Nach diesem aufschlussreichen Gespräch mit Tom kehrte sich plötzlich alles um. Mein Freund wurde vom Arzt mit einer chemisch induzierten Depression diagnostiziert. Daraufhin entschuldigte er sich demütig bei mir. Heute sind wir enger als je zuvor befreundet. Das Gemeindeglied wurde zurechtgewiesen und die Gemeinde erholte sich. Der Pastor, der meinen Charakter vor meinen Kollegen in Frage gestellt hatte, gab sogar die Anregung, die schließlich dazu führte, dass ich die leitende Position für Gemeindegründung in unserem Gebiet übernahm. Seitdem gehört er zu meinen stärksten Unterstützern. Der Gemeindeverband reagierte auf die Anschuldigung der Ketzerei und forderte den, der meinen Freund und mich angeklagt hatte, auf, seine Anschuldigungen zu unterlassen. Alle meine Beziehungen wurden wiederhergestellt, aber in mir hatte sich für immer etwas verändert. Ich spürte nun einen neuen Ruf, die Hoffnung Jesu den Menschen zu bringen, die zerbrochen und verloren sind und nicht mehr leben wollen.
Trotz der Verletzungen, die mir die Menschen, die ich liebte, zugefügt hatten, hatte ich nie das Gefühl, dass mein Retter mir den Rücken zuwandte. Jesus war immer bei mir, egal, was andere Menschen sagten und taten. Ich verlor nie die Hoffnung.
In dieser Zeit berief Gott auf sehr radikale Weise einen anderen Mann namens Steve. Er war einer der Ältesten unserer Gemeinde und von Beruf Klempner. Genau wie der andere Steve, war auch er ungefähr 30 Jahre alt. Wir ließen Steve sonntags meist die Ankündigungen machen, da er gute Witze erzählen konnte und einen lebendigen Charakter hatte. Eines Sonntags änderte er sich jedoch. Er ging auf das Podium und sagte: „Alle Infos, die ihr braucht, findet ihr im Gemeindebrief. Schlagt jetzt bitte mit mir Offenbarung 5 und 6 auf.“ Dann fing er an zu beschreiben, wie der Himmel einmal aussehen würde. Denjenigen, den ich bisher als Klempner gesehen hatte, konnte ich plötzlich als Pastor sehen.
Zwei junge Männer Anfang dreißig hatten beide den Namen Steve; der eine war ohne Hoffnung, während der andere eine innere Berufung und Leidenschaft verspürte, das Leben auszuleben, das Jesus in ihn hineingelegt hatte. Durch dieses Erlebnis wusste ich, dass Gott mich dazu berufen hatte, jungen, kaputten Menschen wie Steve die Hoffnung und das Leben Jesu zu bringen, damit sie zu Menschen werden, die spüren, dass sie eine Berufung und eine Leidenschaft für das Leben im Überfluss haben … wie Steve.
Nachdem ich ein Jahr lang Steve als Mentor gedient und die Gemeinde entsprechend vorbereitet hatte, erhielt meine Familie den Auftrag, in Long Beach in Kalifornien etwas Neues zu starten. Wir wurden ausgesandt, um Menschen wie den ersten Steve zu finden und zu erreichen, Menschen, die in großen Probleme steckten und alle Hoffnung verloren hatten. Unsere Aufgabe war es, ihnen wieder Hoffnung und einen Sinn für ihr Leben zu geben, ähnlich wie es beim zweiten Steve war. Wir wurden ausgesandt, um unter den postmodernen Leuten der Stadt neue Gemeinden zu gründen, die wir „Awakening Chapels“ nannten.
Eine einzelne Gemeinde zu gründen, war keine Option für uns; wir waren fest entschlossen eine Gemeindemultiplikationsbewegung zu starten, und wir wollten auf alles verzichten, was uns von diesem Ziel abbringen konnte, selbst auf bewährte Dinge. Ich habe herausgefunden, dass es viele effektive Methoden im christlichen Dienst gibt, die aber gleichzeitig eine Multiplikation verhindern. Erfolg, wie ihn fast das gesamte moderne Christentum definiert, ist oft kontraproduktiv für eine gesunde Reproduktion. Wir waren gewillt, alles aufzugeben, was keine Multiplikation gesunder Jünger, Leiter, Gemeinden und Bewegungen zur Folge hatte. Deshalb gründeten wir auch eine neue Organisation mit dem Namen „Church Multiplication Association“ (CMA), um die nötigen Ressourcen zu entwickeln, damit wir unseren Auftrag erfüllen konnten.
Wir wählten Long Beach, weil uns drei Dinge wichtig waren: ein städtisches Zentrum, ein Gebiet mit einem großen Hochschulkomplex mit vielen jungen Menschen und ein Strand in der Nähe (natürlich nur, um Taufen durchführen zu können).
Wir kamen mit ein paar Methoden, die sich für das Reproduzieren von Jüngern als wirksam erwiesen hatten, und einem Team aus zwölf radikalen Christen, die bereit waren, etwas Neues auszuprobieren. Weit wichtigere Eigenschaften waren unser Wunsch zu lernen und dass wir Herzen hatten, die hören wollten, was der Geist uns zu sagen hatte. Die Gemeinden, die Gott anfing, entsprachen nicht dem, was wir geplant hatten, doch als wir der Führung des Herrn der Ernte folgten, entdeckten wir, wie wir neue Gemeinden gründen konnten, die gesund waren und sich reproduzieren konnten. Diese neuen Gemeinden waren klein und trafen sich meist in Privathäusern.
Ich hatte nie beabsichtigt, „Hauskirchen“ zu gründen, und bin immer ein wenig überrascht, wenn man mich als eine Autorität auf diesem Gebiet sieht. Wir nennen sie nicht Hauskirchen. Stattdessen nennen wir sie „organische Gemeinden“. Damit wollen wir betonen, was uns wichtig ist: das gesunde Leben und die natürliche Art und Weise der Reproduktion.
Wir vermeiden den Begriff Hauskirche aus verschiedenen Gründen. Zum einen hat die Hauskirche in den USA in einigen Kreisen den Ruf, aus verärgerten und nonkonformistischen Leuten zu bestehen, die sich von anderen isolieren und Waffen im Keller lagern. Natürlich trifft das in den meisten Fällen nicht zu, aber der Begriff ruft negative Bilder hervor.
Ein weiterer Grund, weshalb wir diesen Begriff vermeiden, ist, weil Jesu Gemeinde nicht an irgendwelche Gebäude gebunden ist, egal, ob diese einen Schornstein oder einen Turm auf dem Dach haben. Wir haben Gemeinden entdeckt, die sich an den unterschiedlichsten Orten treffen: auf leeren Grundstücken, in Parks oder auf Parkplätzen. Und trotzdem nennt man sie nicht „Parkplatz-Gemeinden“. Ich habe von Gemeinden gehört, die sich in Umkleideräumen treffen, in Studentenvereinigungen und in Firmen. Einer unserer Gemeindegründer hat eine Arbeit mit dem Namen „Jesus in der Bar“ begonnen; sie treffen sich in einer Kneipe. Ich habe sogar von einer Frau gehört, die wegen ihres Mitgefühls für von Männern missbrauchte Frauen eine Gemeinde in einem Strip-Club gründete! Wir halten deshalb jetzt keine Seminare zum Thema „Wie starte ich eine Gemeinde in einem Strip-Club“ – auch wenn wir zweifelsohne viele Menschen für einen solchen Workshop begeistern würden. Natürlich hoffen wir, dass die Gemeinde irgendwann den Strip-Club verlässt, aber ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass das Reich Gottes auch einen solchen Ort beeinflusst.
Wir verlangen von unseren Gemeinden nicht, dass sie klein bleiben und sich in Privathäusern treffen; das würde am Ziel vorbeigehen. Unser Ziel ist, dass die Gemeinden gesund sind und sich reproduzieren. Der Grund, weshalb unsere Gemeinden eher klein bleiben, ist die dynamische, lebensverändernde Eigenschaft einer „Clique“ von Brüdern und Schwestern, die aktiv miteinander einem Auftrag nachgehen. Unsere Art von Gemeinden sind also von Haus aus so angelegt, dass sie klein, vertraut und missionarisch sein wollen.
Diese neuen Gemeinden waren anders als die, zu denen wir bisher gehört hatten. Sie waren die Folge dessen, dass wir den Samen (des Evangeliums) in guten Boden aussäten und beobachteten, dass sich die Gemeinde auf natürliche, organische Weise entwickelte. Diese organischen Gemeinden schossen praktisch überall aus dem Boden, wo wir den Samen säten: in Cafés bzw. Kaffeehäusern, Hochschulen, Firmen und in Privathäusern oder Wohnungen. Wir glauben, dass Gemeinde überall da stattfinden sollte, wo sich das Leben abspielt. Es sollte nicht so sein, dass wir das Leben verlassen müssen, um zur Gemeinde zu gehen.
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