Psychiater tendieren dazu, Personen, die anscheinend übersinnliche Kräfte besitzen als anormal, das heißt unter einer psychiatrischen Störung leidend, zu betrachten. Dr. Judith Orloff, Psychiaterin aus Los Angeles und Autorin des Buches: „Das Zweite Gesicht“ (Thomas Moore, 1997) schreibt, dass sie seit ihrem neunten Lebensjahr paranormale Fähigkeiten zeigte, aber jahrelang nicht darüber sprach, weil ihre Mutter und andere Personen in ihrem Umkreis kein Verständnis dafür aufbrachten, und ihr das Gefühl vermittelten, sie sei anormal. Erst als sie nach einer außerkörperlichen Erfahrung ein Institut für paranormale Erfahrungen aufsuchte, erfuhr sie, dass sie nicht psychiatrisch krank sei, sondern vielmehr über eine besondere Begabung verfüge. Entsprechend ihrer Schätzung, die vielleicht hauptsächlich auf ihrer eigenen Arbeit in der Psychiatrie basiert, sind etwa 25 % derjenigen, die psychiatrische Hilfe suchen, und bei denen eine Psychose diagnostiziert wird, in Wirklichkeit nicht psychotisch sondern medial veranlagt.
Im Osten sind die Menschen geneigt übernormale Kräfte, oder Siddhis“ wie sie in Indien genannt werden, als Zeichen der Entwicklung spiritueller Fähigkeiten anzuerkennen. Spirituelle Lehrer von hohem Rang jedoch haben okkulte Kräfte als untergeordnet, und der spirituellen Verwirklichung nicht zugehörig betrachtet. Ramakrishna bemerkte: „Jemand der nach okkulten Kräften strebt, ist wie einer, dem vom König ein Wunsch freigestellt wird, und der daraufhin um einen Kürbis bittet.“ Manche sind sogar der Ansicht, dass man auf dem spirituellen Weg nicht nur davon Abstand nehmen muss, nach spirituellen Kräften zu suchen, sondern auch davon, sie zu benützen, wenn man sie erlangt hat. Was diese Einstellung betrifft, schreibt Sri Aurobindo:
„Ich halte die Idee, dass Yogis bestimmte Kräfte nicht gebrauchen sollten (wie Geschehnisse aus der Ferne wahrzunehmen und in diese einzugreifen), für asketischen Aberglauben. Ich glaube, dass alle Yogis, die diese Kräfte haben, sie auch benützen, wann immer sie fühlen, dass sie innerlich dazu aufgefordert werden. Sie mögen sich zurückhalten, wenn sie denken, dass der Gebrauch in einem bestimmten Fall dem göttlichen Willen entgegensteht, oder wenn sie sehen, dass sie durch das Verhindern eines Übels die Tür für ein schlimmeres öffnen, oder aus irgendeinem anderen triftigen Grund, nicht jedoch wegen eines allgemeinen Verbots.
Was sich für jeden mit einer starken spirituellen Wahrnehmung jedoch verbietet, ist als Wundermacher aufzutreten, der außergewöhnliche Dinge um der Show willen ausführt, um berühmt zu werden oder zur materiellen Bereicherung oder aus Eitelkeit und Stolz.“ (Sri Aurobindo, Letters on Yoga, Centenary Library Band 22, S. 481)
Okkultismus im täglichen Leben
Sri Aurobindo definiert Okkultismus als
„Die Kenntnis der verborgenen Kräfte der Natur und ihr richtiger Gebrauch ... – besonders der Kräfte der subtil-physischen und supraphysischen Ebenen.“ (Sri Aurobindo,Letters on Yoga, Centenary Library Band 22, S. 75)
Wie die Mutter ausführt, praktiziert jeder Okkultismus ohne es zu wissen, denn jeder gebraucht die Kraft der Gedanken und der Vorstellung, welche tatsächlich okkulte oder verborgene Kräfte sind, die sichtbare Wirkungen auf einen selbst und andere hervorbringen. Die Wirkungen, die wir durch unser gewöhnliches Denken und unsere Vorstellungskraft erzeugen, sind dürftig, verglichen mit dem, was sie sein könnten, wenn ihre Kraft durch Schulung entwickelt werden würde. Tatsächlich nehmen die meisten Menschen nicht einmal die Resultate wahr, die durch Gedanken und Imagination in unserem Körper und in unserem äußeren Leben hervorgerufen werden. Deswegen werden diese Kräfte oft in einer Weise gehandhabt, die schädlich für uns selbst und andere ist. Ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der Fähigkeiten unserer inneren Kräfte besteht darin, uns stärker bewusst zu machen, welche Kräfte wir schon besitzen und gebrauchen, und welche Wirkungen sie in unserem täglichen Leben hervorrufen, sodass wir lernen, mit ihnen bewusster und heilsamer umzugehen.
Wir können Kraft aus äußeren Dingen oder aus unserem eigenen Wesen schöpfen. Die Kraft zur Bekämpfung von Krankheiten kann zum Beispiel vom Gebrauch äußerer Mittel wie Medikamente kommen oder von innen, aus der natürlichen Widerstandskraft unseres Körpers. Bis jetzt hat die Menschheit in ihrem Bemühen, immer mehr Macht zu erlangen, danach gestrebt, diese auf verschiedenen Gebieten, überwiegend durch äußere Mittel, wie technologische und wissenschaftliche Entwicklungen zu gewinnen. Der Entfaltung der Fähigkeiten in uns selbst wurde weit weniger Aufmerksamkeit gewidmet, sodass die innere Kraft an sich nicht nur hinter der äußeren zurückgeblieben, sondern in mancher Hinsicht sogar verkümmert ist.
Denn während in der Krankheitsbekämpfung mit äußeren Mitteln, wie stärkeren Arzneimitteln und verbesserter Technologie große Fortschritte erzielt wurden, gibt es eine zunehmende Verbreitung von Erkrankungen, die in Beziehung zum körpereigenen Immunsystem stehen, wie Krebs, Arthritis, AIDS und anderen, was auf eine Verschlechterung der körpereigenen Heilmechanismen hinweist.
Über die Verringerung der persönlichen Widerstandskraft als Folge der Zunahme der Technologie schreibt Joseph C. Pierce in seinem Buch, The Bond of Power (Dutton, 1981):
„Wir haben die technischen Erfindungen lange als Erweiterung unserer persönlichen Macht angesehen... In der Praxis jedoch unterminieren, untergraben, ja ersetzen sie unsere Fähigkeiten, die sie angeblich steigern und verbessern.“
Während wir zum Beispiel die Hilfe für unsere Sehkraft durch technische Mittel wie das Teleskop und das Mikroskop verstärkt haben, stellt Pierce fest, hat sich unsere eigene Sehkraft verschlechtert.
So waren um 1900 in Texas 12% der Kinder im Alter von acht Jahren kurzsichtig. 1962 waren im Alter von erst sechs Jahren fast 80 % der Kinder kurzsichtig.
Eines der Zeichen des beginnenden neuen Zeitalters – wie von Sri Aurobindo und anderen angedeutet – ist, dass mehr und mehr Menschen die Entwicklung von inneren Kräften verfolgen, was das Auftauchen der Bewegung: „Human Potential Movement“ zeigt, sowie Trainingskurse für die Steigerung der sinnlichen und paranormalen Fähigkeiten, und das Angebot von technischen Geräten zur Bewusstseinserweiterung, (das Innere von außen her zu entwickeln!), und auch die zunehmende Beliebtheit von Meditation und spirituellen Praktiken.
Dieses Buch wirft Licht auf die verschiedenen inneren Kräfte, die wir bereits besitzen und bewusst oder unbewusst gebrauchen, sowie auf latente Fähigkeiten in uns, die bisher mehr oder weniger unentwickelt sind.
Einige Passagen aus den Werken der Mutter bestehen aus Gesprächen mit Kindern aus dem Ashram, in denen sie im allgemeinen Fragen beantwortet, die ihr von den Kindern gestellt werden.
Die Abschnitte für dieses Buch sind so ausgewählt worden, dass es sowohl für den Durchschnittsleser wie auch für den spirituell Suchenden von Interesse sein kann.
A. S. DALAL
DIE INNEREN KRÄFTE
KAPITEL 1
LATENTE KRÄFTE DES BEWUSSTSEINS
Eine Entwicklung von latent vorhandenen und verborgenen, aber bisher unentwickelten Kräften des Bewusstseins wird vom modernen Intellekt nicht für möglich gehalten, denn diese übersteigen unsere gegenwärtige Auffassung von Natur. Unseren ignoranten, vorgefassten Meinungen, die auf einer begrenzten Erfahrung basieren, erscheinen diese Kräfte übernatürlich, unglaublich und okkult; denn sie übersteigen die bekannten Prozesse der materiellen Energie, welche normalerweise als einzige Ursache und Wirkungsweise aller Dinge anerkannt wird, und als das einzige Instrument der schöpferischen Weltkraft.
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