Unsere Tage bekamen ihren eigenen Rhythmus. Sobald wir mit den Hausaufgaben fertig waren, liefen wir schnell nach draußen, durchstreiften die Wiese, um Klee und Löwenzahn für Mariechen zu pflücken oder wir fuhren mit den Fahrrädern durch die Weizenfelder nach Steinbach. Dort gab es Streuobstwiesen, Bauernhöfe und Pferdekoppeln. Clarissa liebte alles, was sich auf vier Beinen bewegte und Fell hatte. Eines Tages verriet sie mir, dass es ihr sehnlichster Wunsch war, Tierärztin zu werden.
Zwei Jahre lang nahm ich Nachhilfe bei Clarissa. Ich lernte Lebensmut, Vertrauen und Tapferkeit. Dann trennten sich unsere Wege. Ich hatte mein Studium abgeschlossen und meine erste Arbeitsstelle lag in einer anderen Stadt. Als ich mich von Clarissa verabschiedete, wusste ich, dass es ein Abschied für immer war. Mein Job als Nachhilfelehrerin war beendet. Ich konnte nicht einfach wieder auftauchen und an ihrer Tür klingeln. Ihre Mutter ahnte nichts von dem unsichtbaren Band, das sich zwischen uns gesponnen hatte. Es gibt viele Bilder, die mir nach den zwei Jahren mit Clarissa noch in Erinnerung bleiben würden.
Clarissa schenkte mir zum Abschied ein rotes Herz aus Krepppapier, das eine kleine Öffnung mit einer Tür hatte. Als ich die Tür öffnete, entdeckte ich dahinter einen Glückskäfer aus Schokolade. Der Abschied fiel mir schwer, auch wenn ich wusste, dass ich mir um meine kleine Philosophin keine Sorgen zu machen brauchte. Eines Tages würde sie mit ihrem Glauben an den richtigen Weg die Situation zu Hause ändern können, da war ich mir ganz sicher. So wie sie mein Herz geöffnet hatte, konnte sie auch das ihrer Eltern öffnen. Alles würde sich zum Guten wenden. Clarissa spürte, dass die Welt voller unentdeckter Reichtümer steckte. Irgendwann würde ein neuer Kontinent entstehen. Dorthin würde sie dann reisen, wo niemand nach ihrer Vergangenheit fragte. Dort, wo es keine Geschichten gab, würde sie den Anfang machen und eine neue Geschichte erzählen und dabei würde sich alles, was ihre Kindheit überschattet hatte, auflösen und verschwinden. Sie hatte Vertrauen zum Leben und wusste, dass es sie tragen würde. Nach meiner letzten Nachhilfestunde stand ein hübsches Mädchen mit selbstsicherem Blick an der Tür und winkte mir zum Abschied. Es war nicht das Ende der Geschichte, sondern der Anfang von etwas Neuem.
Ich hatte also keine Angst um ihre Zukunft. Und doch dachte ich immer wieder an Clarissa. Als ich eines Tages, viele Jahre später, wieder auf Verwandtenbesuch in Frankfurt war, hielt ich es nicht mehr aus. Ich fuhr in die Nordweststadt zu ihrem Hochhaus. Als Erstes fiel mir auf, dass der Spielplatz verschwunden war. An seiner Stelle stand ein mehrstöckiges Parkhaus für die Besucher der nahe gelegenen Klinik. Die Fassade des Hochhauses war jetzt schwarz vom Schmutz der Stadt. Viele Fenster hatten keine Vorhänge und starrten wie tote Augen in die Welt.
Ein alter Mann kehrte vor der Haustür das welke Laub zusammen. Ich erkundigte mich nach Clarissa und ihrer Familie. Er zuckte teilnahmslos die Schultern. Ich deutete auf das Parkhaus und fragte ihn: „Wo spielen die Kinder jetzt?“ „Es gibt hier fast keine Kinder mehr. Die meisten Mieter mit Kindern bleiben nur wenige Monate, dann ziehen sie in eine bessere Gegend. Schauen Sie mal hier unten die Wohnungen. Sie haben die Mauer vom Parkhaus direkt vor dem Fenster. Es kommt kein Licht und es kommt keine Sonne mehr in die Wohnungen. Die Miete haben sie schon heruntergesetzt, aber trotzdem will hier keiner einziehen.“
Ich ging ins Haus und fuhr in den obersten Stock hoch. Dann stellte ich mich ans Fenster und schaute auf die Felder nach Steinbach. In der Ferne konnte ich Pferde erkennen, die wild und ausgelassen über eine Koppel sprangen. Wenn ich mich anstrengte und den Blick ganz fest auf die Koppel richtete, dann konnte ich am Horizont auch ein Mädchen mit langen dunklen Haaren erkennen.
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