Und ich denke an die leere Ecke Potsdamer Straße / Ecke Alvenslebenstraße, Schöneberg. Sieht so aus, als hätte jemand dort ein Stück aus dem Streuselkuchen der Stadt geschnitten. Ein paar Krümeltrümmer liegen noch dort, mittlerweile überwuchert.
Es wäre allerdings ein Irrtum zu glauben, erst die Bombardierung und die Eroberung durch die Rote Armee, die Schlacht um Berlin im April 1945, hätten die Brandwände im Stadtbild freigelegt.
Brandwände zeigten sich schon vor dem Krieg immer dort, wo die Bebauung aufhörte. Sie ragten auf, wo einstöckige Bebauung zwischen Traufhöhenhäusern, sprich Mietskasernen, überdauert hatte. Sie zeigten sich in Bau- und Spekulationslücken und dort, wo Stadt- und Ringbahn die Bebauung teilten. Der Stadtbahnhof Savignyplatz zeigte seine Brandwände damals schon wie heute, er ist ein Brandwandbahnhof zwischen Gebäuden, die scharf angeschnitten am Stadtbahnviadukt stehen.
Der aus Köln stammende, in Berlin wirkende neusachliche Maler Gustav Wunderwald malte in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts etliche Stadtansichten Berlins – und auf vielen von ihnen sind Brandmauern zu sehen. Wunderwald, der Wedding-Canaletto, malte Brandwände auf eine Weise, dass sie wie abstrakte Flächen in seinen Bildkompositionen liegen. Sein Schaffensmotto, formuliert im Jahr 1926, lautete: »Die tristesten Dinge haben es mir angetan und liegen mir im Magen, Moabit und der Wedding packen mich, diese interessante Trostlosigkeit«.
Die Brandmauerproduktion endete nicht mit dem Bombenkrieg. Neue Brandwände zeigten sich nach 1961 durch den Bau der Mauer, für die auf der Ostseite der Sektorengrenze viele Gebäude abgerissen wurde. An der Bernauer Straße sind sie zu sehen.
In West-Berlin legten der Stadtumbau und der Bau der Stadtautobahn Brandwände frei, Schneisen in Wilmersdorf, Steglitz und Kreuzberg – am Kottbusser Tor sollte einmal ein Autobahnkreuz entstehen – können davon erzählen.
Brandwände sind Malfläche, Werbefläche und Projektionsfläche. Letztere im wahrsten Sinne des Wortes: Ich erinnere mich an manche Party, bei der sich Diaprojektoren, später Beamer, auf eine Brandwand richteten: Bilder auf die Stadt.
Brandwände waren schon immer, das zeigen auch Wunderwalds Gemälde, Fläche für Reklame: »Möbel Hübner, ich soll Sie schön grüßen!«, die große, so romantisch-pittoresk abblätternde Schultheiss-Reklame in der Prinzenallee, sozialistische Parolen, in Mitte noch in den neunziger Jahren zu sehen.
Brandwände, gerade durch Abriss freigelegt, boten auch Platz für senatsgeförderte Wandbilder; sie entstanden, heute schlecht gealtert, in den Jahrzehnten, als West-Berlin sich verschönern wollte. Das berühmte Reißverschlussbild in der Zillestraße ist ein Beispiel.
In den frühen neunziger Jahren lebte ich mit einer Brandwand, ich hatte eine steinbloße, also unverputzte Mauer fast in der Wohnung. Vom Himmel war nur ein Ausschnitt zu sehen, die Wand gegenüber war der größere Himmel – und ich sah immer mehr in ihr. Ich sah Textur und Struktur, ich sah Malerei und eine Skulptur auf rauer Fläche. Wo der Putz noch nicht abgebröckelt war, sah ich Kontinente, ich sah Umrisse unbekannter Inseln, Firstlinien, Schatzkarten, Einschusslöcher, Decken und Böden verschwundener Häuser. Ich sah Spuren früherer Kamine, Schwalbennester, ich sah Moos auf Ziegeln, Efeu und dürre Bäumchen, die sich irgendwie hielten, Birken, die Samen vom Wind in die Fugen geweht.
Nicht alles von meinem Bett aus, nein, aber irgendwo in der Stadt. Die Brandwände erzählten mir Berlin.
Ich zählte die Ziegel auf meiner Brandwand, fragte mich aber auch, woher sie eigentlich stammten. Jeden einzelnen Stein mussten, »Stein auf Stein, das Häuschen wird bald fertig sein«, mehrere Arbeiter und zuletzt ein Maurer in den Händen gehabt haben.
Auf einer meiner Wanderungen um Berlin fand ich die Antwort, als ich mich in die Glindower Alpen verlief. Nahe des Örtchens Glindow wurde Ton abgebaut, bis die Vorräte sich im frühen zwanzigsten Jahrhundert erschöpften. Es gab etliche Ziegeleien mit Rundöfen; zu Hochzeiten wurden dort täglich mehr als fünfhunderttausend Steine gebacken. Gebrannt. Tagebau und Abraumhalden schufen eine bizarre Abenteuerlandschaft im sonst eiszeitflachen Land; feuchte Schluchten und steile, heute bewaldete Abhänge.
Die Backsteine, die von Glindow über die Havel nach Berlin verschifft wurden, konnten den Flammen standhalten. Sie waren ja schon durchs Feuer gegangen.
2018
P. S. Nicht wenige der erwähnten Brandwände sind mittlerweile hinter Bebauung verschwunden. In Berlin werden aber auch neue Brandmauern errichtet: Auf der Chausseestraße beispielsweise, kurz bevor sie zur Müllerstraße wird, ragen frische Brandwände an die erst in den nuller Jahren errichtete Total-Tankstelle heran. Und ein Stück nördlich der Panke zeigt der kastenförmige Neubau hinter dem S-Bahnhof Wedding seinem noch unbebauten Nachbargrundstück eine große, kahle, weiß verputzte Brandwand. Mal sehen, wie lange.
Ob es ihn tatsächlich gibt, diesen ominösen neuen Berliner Flughafen? Wenn überhaupt, dann sicherlich von Kletterrosen, Efeu und Wildem Wein umrankt, mit Robinien und jungen Ahornbäumen auf dem Dach, wie eine verfallene Maya-Stadt im Urwald von Yucatán. Dann aber steht er plötzlich kahl und nackt und gar nicht so groß vor mir in der Brandenburger Ödnis.
Sonderlich auffallen möchte er nicht, keine aufragenden Tragflächen schmücken seine Gebäude, es gibt keine Zeltkonstruktionen und keine geschwungenen Dachlandschaften. Verglichen mit dem neuen Flughafen in Peking von Zaha Hadid wirkt dieser hier harmlos, bescheiden, fast ein wenig putzig.
Seit der in letzter Minute abgesagten Eröffnung im Jahr 2012 sind mehr als dreitausend Tage vergangen. Das Licht fällt schön durch die wenigen Wolken am Himmel, kein Jet stört die Ruhe. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup und die Architekten des Büros Gerkan, Marg und Partner (gmp) stehen auf dem zeppelinfeldgroßen Aufmarschplatz vor dem Terminal 1, dessen auskragendes Dach und tempelartige Kolonnade mir gut gefallen. Es erinnert an die Berliner Neue Nationalgalerie, an den Warschauer Hauptbahnhof und an … noch komme ich nicht darauf.
Der große Meinhard von Gerkan, 85, der als junger Mann mit Volkwin Marg den großartigen Flughafen Tegel baute und viel später den nicht so großartigen Berliner Hauptbahnhof, ist persönlich gekommen, um vorzuführen, wie der Entwurf, mit dem er und sein Büro den Wettbewerb zum Bau dieses Flughafens gewonnen haben, umgesetzt wurde. Wann haben gmp den Wettbewerb gewonnen? Es war 1998, im letzten Jahrhundert, Helmut Kohl war Kanzler. Meinhard von Gerkan sitzt heute im Rollstuhl.
Die jüngeren Architekten Hans Joachim Paap und Hubert Nienhoff sind glücklich, dass der Flughafen endlich fertig ist. Sie sprechen von »unerwünschten Verzögerungen« und von der »Katastrophe 2012«. Ob damals ein Meteorit einschlug? Konnte deshalb nicht eröffnet werden? Nein, »das Terminal hatte die bekannten Probleme«, verrät Flughafenchef Lütke Daldrup, 17 500 (oder waren es doch 175 000?) Mängel mussten einer nach dem anderen geprüft und abgearbeitet werden. »Deshalb hatten wir letztendlich die bestkontrollierte Baustelle der Welt«, sagt er. Da ist sie also, die berühmte deutsche Gründlichkeit. Ich bin beruhigt, es gibt sie noch.
Einer der vielen tausend Mängel war die Rolltreppe aus dem unterirdischen Bahnhof, die leider drei Stufen zu kurz geraten war. Sie wurde ausgetauscht. In diesem Bahnhof, der Krypta des Flughafens, sitzen seit der Fertigstellung vor neun Jahren Wächter und Wächterinnen zwischen den schönen Zwillingssäulen, welche die Decke über den Bahnsteigen stützen. Eine Tempelhüterin, wir nicken uns zu, liest in einer italienischen Taschenbuchausgabe der Göttlichen Komödie . Seit 2011 verkehren auf den Gleisen dieser Station nur leere S-Bahnzüge auf sogenannten Geisterfahrten. Ihr Zweck ist es, die Luftmassen im Tunnel aufzuwirbeln, es soll nicht schimmeln in der ungenutzten Unterwelt.
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