesen, weil ich geglaubt habe, er sei veraltet, gehöre nicht wirklich in unsere Zeit … Ich glaube, solcher Vorurteile wegen habe ich viel verpasst.
Wir haben über Godard gesprochen und seine politischen Ansichten. Man hat den Eindruck, solche Dinge sind Ihnen egal.
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