von Vincent Voss
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© 2013 by Verlag Torsten Low,
© 2012 by Verlag Torsten Low, Rössle-Ring 22, 86405 Meitingen/Erlingen
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Umschlaggestaltung und Illustrationen: Chris Schlicht
Lektorat und Korrektorat: D. Höhne
Satz: T. Low
ISBN der Druckausgabe: 978-3-940036-17-9
ISBN der EBookausgabe: 978-3-966291-04-0
Der Mistkater
Kindergarten
Nackter Mann mit Gummiball
Der Gerichtsmediziner und das Böse an sich
Tim, der Nachbar und Hübi
Hund auf zwei Beinen und Frau Schäfer, die Vogelfrau
Tod reimt sich auf Abendbrot
Das Böse an sich und der Gerichtsmediziner
Rasiertes Guatemala
Liams Medley
Beratungsgespräch
Alle Vöglein sind schon weg
Der Doktor kommt
Essen auf Rädern
Guatemala-Krise
Der Teufel ist los
Matthias hat Montag frei
MONTAG
Pan im Moor
Familienleben
RTW
Eine Verabredung
RTW Drei
Alarm am Königshof
Tim bereitet sich vor
Dienstag
Beim Blick aus den Doppelglasscheiben auf das Wäldchen in seinem Garten wurde ihm unwohl. Er vergewisserte sich, ob das Fenster auch tatsächlich geöffnet war. Selbst durch konzentriertes Lauschen hörte er nichts. Die Kiefern- und Tannenzweige wiegten sich im Wind, aber der Wind erzeugte mit ihnen keine Laute. Auch kein hergewehtes Motorengeräusch, nichts. Er stand allein in seinem Wohnzimmer. Er hörte sich atmen, wurde unruhig und schaute auf die Uhr über der Tür. 10:10 Uhr. Stille.
Wegen der Kinder waren sie auf das Land gezogen. Sein Sohn war im Kindergarten, seine Tochter mit seiner Noch-Frau bei ihren Eltern. Sie hatten sich wieder mal um nichts gestritten und er war gut darin, mit Gemeinheiten zu verletzen. Das Wissen darum brachte keine Abhilfe. Er war allein und wollte die Zeit mit Arbeiten verbringen, aber die ungewohnte Stille und seine herumschweifenden Gedanken warfen ihn seit zwei Stunden aus der Bahn. Es wirkte so tot.
In Hamburg hatten sie in der Nähe zum Kiez in einer Pärchen-Wohngemeinschaft gewohnt. Sein Zimmer hatte zum Hinterhof gelegen und dieser Hinterhof war ein reines Geräusche-und Laute-Biotop gewesen. Ein Streit im Nachbarhaus, der Gerüstbauer arbeitete in seinem Schuppen, irgendwer gegenüber hörte eine Operette. Selbst im kältesten und ungemütlichsten Winter drang ein akustischer Flickenteppich an sein Ohr. Jemand schloss sein Fenster, ein Bett wurde ausgeschüttelt, Schneeball werfende Kinder schrieen auf der Straße. Außerdem war es selten vorgekommen, dass er in der WG alleine gewesen war. Tim, sein Mitbewohner und Freund, hatte zu dieser Zeit Philosophie studiert. Vorwiegend hatte er sich zuhause in seinem Kellerzimmer aufgehalten, anstatt sein Studium im Hörsaal oder Seminarraum zu verbringen. Selbst Lesen erzeugte Geräusche, Tee wurde aufgesetzt, jemand ging auf die Toilette, alles zeugte von der Anwesenheit anderer.
Hier war nichts. Es schien ihm, als brauche er eine Geräuschkulisse zum Denken. 10:12 Uhr. Immer noch Stille, er seufzte und ging ins Arbeitszimmer. Mit der Maus vertrieb er seinen Bildschirmschoner. Alle vier lachend im Herbst am Nordseestrand. Seine Datenbank wartete auf Eingaben von ihm, doch ihm war nach Musik. Im Mediaplayer wählte er aus: Tinariwen. Er hatte sie vor kurzem in der Fabrik gesehen und mit ihnen fühlte er sich wieder in Gesellschaft. Er wog sich im Takt und bearbeitete seine Datenbank, doch seine Beklommenheit wollte nicht von ihm weichen. Das Gefühl konnte er nicht begründen. Seit sie auf dem Land wohnten, suchte es ihn heim. Immer, wenn er allein war. Eine Mischung aus sich beobachtet fühlen und einen Weltuntergang als einziger nicht mitbekommen zu haben.
Er erinnerte sich, dass er an einem Feiertag von seiner Oma zurückgefahren war, und nach der Autobahnabfahrt auf dem Weg nach Bargteheide über einige Dörfer keine Menschenseele, kein fahrendes Auto angetroffen hatte. Die Dörfer wirkten wie ausgestorben auf ihn. Vor der malerischen Abendsonne war eine düstere Wolkenfront aufgezogen. Im Radio hatte er die Informationsschleife von NDR-Info gehört und es beschlich ihn das Gefühl, einen atomaren Holocaust oder eine andere Katastrophe als einziger versehentlich überlebt zu haben. Während der zwanzigminütigen Autofahrt hatte er sich in eine Endzeitangst hinein gesteigert, die er offenbar bis jetzt konserviert hatte. Er kostete von dieser Angst und sie schmeckte ähnlich wie damals.
Er sah aus dem Fenster, lauschte und die lebhafte Musik von Tinariwen verlor ihre Wirkung auf ihn. Immer noch spielte der Wind mit den Zweigen, immer noch glänzte die orange- und rotfarbene Plastikrutsche in der Sonne als letztes Zeichen eines vergangenen Kinderlachens. Er stellte die Lautsprecher aus, um endlich etwas hören zu können, aber es war nach wie vor still.
Um 10:16 Uhr erschrak er sich, als der Kater der Nachbarn auf den Fenstersims sprang und ihn anstarrte. Der Kater miaute, richtete sich auf und streckte eine Pfote durch den Fensterspalt. Liam lachte nach dem Schreck auf. »Mistvieh!«, er stand auf und spielte mit der Katerpfote, indem er sie antippte und versuchte, sich nicht von den Krallen erwischen zu lassen. Der Kater war schneller und zog ihm an der Seite seines Zeigefingers einen blutenden Kratzer zu. »Verdammt!«, fluchte Liam und sog sich im Reflex das Blut aus dem Finger. Der Kater schnurrte und tastete mit seiner Pfote umher. In einem Anflug von Wut dachte Liam daran, das Fenster zu schließen und dem Kater die Pfote zu klemmen, aber letztlich siegte die Einsicht. Er hätte wissen müssen, dass der Kater schneller sein würde.
Liam fiel Blut im weißen Fell des Katers auf. Das Kinn und auch die nadelspitzen Zähne zeigten Restspuren einer blutigen Mahlzeit. Liam lutschte an seinem Finger, ging zum Medizinschrank und desinfizierte die Wunde. Er bestrich sie mit Jodsalbe und klebte ein Pflaster darauf. Währenddessen überlegte er, wo so ein Kater vom Land sich seine Mahlzeiten besorgte und keiner der Gedanken war appetitlich zu nennen.
12:00 Uhr. Liam fuhr den Rechner runter und sortierte seine Schmierzettel zu zwei Stapeln. Er hatte trotz der Stille arbeiten können, allerdings plagte ihn jetzt eine schmerzende Melancholie. Warum hatte er den Streit so eskalieren lassen? Andererseits sah er sich nicht in der Rolle, den ersten Schritt der Versöhnung zu gehen. In diesem Dilemma steckte er häufig. Die Ursache des Streits lag in Sandras Verhalten ihm gegenüber, aber er vermochte es nicht, es ihr zu erklären. Sandra wies alle Schuld von sich und brachte ihn in die Position, sie mit unfairen Äußerungen sticheln zu wollen, um ihre Arroganz zu brechen. Dabei brachte sie ihn mit ihrer unterkühlten Art und er sich dadurch, dass er es ihr nicht erklären konnte selbst dermaßen in Rage, dass er nicht aufhören konnte. Es tat ihm Leid und gleichzeitig ärgerte er sich darüber, alle schlagkräftigen und berechtigten Argumente durch seine aufbrausende Art vernichtet zu haben. Wie immer würde er sie irgendwann anrufen und um Verzeihung bitten. Ihr täte es auch Leid, würde sie dann sagen, aber an den entscheidenden Punkten ließe sich aus seiner Sicht nicht mehr arbeiten.
Er zog sich die Schuhe und seine Jacke an, nahm den Autoschlüssel vom Klemmbrett beim Telefon, schloss die Tür hinter sich zu und verharrte. Er hörte die blattlosen Birkenzweige der drei auf dem Wall stehenden Birken leise knistern, spürte die Kälte in seinem Gesicht und sonst: Nichts.
Er wohnte auf dem Hofgrundstück des Bürgermeisters, der eine historische Bäckerei zu vier Wohneinheiten umgebaut hatte. Von seiner kopfsteinbepflasterten Hofeinfahrt konnte er bis auf die Einmündung einer Dorfhauptstraße sehen. Liam stand oft mit seinem Sohn am Küchenfenster und zählte vorbeifahrende Autos. Heute wäre ihnen langweilig geworden. Er schloss den Wagen auf, setzte sich und nach dem Starten des Motors schob er eine CD der Red Hot Chili Peppers ein und drehte lauter.
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