Panitzsch

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Das 750-jährige Jubiläum der urkundlichen Ersterwähnung von Panitzsch ist Anlass, mit dem nun vorliegenden Buch Geschichte und Gegenwart zu beleuchten. So konnte Kirchenhistoriker Dr. Jens Bulisch als fachkundiger Mitherausgeber für dieses Werk gewonnen werden. Mit zahlreichen Beiträgen von namhaften Wissenschaftlern wie Markus Cottin, Birgit Horn-Kolditz und Dr. Gerald Kolditz, sowie den Mitstreitern Eberhard Fischer, Gerd Graupner, Gerhard Otto, Henning Schmidt, federführend durch Pfarrer Reinhard Freier und durch die Hilfe vieler ungenannter »Zuarbeiter«, ist ein umfangreiches Buch mit zahlreichen farbigen Abbildungen entstanden, das die Zeiten überdauern und stets an die Menschen und die Geschichte des sächsischen Ortes Panitzsch erinnern soll.

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Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts veränderte sich das ursprünglich ländliche geprägte Ortsbild mit den Höfen, Stallungen und angrenzenden Ackerflächen. Durch den Verkauf von vormaligen Ackerflächen und deren Umwidmung zum Bauland begann ab 1912 die Errichtung einer „Villenkolonie“ an der Borsdorfer und an der Neuen Straße. Die Bauarbeiten kamen durch die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges allerdings zum Stillstand.

Zum Kriegsdienst eingezogen waren in der Zeit von 1914–1918 192 Panitzscher. An die 40 Gefallenen erinnert der Gedenkstein der Gemeinde auf dem Friedhof.

Gedenkstein für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs Im Zuge der - фото 18 Gedenkstein für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs Im Zuge der - фото 19

Gedenkstein für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs.

Im Zuge der Novemberrevolution 1919 fanden in Panitzsch Wahlen zu einem Arbeiter- und Bauernrat statt. Auf der Grundlage einer Verfügung des Sächsischen Ministeriums des Innern vom 13. März 1919 versammelten sich am 16. März 1919 im Gasthof Panitzsch 30 Personen in einer angeordneten „Vollversammlung“. Diese wählte vier Personen als Arbeiterräte sowie vier weitere als Bauernräte. Die Bauernräte waren Vertreter aus der Gruppe der Gutsbesitzer, unter ihnen der damalige Gemeindevorstand Max Jacob. Welche Aufgaben der Arbeiter- und Bauernrat tatsächlich wahrnahm, ist nicht überliefert. Schon im Juni 1920 waren diese Gremien in ganz Deutschland wieder aufgelöst worden.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurden die Bauarbeiten in der Villenkolonie wieder intensiviert, stagnierten allerdings nochmals Ende der 1920er Jahre im Zuge der Weltwirtschaftskrise. Ende 1920 entstand durch die Wohnbebauung auf bereits vorhandenen Gartenbauflächen auf Panitzscher Flur die „Dreiecksiedlung“. Der Name ergab sich durch die drei, im Dreieck zusammenlaufenden Straßen, die das Gebiet umsäumten: die Sommerfelder, die Engelsdorfer und die Dresdner Straße. Heute verläuft durch die Dreiecksiedlung der ökumenische Pilgerweg, gekennzeichnet durch eine gelbe Muschel auf blauem Grund als Wegweiser für jeden Jakobspilger.

Anfang 1920 wurden nicht nur die neuen Straßen im Bebauungsgebiet, sondern auch die bisher gebräuchlichen Straßennamen in Panitzsch offiziell mit Namen versehen. Durch den Zuzug von Außerhalb stieg die Zahl der Einwohner von 833 um 1913/1914 auf über 1.000 Personen in 310 Haushaltungen im Jahr 1919 weiter an. Schon 1911 wurde der Ort vom Gemeinde-Elektrizitätverband Oetzsch mit Elektrizität versorgt. Auch die Ortsstraßen erhielten eine elektrische Beleuchtung.

Erst seit dem 1. April 1920 wurde die Gemeinde durch einen hauptamtlichen Bürgermeister geleitet. Diese Funktion übernahm Eduard Friedrich Haase (geb. am 24. Januar 1894 in Deuben als Sohn eines Friseurmeisters). Die Gemeindevertreter wählten ihn 1925 für eine weitere Amtszeit von zwölf Jahren, die vom 1. April 1926 bis zum 1. April 1938 andauerte. Als Vertreter des Bürgermeisters wurden aus dem Gemeindevorstand jeweils zwei Stellvertreter gewählt. Im Mai 1920 erhielt die Gemeinde Panitzsch die Genehmigung der Amtshauptmannschaft Leipzig zur Durchführung öffentlicher Gemeinderatssitzungen. Das Gemeindeamt, das Standesamt und die 1921 eingerichtete Girokasse befanden sich 1926 in der Hauptstraße 62 c und 48, die Postagentur in der Hauptstraße 95.

Das von Panitzsch aus zwei Kilometer östlich gelegene Cunnersdorf wurde 1921 infolge der Auflösung der bisher selbstständigen Gutsbezirke in Sachsen nach Panitzsch eingemeindet und damit unter die Verwaltung der Gemeinde Panitzsch gestellt.

Werbung der Girokasse 1937 Ursprünglich gab es beim Gemeindevorstand keine - фото 20

Werbung der Girokasse 1937.

Ursprünglich gab es beim Gemeindevorstand keine Aufgabenteilung. Dies änderte sich jedoch im Lauf der Jahrzehnte, denn durch die wachsenden Einwohnerzahlen erhöhte sich der Verwaltungsaufwand. Deshalb bildete der Gemeinderat mehrere Ausschüsse zur Durchführung von Einzelaufgaben, in die er Vertreter verschiedener Organisationen oder Parteien, aber ebenso einzelne Bürger berief. 1924 bestanden beispielsweise folgende Gremien: Finanz- und Verwaltungsausschuss, Schätzungsausschuss, Wohlfahrts- und Fürsorgeausschuss, Bauausschuss, Feuerlöschausschuss, Kreditausschuss der Girokasse, Wohnungsausschuss, Schulausschuss oder Schlachtviehausschuss. Die Ausschüsse wurden allerdings alle von Bürgermeisterei Haase persönlich geleitet.

Im August 1923 trat in Sachsen eine neue Gemeindeordnung in Kraft, die die Selbstverwaltung der Kommunen stärkte und die Amtszeit der Bürgermeister auf sechs Jahre bzw. bei Wiederwahl bis auf zwölf Jahre festlegte. Schon seit den ersten Jahren der Bildung einer eigenen Gemeindeverwaltung zeigte sich, dass es nicht möglich war, alle Verwaltungsaufgaben eigenständig in Panitzsch durchzuführen. Im Laufe der Jahrzehnte bildete die Gemeinde deshalb einen gemeinsamen Kirchen-, Schul- und Armenverband mit dem Rittergut Cunnersdorf. Ein anderes Beispiel ist die Bildung eines gemeinsamen Knaben- und Mädchenfortbildungsschulverbandes mit der Stadt Taucha seit 1923 sowie die Berufsschulpflicht für die Panitzscher Schüler in Taucha. Derartige Zweckverbände waren in der Gemeindeverordnung von 1923 ausdrücklich gefordert worden.

Enge Kontakte bestanden neben Taucha insbesondere zur benachbarten Gemeinde Althen. Nach verschiedenen Vorabsprachen beschlossen die Panitzscher Gemeindevertreter am 28. September 1932, einer Verwaltungsgemeinschaft zwischen den Gemeinden Panitzsch und Althen grundsätzlich zuzustimmen. Nach Prüfung verschiedener Formalien, insbesondere der Höhe der finanziellen Verbindlichkeiten Althens, übernahm der Panitzscher Bürgermeister Haase in Personalunion die Amtsgeschäfte der damals 490 Einwohner zählenden Nachbargemeinde. Panitzsch bildete nun mit Althen einen zusammengesetzten Standesamtsbezirk. Panitzsch mit Cunnersdorf zählte zu dieser Zeit insgesamt 1.320 Einwohner.

Zwischen 1934 und 1936 entstanden in Panitzsch neue Häuser in der Querstraße. Die Einwohnerzahl erhöhte sich nochmals um fast 40 Bewohner und lag 1935 bei 1.350 Einwohnern in rund 400 Haushaltungen. Die Gemeinde war Eigentümer von drei Wohngebäuden mit insgesamt 15 Wohnungen. Zu dieser Zeit betrug die Gemeindefläche 2.000 sächsische Acker (rund 1.100 Hektar). Die Ortsstraßen wiesen eine Länge von insgesamt fast 17 Kilometern auf. 1934 betreute die Girokasse in Panitzsch rund 300 Konten mit einer Einlage von über einer Million Reichsmark. In einem Bericht an die Amtshauptmannschaft Leipzig im Juli 1935 kennzeichnete Bürgermeister Haase die Gemeinde Panitzsch mit folgenden Worten: „Sie trägt den Charakter einer Arbeiterwohnsitzgemeinde, hat starken Durchgangsverkehr und wird auch als Ausflugsort von Leipzig aus sehr besucht.“

Politische Verhältnisse im Gemeinderat während der Weimarer Republik

Seit den 1920er Jahren gehörten Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der späteren (Vereinigten) Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) als gewählte Vertreter dem Panitzscher Gemeinderat an. Beide Arbeiterparteien hatten Ortsvereine in Panitzsch und leisteten offensichtlich eine erfolgreiche politische Arbeit. Bei den Gemeindeverordnetenwahlen 1923 erhielten die SPD und eine weitere Arbeiterliste über 35 Prozent aller abgegebenen Wählerstimmen und besetzten fünf Sitze im Gemeindeverordnetengremium. Die Stimmenmehrheit erzielte allerdings eine gemeinsame Liste der „Bürgerpartei“, so dass dieser acht Sitze bei den Gemeindeverordneten zustanden. Bei der Reichspräsidentenwahl am 29. März 1925 waren in Panitzsch 734 Personen wahlberechtigt. Bemerkenswert ist, dass für den Kandidaten der KPD, Ernst Thälmann, 46 Personen stimmten, Erich Ludendorff für die Deutschvölkische Freiheitspartei jedoch nur drei Stimmen erhielt. Die Mehrheit der Panitzscher Stimmen fiel allerdings mit Dr. Karl Jarres auf einen Vertreter der rechtskonservativen Deutschnationalen Volkspartei.

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