Am Ende halten Sie eine Ressourcensammlung in Ihren Händen, die auf Ihren eigenen Erfahrungen beruht. Deshalb wird zu diesem Zeitpunkt nichts mehr so wie vorher sein. Sie haben einen frischen Blick auf Ihre Schmerzsituation und auf sich selbst und übertreiben nicht, wenn Sie behaupten, zu Ihrem eigenen Schmerz-Meditations-Experten geworden zu sein.
Krempeln wir uns die Ärmel hoch! An der Schnittstelle zwischen Machbarkeit und Zweifel, zwischen Hoffnung und Realität werden wir aktiv: Falls Sie mit Schmerzen leben, lade ich Sie dazu ein, Ihre Aufmerksamkeit mehr und mehr nach innen zu wenden und Ihr „inneres Auge“ zu schärfen. Ihnen werden sich Türen öffnen, von denen Sie nicht einmal wussten, dass es sie gibt.
Prolog:
Das Schmerz-Meditations-Ritual
Sich Neuem öffnen
Das „Schmerzmittel Meditation“
Seitdem das Gebiet der Meditation zum Lieblingskind der Neuroforschung geworden ist, werden wir nahezu täglich mit neuen Botschaften überrascht: Helfen soll sie, die Meditation, bei allem, was uns Menschen in unserem komplexen Leben ein Bein stellen oder den Alltag vermiesen kann. Spitzenstress soll sie stoppen, Panikzustände mildern, Depressionen regulieren, Selbstzweifel vernichten, Herzbeschwerden kurieren, den Blutdruck senken, Schlaflosigkeit besiegen. Doch wenn sie nun auch noch Schmerztherapien, Operationen oder Schmerzmittel ersetzen soll, wie aus der Neuroforscherszene zu hören ist, und dazu die Einnahme von Aspirin, Novalgin, Tramal und Co. ersetzen soll, muss ich Bedenken anmelden, weil ich aus meiner langjährigen Arbeit mit schmerzerfahrenen Menschen weiß, worauf sich ihre Hoffnungen richten: auf ein Wunder, das Ihnen endlich geschieht, auf eine Geheimwaffe, die jemand plötzlich aus dem Ärmel zückt, oder auf das Umlegen eines Schalters, mit dem der Schmerz abgeschaltet wird.
Wenn das in der Macht von Meditationspraxis stände, könnten wir Reha-Einrichtungen und Therapiepraxen schließen und Meditationszentren aus ihnen machen. Die Pharmaindustrie müsste Bankrott anmelden und die Apotheken gleich mit. Sie sehen sicherlich selbst, dass die Idee von „Du musst nur meditieren…“ ein reichlich überzogener Ansatz ist.
Bevor wir uns dem bewusstheitsorientierten Schmerzprogramm nähern und Schmerzen in den Zusammenhang mit Meditation setzen, schlage ich Ihnen vor, dass wir zunächst den Nährboden dafür kreieren. Lassen Sie uns mit einem symbolischen Akt starten, mit einem kleinen Ritual, das Ihnen einen Vorgeschmack auf Ihre bevorstehenden inneren Explorationen gibt.
Inneres „Leerwerden“
Es ist mehr als zwei Jahrzehnte her, dass ich an einem Seminar über Traditionelle Chinesische Medizin teilnahm. Zu dieser Zeit wurden der fernöstliche medizinische Ansatz einschließlich des Energiebegriffs vielerorts noch belächelt und andere Therapieansätze nicht selten als Scharlatanerie abgetan. Einschlägige Fachausbildungen zählten kaum und es brauchte nicht nur einen gewissen Enthusiasmus, sondern vor allem Courage, als Therapeut für das fernöstliche Denken, ganz zu schweigen für Meditation, zu stehen.
Gerade weil damals das Fremde und Neue für die symptomverliebte Medizin noch viel weniger nachvollziehbar war als heute und auch in meinem therapeutisch getrimmten Kopf feste wie unschlagbare Argumente saßen, verstand ich, warum der Trainer den Auftakt des Seminars auf sehr ungewöhnliche Weise gestaltete: Er reichte jedem von uns Teilnehmern ein mit Wasser gefülltes Glas und bat uns, dieses so langsam und bewusst wie möglich auszugießen. Im Zuge dessen sollten wir die Gesamtheit unseres medizinischen und therapeutischen Wissens, unsere Theorien, Prinzipien, Konzepte und Urteile über den Körper, über Gesundheit und innere Regulationsprozesse für die Dauer des Kurses symbolisch ausgießen. Falls wir in diesem Seminar wirklich etwas Neues erfahren wollten, so der Trainer, hatten wir uns zunächst zu leeren. Wir hatten Platz zu schaffen für Neues und Unerwartetes, und ich sage Ihnen eins: Dieser symbolische Akt ist mir bis heute in lebhafter Erinnerung geblieben. Das ist er, weil er mir zum ersten Mal vor Augen hielt, wie wenig Neues in mich einsickern kann, wenn ich vollgefüllt mit starrem, „altem“ Wissen bin.
Als ich damals begann, das Wasserglas zu leeren, verwandelte sich der symbolische Akt des Ausgießens sehr schnell in eine wunderbare Chance: Ich spürte die Kostbarkeit des Moments und witterte den Effekt, mich zu erleichtern, mich leerzumachen, um für Neues und Unbekanntes offen zu sein.
Gerade als ich anfing, mich in diesem symbolischen Akt zu aalen, bemerkte ich, dass es schwierig sein würde, den umfangreichen Ballast meines vorgefertigten Wissens proportional zur Wassermenge in dem kleinen Glas auszugießen. Du meine Güte, dachte ich, es reicht nicht einmal zu einem Zehntel aus! Ich hatte das Gefühl, dafür ein Fass, nein, eine ganze Badewanne ausschütten zu müssen. Außerdem spürte ich, dass ich dem Moment mit Furcht entgegensah, in dem ich aufhören müsste, weil das Wasser ausgegossen sein würde. Wann hat man denn schon einmal eine Chance dazu? Wann passiert es einem schon, sich von dem Wust an Informationen zu befreien, die man in der Schule, in der Universität oder im Arbeitsleben in sich hineinverfrachtet hat? Und wann hat man die Gelegenheit, von vorn beginnen zu dürfen, Neues erfahren zu können und alles Festgesetzte und Todsichere den Abfluss des Seminarhauswaschbeckens hinunterlaufen zu lassen? Mit größter Aufmerksamkeit für meine inneren Vorgänge goss ich die letzten Tropfen aus.
Doch warum erzähle ich Ihnen diese Geschichte zu Beginn des 30-Tage-Programms? Vielleicht ahnen Sie es: Wenn Sie sich dem Thema „Meditation“ vor dem Hintergrund von Schmerzen nähern möchten und darauf hoffen, dass sich Ihre Schmerzen ad hoc zurückziehen werden, geht das nur, wenn Sie Ihr gewohntes Denken und Handeln zur Disposition stellen. Wenn sich Meditationspraxis positiv auf Ihren Schmerz auswirken soll, sodass er sich aufs Abklingen besinnt und Sie zukünftig ohne Medikamente auskommen, führt nichts daran vorbei, dass Sie sich zunächst von vorgefertigtem Wissen lösen. Ich empfehle Ihnen, Ihren Blick blankzuputzen und Neues wie Andersartiges mit frischen Augen zu sehen, auch wenn es hier nur um eine symbolische Handlung geht. Deshalb bitte ich Sie jetzt, bevor Sie sich auf das „Schmerzmittel Meditation“ einlassen, Ihr angesammeltes Wissen darüber, wie Schmerzintervention durch Innenschau zu geschehen hat, zu lüften. Gießen Sie dieses so langsam und bewusst wie möglich aus! Und wenn möglich: Schätzen Sie diese Chance!
Zwei Gläser
Bevor Sie das Ausgießen praktisch in Angriff nehmen, müssen wir allerdings einen Unterschied im Hinblick auf meine Seminarerfahrung machen: Sie sollten nämlich nicht nur ein Glas, sondern zwei Gläser ausgießen. Genau: eins für den Schmerz und eins für die Meditation. Darum bitte ich Sie, weil beide Bereiche mit Urteilen und Konzepten wie „gut“ und „schlecht“, „verkehrt“ und „richtig“ extrem vorbelastet sind.
Und noch einen Unterschied gibt’s: Ich bitte Sie, die Größe Ihrer beiden Gläser Ihrer persönlichen Situation entsprechend zu wählen. Während ich mit einem kleinen Wasserglas auskommen musste, dürfen Sie Ihr Glas in einer angemesseneren Größe wählen. Bedenken Sie dabei Folgendes: Je langwieriger Ihre Schmerzgeschichte ist, je mehr Erfahrung Sie mit gescheiterten Schmerztherapien haben, je länger Sie Medikamente in hohen Dosen einnehmen und je fester Ihre Überzeugung in Ihrem Denken einbetoniert ist, dass Schmerzlösung auf eine bestimmte Weise zu geschehen hat, desto größer sollte Ihr Gefäß sein. Und weiter: Je misstrauischer Sie diesem symbolischen Akt gegenüberstehen und je mehr Sie ihn als Unsinn abtun, desto bewusster und langsamer sollten Sie den Akt des Ausgießens gestalten. Denn je skeptischer Sie einem bloßen „Spiel“ gegenüberstehen, desto misstrauischer werden Sie auch sein, wenn es zum Meditieren, zum Schließen Ihrer Augen und zum Wenden Ihres Blickes nach innen geht.
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