Bald ist es so weit. Die beiden Schwärme riechen sich und schwirren aufeinander zu. Die vordersten Einheiten verhaken sich und verschwinden mit einem Geräusch, das an einen Staubsauger erinnert. Beim Kampf der Schwärme geht es darum, dass einer von ihnen eine möglichst große Gruppe des Gegners einschlürft und vernichtet, bevor dieser ebenfalls in Aktion tritt. Das Kampfgeschehen ist ausgeglichen; einmal liegt der erdnahe Schwarm vorne, dann der titannahe. Nach kurzer Zeit ist mehr als die Hälfte der Viren vernichtet. Der Kampf tobt weiter, lautlos und unsichtbar. Er entwickelt sich zu einem kleinen Drama ohne Publikum und ohne Siegerehrung, wie es im All immer wieder vorkommt. Hier haben sich unterdessen die erdnahen Viren einen satten Vorsprung erkämpft, und das nahe Ende der Auseinandersetzung zeichnet sich immer deutlicher ab. Nach einem weiteren Austausch ist der Kampf entschieden. Der Rest des unterlegenen Schwarms, etwa zehn Prozent der ursprünglichen Größe, zieht sich zurück, über Saturn hinaus ins All auf der Suche nach einer neuen Nahrungsquelle. Der Sieger, reduziert auf die Hälfte seines ursprünglichen Bestandes, ruft alle Viren zurück, die auf Nahrungssuche oder mit einem anderen Spezialauftrag unterwegs sind. Dann erkundet er Titan und findet in dessen lebendigen Eisfladen einen brauchbaren Ersatz für die Menschen der Erde, an denen sie sich einige Jahre lang gütlich getan haben.
Die Ärzte Bauer, Degenhart und Wetter haben ihren Schlussbericht abgeliefert. Jetzt treffen sie sich informell in Bern im Hotel Schweizerhof zu einem Abschiedstrunk. Gleich gegenüber steht das eidgenössische Bundeshaus. Ein milder Frühsommer vergoldet das ehrwürdige Gemäuer. Wolfgang Degenhart zündet eine Zigarette an. Er hustet, dann sagt er:
»Meine Patienten erholen sich, und seit Tagen kommen keine Neuinfizierten dazu.«
Emil Wetter: »Bei mir sieht’s ähnlich aus. Heute Vormittag noch drei Neuinfektionen. Ältere Leute, alle drei. Dafür aber sechs, die wir als geheilt entlassen konnten.« Er macht eine Pause und nimmt einen kräftigen Schluck. »Köstlich, dieser Barolo«, erklärt er kennerhaft.
Degenhart nickt zu beidem und sagt: »Viele epidemisch verlaufende Krankheiten erschöpfen sich von selber. Sterben aus, sozusagen. Und bei dir, Oskar. Gehen dir auch die Patienten aus?«
»Ja«, bestätigt Bauer. »Aber viel interessanter … ja … heute traue ich mich eher, darüber zu reden.«
»Na, komm schon«, drängt Kollege Wetter. »Mach’s nicht spannend.«
»Er hat wieder geträumt«, vermutet Degenhart. »Stimmt’s?«
»Ja. Wieder die Frau von meinem ersten Traum.«
»Und? Hat sie diesmal mit dir gesprochen?«
»Nein.« Bauer blickt die Kollegen traurig an. »Sie hat furchtbar ausgesehen. Wie meine Patientin Berger, voll von diesen hässlichen Pusteln.«
»Alle schön dunkelrot«, sagt Emil Wetter, einfach so. Das interessiert ihn nicht mehr.
»Viel schlimmer«, widerspricht Bauer. »Graugrün.«
Spiel 2
1.
Originale waren in Heimland Menschen, die durch normale Fortpflanzung gezeugt und geboren wurden. Hologramme – kurz Holos – waren Menschen, die durch Energieumwandlung als Kopien von Originalen geschaffen wurden. Die Originale besaßen die beschränkte Fähigkeit, aktiv durch Gedankenübertragung zu kommunizieren, die Holos nicht. Ein Original hatte einen Bauchnabel, ein Holo nicht. Den Holos blieb die Fortpflanzung versagt, den Originalen nicht.
Heimland war ein geografisch, politisch und rechtlich genau definierter, autonomer Bereich der übergeordneten Hauptwelt Terra. Was diese Hauptwelt war, was es damit auf sich hatte, wussten in Heimland die Wenigsten. Es gab noch andere Bereiche, zum Beispiel Fremdland im Osten und Wasserland im Westen. Männer und Frauen, die weit gereist waren, erwähnten immer wieder auch Sonnenland im Süden, das ständig warm und während mehrerer Monate richtig heiß war.
Spielen war die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung von Heimland. In jedem Haus und jeder Wohnung gab es ein Spielzimmer und eine Spielwand. Zu arbeiten brauchte niemand. Natürlich waren bestimmte Arbeiten für den Alltag oder die Bequemlichkeit der Menschen unerlässlich. Dafür sorgten riesige Anlagen und Einrichtungen, die, im nördlichsten Zipfel des Landes, wo Eisbären und Eskimos einander Gute Nacht sagten, angesiedelt waren. Ihre Funktionsweise trug den sachlich-bescheidenen Namen künstliche Intelligenz. Menschen waren nicht mehr nötig.
Jeder Mensch trug eine Uhr mit einer Drehkugel in der Mitte. Damit ließ sich jede Aktivität kontrollieren. Die Uhr war hinter dem linken Handgelenk unter die Haut einoperiert. Je nachdem, wie ein Mensch sein Leben gestaltete, schrieb ihm die Uhr Punkte gut. Zwei grüne Punkte neutralisierten einen roten. Wer trotzdem hundert Rotpunkte erreichte, wurde aus dem Spiel genommen.
Was dann mit ihm geschah, blieb ein ungelöstes Rätsel.
2.
Die hier aufgezeichneten Ereignisse fanden im Frühjahr 2621 statt. Heimland wurde von einer Troika regiert, die aus zwei Originalen und einem Holo bestand. Sie erließ Erlasse, setzte Gesetze und sorgte dafür, dass diese von den dafür ernannten Aufsehern angewendet und durchgesetzt wurden. Dafür ernannten die Aufseher Spielleiter. Diese verkehrten mit dem einfachen Volk, erläuterten die Anordnungen der Aufseher und halfen bei allem, das mit dem Spiel zusammenhing. Jedermann, egal, ob Single, Paar oder Familie, wurde eine gediegene Wohnung oder ein großzügiges Haus fertig eingerichtet zugeteilt.
Über der Troika thronte, so sagte man, eine Art Kontrollorgan, das in Angelegenheiten von höchster Bedeutung eingriff. Dazu gehörten etwa eine Kriegserklärung, die Abschaffung des freien Spiels für alle, die Wiedereinführung der Raumfahrt oder die Abschaffung der Überwachung sämtlicher Bürgerinnen und Bürger.
Aber das interessierte im Einzelnen niemanden.
Marnie war vor einer Woche von Wasserland zugewandert. Sie war ein Original. Jemand hatte ihr gesagt, dass Heimland harmonisch organisiert und technisch am weitesten fortgeschritten sei. Sie saß in ihrem Spielzimmer und durchsuchte das Sachverzeichnis des Bildschirms. Da, auf einmal, während sie blätterte, tat sich im Schirm ein Spalt auf. Er öffnete sich, wurde größer, bis sich ein schwarzbraunes, glänzendes Gebilde von der Größe eines Tennisballs hindurchzwängte. Marnie erschrak, dann überwand sie sich und schaute näher hin. Das Gebilde war ein Kopf, hatte zwei schwarze Augen, einen Mund und auf beiden Seiten je eine Antenne – eine Riesenameise. Der Kopf war jetzt vollständig im Freien, und zwei dünne Beinchen drängten von hinten nach. Marnie machte zwei Schritte rückwärts und klickte auf ihrer Uhr auf ›Spielleiter‹. Das große Insekt machte ihr Angst; sie beherrschte sich, um nicht zu schreien.
Innerhalb weniger als einer Minute erschien ein Spielleiter. Er hieß Roman. Unterdessen hatte sich die Ameise bereits ganz durch ihr Loch gezwängt und auf den Boden fallen lassen. Sie ließ ihre Fühler pausenlos rotieren und krabbelte voran, langsam, als wisse sie nicht recht weiter. Der Spielleiter sagte:
»Faszinierend! Sie erkundet ihre nähere Umgebung.«
Das Insekt maß rund sechzig Zentimeter. Der Kopf beanspruchte ein knappes Drittel der Körperlänge, der Mund war breit und ließ seine scharfen Kiefer laufend auf- und zuklappen.
Marnie schnaubte: »Ich will nicht wissen, was sie tut, sondern was du zu unternehmen gedenkst.«
Roman machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Sie scheint harmlos zu sein. Wir sperren sie ein und beobachten sie eine Zeit lang.« Er betätigte seine Uhr und erklärte: »Ich habe noch zwei Kollegen aufgeboten. Sie werden mir helfen, das Tierlein unbeschädigt unterzubringen.«
Plötzlich stieß Marnie einen spitzen Schrei aus. »Dort, sie überfallen uns!« Sie zeigte auf die Spielwand. Aus dem Loch, das die erste Ameise gemacht hatte, kroch eben eine zweite, ließ sich auf den Boden fallen und machte Platz für eine weitere. Die beiden zusätzlichen Spielleiter erschienen, und unterdessen wuselten bereits vier der Insekten über den leeren Platz, und ein fünftes kletterte aus dem Loch in der Wand.
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