Was aber gibt dem „System“ seine ungeheure Stoßkraft, wenn es letztlich „nichts“ ist, was sich da verbreitet? Weshalb hat es sich nicht längst erschöpft? Was hält es am Laufen? Es ist doch ein völlig unpersönliches Gebilde, wie kann es dann mit solcher Wucht Macht auf Personen und persönliche Beziehungen ausüben? Kann das bloße Fehlen von etwas sich als Wirkkraft erweisen? Beim Suchen nach einer Antwort auf diese Fragen kann es uns vielleicht helfen, an eine winzige, aber wichtige Schraube zu denken, die aus Versehen in einem Flugzeugmotor fehlt, was hunderten Menschen zum tödlichen Verhängnis werden kann. Ebenso kann das Fehlen von gegenseitiger Aufrichtigkeit und Vertrauen einer ganzen Gesellschaft zum Verhängnis werden.
Wie leicht können wir durch fehlende Aufmerksamkeit Gelegenheiten versäumen, die oben erwähnte Wärme menschlicher Beziehungen auszudrücken und weiterzuverbreiten. In diesem Nichts, wo etwas sein sollte, besteht unser persönlicher Beitrag zur unpersönlichen Gewalt*des „Systems“. Bei jeder Begegnung geht es ja um die Entscheidung, „ja“ oder „nein“ zu antworten auf die Einladung des Lebens, unser Gegenüber Zugehörigkeit und Wertschätzung fühlen zu lassen.
Leider ist es auch leicht, in die ausgefahrenen Verkehrsspuren des „Systems“ hineinzurutschen. Redewendungen drücken manchmal solche Furchen aus, die unvorsichtige Fahrer ins Schleudern bringen können. Korruptes Verhalten wird zur Erwartung und wir wiederholen vielleicht gedankenlos und mit zynischem Grinsen den Leitsatz „Vertrauen ist schon gut, aber Kontrolle ist besser“ und bemerken gar nicht, welche verheerende Wirkung ein solches Verfahren im Verkehr zwischen Menschen haben muss.
Solche Versäumnisse sind aber nicht die einzige Art und Weise, wie wir das unpersönliche „System“ mit persönlicher Energie versorgen. Es gibt immer einige, die – aus Egoismus und Kurzsichtigkeit – einen Vorteil darin sehen, Menschen wie Objekte für ihren eigenen Vorteil auszunutzen und dadurch aktiv dem „System“ einen Stützpunkt geben, von dem aus es sich ausbreiten kann. Was hier fehlt, ist jene Sicht auf das Ganze, die uns ein gesunder Sinn für gesellschaftlichen Zusammenhalt gibt. Dessen Fehlen ist äußerst gefährlich, denn auf lange Sicht zerstört eine Welt ohne gegenseitiges Vertrauen, Fürsorge und Liebe sich selbst.
Trotzdem gibt es neben diesen Wenigen, die vom „System“ profitieren, unzählige andre, die ganz offensichtlich unter dem „System“ leiden und es dennoch unterstützen, nämlich um sich dahinter zu verstecken. Sie machen das „System“ zum Sündenbock, anstatt sich dagegen aufzulehnen. Sind wir nicht alle ab und zu aus Faulheit versucht, es uns auf diese Weise bequem zu machen?
Was heißt das aber, sich gegen das „System“ aufzulehnen? Es verlangt zunächst von uns, wachsam Ausschau zu halten, die Auswirkungen des „Systems“ im öffentlichen Leben genau zu erkennen und etwas dagegen zu unternehmen – Petitionen, Proteste, Demonstrationen, Streiks, Boykotte. Dabei wollen wir immer bedenken, dass wir nicht dieses oder jenes System als solches anklagen, sondern seine Korruption durch das „System“. Wir greifen auch nicht die Reichen oder Mächtigen an, sondern verlangen ein Ende korrupten Handelns. Auch alle, die im „System“ Macht ausüben, sind ja letztlich seine Opfer. Obwohl sie davon profitieren, sehnen sie sich – bewusst oder unbewusst – danach, von ihrer Liebe zur Macht*befreit zu werden durch die Macht der Liebe.
Dies weist auf eine zweite Art und Weise hin, sich gegen das „System“ aufzulehnen. Sie ist nicht so weithin sichtbar wie die eben erwähnte, aber mindestens ebenso wichtig und besteht darin, für das gelebte „Ja“ zur Zugehörigkeit – also für die Liebe – Zeugnis abzulegen. Das „System“ enthält ja nichts als Lücken, in denen persönliche Beziehungen fehlen. Aber in der Welt fehlt es nicht an Zeugen der Liebe, die in ihrem Alltag ganz unauffällig diese Lücken immer wieder füllen. Unzählige Männer, Frauen und Kinder tun in aller Verborgenheit täglich das Wichtigste im Leben: Sie erweisen allen, denen sie begegnen, Freundlichkeit. Sie machen verzagten Menschen ihre Menschenwürde bewusst, einfach dadurch, dass diese fühlen dürfen: Jemand kümmert sich um mich!
Freundliches Lächeln allein kann es allerdings nicht schaffen. Widerstand gegen das „System“ verlangt taktisch gezielte Strategie und mutigen Einsatz. Und Freundlichkeit darf nie zur Strategie werden. Aber auch Strategie muss freundlich lächeln können, um ihr Ziel zu erreichen.
Das „System“ kann nicht lächeln. Es kümmert sich um keinen Menschen. Ihm ist alles egal. Wir haben es ja mit einer völlig unpersönlichen Machtstruktur zu tun, obwohl sie wie von einem irrsinnigen Machthaber gesteuert erscheinen mag. In seinem Wesen ist das „System“ uneingeschränkte Unpersönlichkeit – Inbegriff eines leeren Nichts mit mörderischer Macht. Wo es eindringt, zerstört es das Bewusstsein gegenseitiger Zugehörigkeit und die Anerkennung persönlicher Einzigartigkeit – die beiden Voraussetzungen von Menschenwürde. Sich gegen das „System“ aufzulehnen, heißt also – kurz und positiv auf eine Formel gebracht – für Menschenwürde einzutreten. Menschenwürde entspringt letztlich der Ehrfurcht vor dem Geheimnis.
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