Als er sich umdrehte, klang seine Stimme wie üblich: Grollend, donnernd und mit saftigen Ausdrücken gewürzt.
„Habt ihr nicht gehört, ihr lausigen Sägefische!“ brüllte er. „Geit auf das Großsegel, hopp, hopp! Und glotzt nicht so triefäugig. So was wie den kleinen Lappen hab ich als Moses mit links aufgegeit, mit dem kleinen Finger!“
Die Männer grinsten wie üblich, wenn Edwin Carberry loslegte, denn er meinte es nicht so. Obwohl jeder Handgriff exakt saß, vermochte der Profos nicht über seinen Schatten zu springen. Er mußte brüllen und fluchen, denn was war ein Schiff ohne einen fluchenden Zuchtmeister? Schließlich war er ja nicht als Seelsorger an Bord!
Die „Isabella“ rückte dem Punkt rasch näher, obwohl sich ihre Fahrt durch das Aufgeien des Großsegels merklich verringert hatte.
„Klar zum Auffischen!“ rief der Profos. „Nehmt die hölzernen Haken, aber durchlöchert den Kerl nicht, vielleicht lebt er doch noch!“
Die Wellen täuschten Leben in der Gestalt vor, als er dicht an der Bordwand entlangschurrte. Das Gesicht des Mannes hing im Wasser, seine Arme waren ausgebreitet und deuteten in die Tiefe unter ihm, als wolle er auf etwas zeigen.
„Wenn der noch lebt, laß ich mir vom Kutscher sämtliche Kakerlaken braten“, sagte der Profos. „Hiev auf! Los, Smoky, pack an!“
Vier hölzerne Haken, an den Enden rund gebogen, hievten den Uniformierten mit einem Ruck aus dem Wasser. Fäuste griffen zu, und dann lag der Spanier triefend auf den Decksplanken, immer noch mit dem Gesicht nach unten.
Hasard war in der Kuhl erschienen. Sehr nachdenklich ruhte sein Blick auf der schlaffen, leblosen Gestalt, von deren Kleidung das Wasser troff, deren schwarze Haare sich auf den Planken ausbreiteten.
Neben dem Seewolf stand der Kutscher. Er hatte Tücher in heißes Pfefferminzöl gelegt und bückte sich nach dem Mann.
Er ergriff ihn unter dem Brustkorb, hob ihn an und drehte ihn halb zur Seite.
„Verdammt“, murmelte er betroffen und starrte erschreckt in das Gesicht des Mannes.
Auch die anderen wichen unwillkürlich etwas zurück.
Dieses Gesicht! Es sah furchtbar aus. Vom Hals aufwärts bis zu den Augen war es ein einziger roter Klumpen, furchtbar entstellt, die Haut zerrissen und zerfetzt.
„Tot“, sagte der Kutscher, „da gibt es keine Hilfe.“
„Scheint so, als. hätte ein Hai ihn angegriffen, aber dann von ihm wieder abgelassen“, sagte Big Old Shane, der mit verschränkten Armen in der Kuhl stand.
Der Kutscher schüttelte den Kopf, legte ihn auf die linke Schulter und musterte den Toten noch einmal, diesmal etwas gründlicher.
„Diese Verletzung stammt von keinem Hai“, sagte er laut. „Es muß etwas anderes gewesen sein.“
„Piranhas?“ fragte Hasard leise. „Ein Fluß kann ihn in den Atlantik geschwemmt haben, bevor die Biester ihr Werk vollenden konnten.“
Wieder schüttelte der Kutscher den Kopf.
„Das waren auch keine Piranhas“, entschied er. „Sein Tod gibt mir Rätsel auf, ich möchte mich zu der Behauptung versteigen …“
„Er möchte sich versteigen“, murmelte Ferris Tucker spöttisch. „Kannst du nicht Englisch sprechen, Mann? Versteigen kann man sich höchstens in den Wanten.“
Den Kutscher ließ dieser Einwand unberührt. Damals, bei Sir Freemont, hatte er seine Worte immer mit Bedacht gewählt und von dem berühmten Arzt auch viel gelernt. Aber zu seinem Bedauern hatte sich sein Umgangston bereits ganz beträchtlich dem der rauhen Gesellen angepaßt, was nicht hieß, daß nicht ab und zu doch mal etwas von der vornehmen Blasiertheit bei ihm durchbrach.
„Es sieht nach schweren Verbrennungen aus“, sagte er schließlich. Die anderen starrten ihn verständnislos an.
Selbst der Seewolf war perplex.
„Schwere Verbrennungen?“ fragte er ungläubig. „Ist das nicht etwas weit hergeholt, Kutscher?“
„Keineswegs, Sir! Um es ganz kraß auszudrücken – dieser Mann ist mit dem Schädel in ein Faß siedendes Öl gefallen.“
Carberry tippte sich bezeichnend an die Stirn und sah dabei den Kutscher an.
„Glaubst du etwa, der wollte die Fettaugen zählen? Mann, wer fällt schon mit dem Schädel in siedendes Öl?“
„Er hat es offenbar nur mit dem Gesicht berührt“, sagte der Kutscher hilflos und zuckte mit den Schultern.
Der tote Spanier, der Uniform nach war es ein Teniente, gab den Seewölfen Rätsel über Rätsel auf.
Hasards Blick war nachdenklich auf die See gerichtet. Dann kehrte er zurück und blieb auf dem Spanier haften.
„Laß das Segel wieder setzen, Ed“, sagte er nebenbei und griff in das Wams des Spaniers. Er fand keine Papiere, nichts was Aufschluß über den Toten gegeben hätte. Nicht einmal sein Alter ließ sich schätzen, und von der Statur her war er normaler Durchschnitt.
Lange betrachtete Hasard den Toten. Er wurde nicht schlau daraus. Keine Papiere, ein verbranntes Gesicht, weit weg vom Land – wie paßte das alles zusammen?
Er sah, wie das Segel sich bauschte, spürte, wie die „Isabella“ mehr Fahrt aufnahm und blickte dann zur Kimm hinüber, hinter der südamerikanisches Land lag. Er beschloß in diesem Augenblick, dichter an Land zu segeln, ein paar Meilen wenigstens, so daß man den Küstenstrich gerade noch sah.
„Übergebt ihn der See“, sagte er leise, „aber beschwert ihn vorher mit einer Eisenkugel oder etwas anderem.“
Carberry nickte. Sein Gesicht, narbig mit vorgeschobenem Kinn, wirkte ausdruckslos. Der Profos schien in sich hineinzuhorchen, dann drehte er sich um und gab Smoky und Bob Grey einen Wink.
„Über Bord mit ihm!“ befahl er knapp. „Und vergeßt nicht, ihm eine Kugel ans Bein zu hängen!“
Tucker schnitt ein kurzes Stück Tau ab, schlang es kunstvoll um die Kugel und verband das andere Ende mit dem Bein des toten Spaniers. Zu dritt hoben sie ihn über Bord.
Das verbrannte Gesicht des Spaniers war das letzte, was sie von ihm sahen, als er senkrecht auf Tiefe ging. Dann hatte die See ihn verschlungen.
Auf dem Achterkastell lehnte Hasard an der Five Rail und sah zu, wie der Rudergänger in die Speichen griff, um die „Isabella“ näher an die Küste heranzubringen.
„Was hältst du davon, Ben?“ fragte der Seewolf.
„Tut mir leid, Hasard, ich habe nicht die geringste Erklärung dafür. Ich vermute, daß sie ihn auf irgendeine grausame Art und Weise gefoltert haben.“
„Die Dons? Dann hätten sie ihm wahrscheinlich vorher die Uniform ausgezogen.“
„Es war nur eine Vermutung“, sagte Ben.
„Natürlich. Vergessen wir den Vorfall. Sag Ferris, er soll nachher noch einmal den Kettenbolzen der Ruderanlage überprüfen, ich möchte keine unangenehmen Überraschungen erleben.“
Tucker war schon ein paar Minuten später an der Arbeit. Ja, der Kettenbolzen hatte es immer noch in sich, dachte er. Schon dreimal war er gebrochen und hatte Schiff und Mannschaft in bedrohliche Situationen gebracht. So schön und bequem die Ruderanlage anstelle eines Kolderstocks auch war, aber sie hatte das, was man als Kinderkrankheit bezeichnete. Von Zeit zu Zeit mußte der Bolzen ausgewechselt werden, er scheuerte durch und brach meist dann, wenn man sich in einer schwierigen Situation befand.
Diesmal war er in Ordnung, wie der Schiffszimmermann feststellte. Er würde eine ganze Weile halten.
Die „Isabella“ segelte weiter mit Backbordhalsen, bis sie zu der Zeit, die Hasard vorausgesagt hatte, das Mündungsdelta des Rio de la Plate erreichte.
Es war kurz nach Mittag. Die Hitze war erträglich, abgemildert durch die frische Atlantikbrise ließ sie sich angenehm ertragen.
Auf Steuerbord dehnte sich hügeliges Land aus, soweit das Auge sah. Nur dem Schiffsjungen Bill schien es, als beschriebe der Atlantik hier einen gewaltigen Knick. Die Wassermassen schienen seiner Ansicht nach rechts abzubiegen, und er fragte sich insgeheim immer wieder, ob man nicht doch mehr nach Steuerbord segeln müßte, wenn man auf dem richtigen Kurs bleiben wollte.
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