Beim Shaken schaue ich wieder nach Mr. Wodka. Er sitzt da und schaut ins Leere. Strahlendes Glück sieht anders aus. Auf den ersten Blick ist er ein verdammt gut aussehender Bilderbuch-Mann, wie frisch vom Armani-Laufsteg. Schlank, groß, sportlich, über den Schläfen geht der Haaransatz schon leicht zurück. Super Friseur. Ein Gesicht wie Viggo Mortensen, gepflegter Dreitagebart, Grübchen am Kinn. Wow, denke ich, toller Hecht. Aber er schaut irgendwie verdrossen ins Leere.
Mit der linken Hand drücke ich den umgedrehten Shaker auf die Platte und haue mit der rechten Hand kräftig gegen den Rand des Metallbechers. Das Teil öffnet sich, ich nehme das Glas raus, gieße das Eiswasser aus dem Cocktailglas und fülle dann den Drink durch das Barsieb ein und …
Mist!
Ich habe den Angostura vergessen.
Der Double Vision hat es in sich. Nicht nur wegen des kräftigen Anteils Wodka, sondern auch wegen der unverzichtbaren paar Spritzer Angostura Bitter, der die Fruchtsäure perfekt ausgleicht. Das Wundermittelchen enthält unter anderem Extrakte von Enzianwurzel, Bitterorange, Nelken, Kardamom, Zimt und Chinarinde und wurde im 19. Jahrhundert vom deutschen Arzt und Waterloo-Veteran Dr. Johann Gottlieb Benjamin Siegert in der Stadt Angostura entwickelt, die mitten im Regenwald in Venezuela liegt und heute Ciudad Bolívar heißt. Der Bitterlikör wurde damals als Medikament gegen Malaria, Gelbfieber und Denguefieber genutzt. Dr. Siegert war einer der rund 300 europäischen Legionäre im Freiheitskampf der Südamerikaner gegen die spanische Krone und wirkte als Generalstabsarzt in Simon Bolivars Separatistentruppen. Aber er war auch ein cleverer Geschäftsmann. Als er nämlich merkte, dass Söldner und Seefahrer seine Medizin mit Gin mischten und so als Drink für echte Kerle auf der ganzen Welt verbreiteten, hing er seinen Arztkittel an den Nagel und begann, den Angostura Bitter professionell zu produzieren und zu vermarkten. Die Firma existiert seit 1850, das Rezept ist natürlich geheim. Feine Sache, hochkonzentriert, saubitter.
Und nicht in diesem Drink!
Also, alles noch mal von vorne …
Als ich ihm sein Glas bringe,
hängt Mr. Wodka im Sessel wie ein nasser Sack.
»Hallo, Señor, Sie wollten die Piña Colada, stimmt’s?«
Er rafft sich auf, lacht etwas angestrengt und nimmt seinen Double Vision (mit drei Spritzern Angostura).
»Danke. Schöner Laden.«
»Na, dachte ich mir doch, dass Sie zum ersten Mal hier sind. Sind Sie auf Geschäftsreise? Oder frisch zugezogen? Oder haben Sie heute Abend plötzlich Ihre Liebe zum Wodka entdeckt und dann schnell die nächstgelegene Bar aufgesucht?«
Ich setze mich kurz auf die Lehne des Sessels neben ihm. Der Mann wirkt verschlossen. Aber die Typen mit der Ritterrüstung finde ich besonders spannend.
Geld hat er, das sieht man. Und verheiratet ist er, jedenfalls trägt er einen Ehering am Finger. Sein Gesichtsausdruck und seine Gesten sind hart, wenn er spricht. Eine Menge Testosteron ist da im Blut.
»Ich bin weder neu hier noch auf der Durchreise. Habe eben gerade Ihre Bar entdeckt und hatte Lust auf ’nen Drink. So was gibt’s doch, oder?«
Viel bekomme ich aus ihm nicht raus an diesem Abend. Die Bar füllt sich auch so langsam, ich habe gut zu tun. Irgendwann legt er Geld auf den Tisch und geht, ohne Tschüss zu sagen oder rüberzuschauen.
Vor mir sitzt Mr. Wodka und nickt mir zu.
»Guten Abend. Möchten Sie einen Double Vision oder einen Double Vision?«
Er lacht laut, die Rüstung bekommt Risse, das Visier klappt hoch. »Hm, dann nehme ich einen Double Vision, oder was meinen Sie?«
»Keine Ahnung. Ich mach Ihnen erst mal einen Double Vision.«
An diesem Abend erfahre ich mehr. Mr. Wodka bleibt am Tresen sitzen und beim zweiten Drink erzählt er.
Er arbeitet in der Pharmabranche. Seine alte Firma wurde vor einem Jahr übernommen. Ganz neue Kultur seitdem. Ich weiß, welche Firma das ist, in der Stadt gibt es da nur eine Möglichkeit. Riesenladen, einer der drei größten weltweit. Sein Metier ist Vertrieb, er ist gerade aufgestiegen, führt fünf Teamleiter und hat insgesamt 70 Leute unter sich. Sein oberster Chef ist neu. Auch das Produkt, das er pushen soll, ist neu. Stressig, das alles. Aber es läuft gut für ihn. Kommt gerade aus dem Büro, es ist kurz vor neun.
»Hm, 70 Leute, Vertrieb, da muss man tough sein, oder?«
»Schon.« Er blickt in sein Glas.
Ich nehme eine Bestellung von drei neuen Gästen auf, mixe ein paar Drinks, komme zurück zu ihm und gehe zum Angriff über. »Ich hab da mal ’ne Frage: Sie sind doch verheiratet, oder? Und wenn ich Sie so anschaue, dann tippe ich darauf, dass Ihre Frau kein Besen ist. Reine Erfahrungssache. In Ihrer Brieftasche ist ein Bild von einem supersüßen Mädchen, höchstens drei Jahre alt. Ich tippe, das ist Ihre Tochter. So, und jetzt will ich von Ihnen wissen: Warum in aller Welt hängen Sie zum wiederholten Male nach Feierabend in einer – zugegebenermaßen äußerst stilvollen – Bar herum und schauen trübe in Ihren Longdrink, anstatt mit Siebenmeilenstiefeln nach Hause zu hüpfen, Ihrer Tochter eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen und dann Ihre Frau glücklich zu machen? Hand aufs Herz!«
Ich bleibe kurz stehen und beobachte, wie sich seine Rüstung in Einzelteile auflöst und zu Boden scheppert. Er schaut mich entgeistert an, seine ganze Selbstsicherheit scheint verflogen, er holt Luft und … sagt nichts. Schluckt. Ich drehe mich um, greife zum Kühler und denke: Scheiße, Bruno, zu direkt, der geht jetzt. Warum kannst du auch nicht die Schnauze halten!
Während ich noch innerlich mein latentes Helfersyndrom verfluche, räuspert sich Mr. Wodka. »Also …«
Ich drehe mich zu ihm, schaue ihm gerade in die Augen und sage: »Entschuldige, Mann, ich wollte Ihnen nicht …«
»Schon gut. Nein, ist okay.« Er umfasst sein Longdrinkglas mit beiden Händen, als wäre es sein Sicherungsseil in der Felswand. »Also, ehrlich gesagt, habe ich einfach noch keinen Bock, nach Hause zu gehen.«
»Wieso das denn?«
»Keine Ahnung, ich blick da selbst nicht so ganz durch. Meine Frau ist toll. Aber … ich weiß nicht. Ich check’s selber nicht richtig.«
»Ihnen geht’s scheiße, oder?«
Er schaut mich jetzt an wie ein Hund, dessen Herrchen ihn beim Zerfetzen von Frauchens Strümpfen erwischt.
»Ähm, ich weiß nicht, wie’s mir geht. Ich weiß nur, dass es nicht so ist, wie es sein soll.«
»Inwiefern?«
»Na, ja. Früher hat mir das alles Spaß gemacht. Aber seit einer Weile quäle ich mich morgens nur noch aus dem Bett und habe überhaupt keine Lust, zur Arbeit zu fahren. Den ganzen Tag gibt es dort Druck von oben. Verkaufszahlen, Kundenzufriedenheitsquote, Responsezeiten, alle möglichen Kennzahlen, es wird irgendwie immer mehr. Dann schwierige Mitarbeiter, Umstrukturierungen. Am Abend bin ich nur noch platt. Keine Energie mehr für die Kinder. Meine Frau ist dann auch anstrengend. Wenn ich nach Hause komme, wollen irgendwie alle was von mir. Und keiner fragt, was ich will. Kann ich noch mal einen Drink haben, bitte?«
»Klar.« Ich räume sein leeres Glas ab. »Erzählen Sie weiter.«
Dann erzählt er von seiner Frau, die tatsächlich super aussehen muss. Sie verstehen sich gut. Sie ist seine zweite Frau, hat einen neunjährigen Sohn mit in die Ehe gebracht, gemeinsam haben sie die kleine Tochter, deren Bild ich gesehen hatte. Allen geht es gut, der Alltag ist bestens organisiert. Sie ist stolz auf ihn und seinen beruflichen Erfolg. Sie fährt einen schicken BMW. Trägt Designerklamotten. Genießt ihren Status und zeigt ihn gerne. Urlaub machen sie im Robinson-Club. Überall erzählt sie, was für ein toller Hecht er doch ist. Alle denken: Wie toll so eine Patchworkfamilie funktionieren kann.
Читать дальше