Viele Menschen kämpfen ihr Leben lang mit solchen inneren Zwiespälten. Ständig diskutieren und verhandeln sie mit den Stimmen in ihrem Kopf, die ihnen sagen, dass sie nicht genügen, dass sie absolut und gigantisch unqualifiziert sind.
In einem anderen meiner Bücher, Crash the Chatterbox (zu deutsch etwa: Zerschlag den negativen Gedankenkreis ), geht es darum, wie wir eigene negative Gedanken sortieren. Im vorliegenden Buch soll es nun nicht darum gehen, einfach das zu ändern, was uns im Kopf herumschwirrt oder was wir sagen, sondern zu verstehen, wer wir zurzeit sind, damit wir werden können, wer wir sein sollten und wie wir gedacht sind. Es geht in dem Buch darum, die Vorurteile und Annahmen, die wir über uns selbst haben, schonungslos aufzudecken und zu überprüfen. Es geht darum zu erkennen, dass Gott die Quelle und der Ursprung unserer Zulänglichkeit ist.
Und ich habe in diesem Zusammenhang eine gute Nachricht für Sie. Wenn Sie sich einmal die großen Männer und Frauen der Bibel anschauen, dann finden Sie bei ihnen allen eine Gemeinsamkeit: Sie sind alle unqualifiziert. Gott hat nämlich die Angewohnheit, genau solche Leute auszusuchen, die leicht übersehen werden.
Bestehen oder Durchfallen
Haben Sie schon jemals überlegt, wer – oder was – eigentlich wirklich qualifiziert und befugt ist, Sie zu beurteilen? Wer hat letztlich das Recht, zu bestimmen, ob Sie ein Erfolg sind oder ein Flop?
Diese Frage zu beantworten ist gar nicht so einfach, wie es scheint.
Denken Sie beispielsweise einmal an das Bewertungssystem, mit dem die meisten Menschen als erstes Erfahrungen machen: die Schulnoten. Schulen investieren jede Menge Geld und Arbeit in die Entwicklung von Tests und Leistungsstandards. Sie versuchen, die Bildungsfortschritte der Schüler mit einem allgemeingültigen System von Zahlen und/oder Buchstaben zusammenzufassen. Vielleicht liegt Ihre Schulzeit schon etwas länger zurück, aber erinnern Sie sich noch, wie sich damals Ihr gesamtes Universum um Noten drehte? Vielleicht war es auch nicht so, aber Ihre Eltern fanden, es müsste eigentlich so sein – in dem Fall war Ihr Zeugnis vermutlich unterirdisch. Im Grunde war es wahrscheinlich eine Art Vorgeschmack auf das Jüngste Gericht, nur ohne Cherubime und den weißen Thron.
Wie haben Sie sich gefühlt, wenn Sie eine Note hatten, mit der Sie aus dem Schneider waren? Wahrscheinlich waren Sie erleichtert, ihre Eltern waren glücklich, und das Leben war schön.
Aber bedeutete diese Note wirklich, dass Sie den Stoff kapiert und nachhaltig gespeichert hatten? Oder hieß es lediglich, dass Sie gut waren im Klausuren-Schreiben – oder vielleicht auch nur im Schummeln? Und was noch wichtiger ist, sagte Ihre Note auch etwas darüber aus, ob Sie das Gelernte auch anwenden konnten?
Vielleicht waren Ihre Noten ja so schlecht, dass Sie nicht versetzt wurden. Bedeutete das nun automatisch, dass Sie auch im Leben scheitern würden? Bedeutet die Tatsache, dass Sie die Amerikanische Revolution vor Kolumbus datiert hatten oder die Formel für die Quadratische Gleichung nicht wussten oder das Periodensystem mit dem weiblichen Zyklus in Zusammenhang gebracht und dem Bereich der Biologie zugeordnet hatten, dass Sie ein für alle Mal zum Scheitern verurteilt waren, zumindest aber zu einem geringwertigeren Leben?
Die meisten Loser sind wahrscheinlich alt genug, um zu wissen, dass eine Zahl mit einem Komma zwar bedeutsam sein kann, aber in der Regel nicht schicksalsentscheidend ist. Es gab und gibt seit jeher zahllose Menschen, die in den herkömmlichen Bildungseinrichtungen nicht zurechtkamen und diese entweder freiwillig verließen oder daraus entfernt wurden – von Abraham Lincoln über Walt Disney bis hin zu Bill Gates.
Dieses ganze Beurteilen und Bewerten und Für-qualifiziert-Erklären (oder eben nicht) hört ja mit der Schule bzw. dem Studium nicht auf, weil es so tief verwurzelt ist in unserer Kultur und unserer Psyche. Schauen Sie sich doch nur die Klischees an.
Die Klausur bestehen.
Den Schnitt schaffen.
Es nicht schaffen.
Die Note erreichen.
Den Anforderungen gewachsen sein.
Sich seine Sporen verdienen.
Seinen Beitrag leisten.
Wir analysieren und beurteilen einander permanent. Wir beurteilen Menschen nach unserem Maßstab – direkt oder unausgesprochen –, um sie einzuschätzen und festzustellen, ob sie unseren Ansprüchen genügen können. Dann akzeptieren wir sie entweder oder weisen sie zurück; wir loben oder kritisieren sie; wir huldigen ihnen oder machen sie lächerlich. In der Schule unserer eigenen Ansichten und Meinungen führen wir doch alle insgeheim Prüfungen durch.
Aber genau wie bei den Schulnoten ist es auch hier so, dass diese Noten nie die ganze Geschichte erzählen. Es sind konstruierte, künstliche Instrumente, um etwas zu messen, das sich eigentlich nicht auf eine Zahl, einen Buchstaben oder ein Wort reduzieren lässt.
Trotzdem versuchen wir es weiter, weil wir Menschen sind und weil Menschen das nun mal tun.
Normalerweise beurteilen wir Menschen nach Charakter und Kompetenz .
Beim Charakter geht es darum, wer wir sind. Dazu gehören nicht nur unser Name und unsere Nationalität, sondern unsere Persönlichkeit, unsere moralischen Maßstäbe, unsere Werte, wie wir emotional aufgestellt sind, unsere Vorlieben und Abneigungen, unser Geschmack, unser Benehmen – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Bei Kompetenz geht es um das, was wir tun. Es ist die komplexe Gesamtheit dessen, was wir gelernt haben, unserer Leistungen, Begabungen, Aktivitäten und unseres Potenzials. Kompetenz beschreibt unsere Leistung in dem, was wir tun.
Unsere Kompetenz steht meist viel stärker im Vordergrund als unser Charakter. Das, was wir tun , sorgt für Schlagzeilen, füllt die Seiten unseres Lebenslaufes und ist so stark mit unserer Identität verknüpft, dass wir oft meinen, es sei unsere Identität.
Aber früher oder später hat doch der Charakter das letzte Wort. Wir bekommen vielleicht einen Job aufgrund unserer Kompetenz, weil wir schon bewiesen haben, wie tüchtig wir sind, aber gemocht und akzeptiert werden wir dafür, wer und wie wir sind. Und letztlich wird ja auch unser Handeln dadurch bestimmt, wer wir sind. Man kann sich nicht ewig verstellen, weil das irgendwann zu anstrengend wird, und dann kommt immer unser wahres Gesicht zum Vorschein. Dann zeigt sich, wer man wirklich ist.
Schon in dem Moment, in dem wir einen Menschen kennenlernen, machen wir uns ein Bild, wie er wohl ist. Das geschieht meist gar nicht bewusst und in der Regel auch nicht in böser Absicht. Wir sammeln automatisch Anhaltspunkte für den Charakter und die Kompetenz des anderen und ordnen ihn entsprechend ein – mit uns selbst als Bezugsgröße.
Werden wir Freunde? Möchte ich diesen Menschen näher kennenlernen oder bleibt es besser bei einer lockeren Bekanntschaft? Kann diese Person mir beruflich weiterhelfen? Braucht sie Hilfe? Ist sie eine Bedrohung für mich? Hat sie mir etwas zu bieten oder ich ihr?
Es wäre jetzt einfach, darüber zu jammern und zu klagen, wie egoistisch das alles klingt, und dann festzustellen, dass der Maßstab, den wir bei anderen anlegen, lächerlich subjektiv und heuchlerisch ist, aber ich glaube nicht, dass wir den Menschen damit gerecht würden. Natürlich haben unsere Beziehungen zu anderen Menschen auch etwas Subjektives und Egoistisches. So ist es nun mal einfach in einer gefallenen Welt, und uns so zu verhalten ist ein Teil unseres Selbsterhaltungstriebs.
Es ist einfach unrealistisch zu erwarten, dass wir einander unbesehen und ohne weitere Prüfung einfach so annehmen. Und es ist auch nicht gesund, davon auszugehen, dass jeder unser bester Freund ist und nur unser Bestes im Sinn hat. Deshalb hat Jesus gesagt, dass wir klug wie die Schlangen und ohne Hinterlist wie die Tauben sein sollen.
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