Da läutete die Türglocke. »Ich mach auf!«, rief Louise und war schon aufgesprungen. Durch die Milchglasscheibe konnte sie schon erkennen, dass Gustav vor der Tür stand, und riss sie entsprechend schwungvoll auf. »Gustav! Wie schön, dass du da bist. Ich hab schon so sehr auf dich gewar …« – Louise verstummte.
»Guten Tag, Louise. Du bist ja auf einmal ganz blass. Ich dachte, du freust dich, mich zu sehen.« Er hüstelte.
»Gustav?«, flüsterte Louise. »Geht es dir gut?«
»Es geht mir gut, und es wird mir gleich noch viel besser gehen, wenn du mich reinlässt.«
Sie trat einen Schritt zur Seite und ließ ihn ein. Schon als er seinen Mantel auszog, sah Louise, dass er stark abgenommen hatte, denn die Weste, die er sonst ausgefüllt hatte, saß ganz locker. Er musste ihren Blick bemerkt haben. »Mach dir bitte keine Sorgen. Ich hatte nur sehr viel zu tun und noch mehr Sehnsucht nach dir. Da habe ich keinen Bissen runtergebracht. Aber jetzt plagt mich Hunger.« Lachend rieb er seine kalten Hände aneinander und warf einen Blick ins Wohnzimmer, aus dem es nach Kaffee und Kuchen duftete. Mittlerweile wurde er selbst von Tante Malchen wohlwollend empfangen, denn bei seinen vielen Besuchen hatte er dank seines stillen, freundlichen Wesens irgendwann auch ihr Herz gewonnen. – Nicht zuletzt, weil er damit einverstanden war, dass Tante Malchen nach der Hochzeit bei ihnen wohnen sollte, damit sie versorgt war.
»Louise hat einen besonders guten Striezel gebacken. Essen Sie den mit Verstand, denn Louise hat drauf bestanden, richtige Rosinen reinzutun«, sagte Tante Malchen, während sie die Kaffeegedecke zurechtrückte. »Nicht nur kleingeschnippelte Dörrpflaumen, sondern richtige Rosinen.« Ihr Tonfall machte klar, dass dieser Striezel nicht mit Gold aufzuwiegen war.
»Ich hab auch Lebkuchen gebacken, und natürlich kriegst du einen Pflaumentoffel.«
»Bin ich dafür nicht schon ein wenig zu alt?«, fragte er und dankte seiner Braut mit einem Lächeln, als sie ihm Kaffee einschenkte.
»Für liebevolle Geschenke ist man nie zu alt.« Louise sah glücklich, wie Gustav genüsslich kaute. Ja, es würde ihr Freude machen, ihn zu verwöhnen. Diese schönen Gedanken beendete Gustav abrupt mit einem Hüsteln, das er vergeblich zu verbergen suchte.
»Gustav?«, fragte Louise bange. »Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?«
»Natürlich, Louise, ich hatte nur einen Krümel im Hals.«
Doch Gustavs Hüsteln hörte nicht auf, selbst als sie längst keinen Kuchen mehr aßen und der Tisch abgeräumt war.
»Louise, bitte, schau mich nicht so ängstlich an. Ich hab dir schon jetzt dein Weihnachtsgeschenk mitgebracht. Willst du es öffnen?« Er reichte ihr ein kleines Päckchen, dessen Schleife sie vorsichtig löste.
»Ein Medaillon mit deinem Porträt! Und wie gut es getroffen ist. Jetzt hab ich dich immer bei mir.« Selig drückte sie das Bild an sich. Dann sprang sie auf. »Aber ich hab auch was für dich. Warte, ich hole es gleich.« Und während sie in ihr Zimmer lief, um Gustavs Geschenk zu holen, hörte sie ihn husten. Es kostete sie unendliche Kraft, mit einem Lächeln ins Wohnzimmer zurückzukehren.
»Hier ist dein Geschenk. Ich bin so gespannt, was du sagst.«
Gustav öffnete das flache Päckchen mit sichtlicher Ehrfurcht. Zum Vorschein kam ein Wandkalender, auf den Louise die Rudelsburg und den Plauenschen Grund in Dresden gestickt hatte.
»Es ist wunderschön. – Die Orte, an denen wir so glücklich waren.« Sein Tonfall ließ Louise aufhorchen. Er ahnte also, dass ihr Glück der Vergangenheit angehörte. Mit unsicherer Stimme flüsterte sie: »Du musst wieder zu Kräften kommen, Gustav. Hörst du? Du musst unbedingt essen, dich ausruhen und wieder kräftiger werden.«
Gustav nickte schweigend und wagte nicht, sie anzuschauen, aber dann straffte er sich. »Es ist wirklich nur ein Husten. Ein Katarrh. Das wird schon wieder. Und so dünn bin ich nur geworden, aus lauter Sehnsucht nach dir. Wenn wir erst verheiratet sind und du immer bei mir bist, dann will ich schon wieder zunehmen.« Er drückte ihre Hand. So gerne hätte er sie geküsst, wenigstens auf die Stirn, aber Tante Malchen, die am Fenster saß, konzentrierte sich nur scheinbar auf ihre Stickerei. Sie sah genau, was auf dem Sofa vor sich ging.
»Verzeih mir meine dummen Sorgen, Gustav. Ja, lass uns zuversichtlich in die Zukunft schauen.«
Das gelang ihr nicht immer. Die Weihnachtstage in Mühlberg konnte sie kaum genießen; immerhin schrieb sie weiter an ihrem Roman und blieb natürlich auch in Kontakt mit ihren Freundinnen und Gustav.
Im Februar hatte Louise eine Einladung von Caroline von Bonniot bekommen. Überglücklich packte sie ihren Koffer, denn auch Gustav versprach, in Dresden zu sein. Gustavs Leiden war dergestalt fortgeschritten, dass er es nicht mehr verbergen konnte. Sein Husten war so schlimm, dass er seinen abgemagerten Körper schüttelte. Es war so offensichtlich, dass Caroline und Liddy alles versuchten, Louise zu trösten. Aber Louise kannte das Krankheitsbild der Auszehrung, das Verschwinden der Lebenskräfte. Sie hatte ihre Schwester, ihre Mutter daran sterben sehen. Es gab keinen Ausweg.
Beim Abschied schon spürte sie, wie kraftlos sein Händedruck war. Es kostete sie eine übermenschliche Anstrengung, auf dem Bahnsteig nicht in Tränen auszubrechen. Das Pfeifen des Schaffners erschien Louise wie ein grausames Fanal. Gustav musste einsteigen, ging durch den Waggon, während Louise ihm auf dem Bahnsteig folgte. Als er an einem leeren Abteil angekommen war und sich ans Fenster setzte, legte er seine flache Hand an die Scheibe. Louise legte ihre von außen dagegen, und als habe er auf diese kleine Geste nur gewartet, pfiff der Schaffner erneut. Der Zug ließ sein schrilles Pfeifen tönen, Louise wurde eingehüllt in eine Wolke aus Dampf, dann setzten sich die Stangen und Räder der Lokomotive in Bewegung. Louise lief so schnell es ihr verwachsener Körper zuließ, neben dem Zug her, doch schnell hatte der Zug den Bahnhof verlassen und Louise konnte nur noch zuschauen, wie er immer kleiner wurde und schließlich verschwand.
Bald nach ihrer Abreise aus Dresden war Gustav schon zu schwach, um sie in Meißen zu besuchen. Ein Brief kam. Louise erkannte kaum Gustavs Handschrift, so unsicher waren die Buchstaben.
»Das Schwert des Damokles hängt über jedes Menschen Haupt, und die Glücksgöttin wendet uns oft heimtückisch gerade da den Rücken, wo wir uns ihrer Gunst am sichersten glaubten. – Aber was bedürfen wir denn auch noch zu unserem Glück? Unsere Seelen sind so innig verschwistert wie unsere Herzen, und sie werden es bleiben über Zeit und Raum hinaus. Halte an dieser Gewissheit fest, sie wird dich mit Ergebenheit tragen lassen, was über uns beschlossen ist.« 9
Weinend sank sie auf ihr Bett. Ja, es war schon beschlossen. Bilder stiegen in ihr auf. Die bleichen Gesichter ihrer Mutter, ihrer Schwester, ausgemergelt, mit tief in den Höhlen liegenden Augen. Sie sah Clementine vor sich, wie sie in ihrem Bett lag, vom Husten geschüttelt wurde und immer mehr Blut spuckte. Die Angst um Gustav schnürte ihr die Kehle zu, denn es war sein Gesicht, das ebenso bleich und eingefallen vor ihrem inneren Auge schwebte. Ihr war, als packe eine riesige Klaue aus Eis ihr Innerstes.
Francisca schrieb ihr einen sehr liebevollen Brief, um sie zu trösten. Selbst Antonie ließ sich zu warmherzigen Worten hinreißen, aber Louise hatte das Gefühl, als stehe zwischen Antonies Zeilen die Erleichterung, dass sich »diese Sache« nun auf diese Weise erledigte.
Tante Malchen schwieg, wofür Louise ihr dankbar war.
Dresden – Strehlen, im April 1841
Gustav hatte sich auf Anraten seines Arztes eine Sommerwohnung in Strehlen genommen; eine kleine Wohnung am Stadtrand gelegen, mit einem Garten und großen Fenstern, die die Sonne einließen.
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