Ein Lied später stieg er auf dem Gemeindeparkplatz für Kindergarten- und Turnhallenbesucher aus seinem Wagen, schmiss die Tür zu und freute sich auf seinen Sohn. Ein Wagen fuhr ab, einer kam nach ihm und die Mutter von Franja grüßte ihn aus ihrem Auto bei der Ankunft. Er überlegte, ob sie gemeinsam zum Kindergarten gehen sollten, aber so nah stand er ihr nicht. Das Leben hatte ihn wieder. Er ärgerte sich zum wiederholten Mal über einen großen Geländewagen, der auf dem Parkplatz für Rettungswagen stand. Je nach Laune untermalte er seine Wut mit imaginären Vergeltungsaktionen, in denen er die Besitzer schmerzlich abstrafte. Dennoch überwog die Freude auf seinen Sohn, der bestimmt mit seiner Gruppe auf dem Spielplatz spielen würde. Er nahm den längeren Weg am Bürgerhaus vorbei. Die Krippenkinder spielten heute nicht draußen. Der im Schatten liegende Krippengarten lag verwaist hinter der noch nicht grünenden Buchsbaumhecke. Vom Platz zwischen dem Kindergarten und der Sporthalle hörte er Kinder und das Geräusch von schnell fahrenden Gummireifen auf Betonplatten. Nachdem er um die Ecke des Kindergartens kam, sah er die Betreuerinnen der Pinguingruppe, in der auch sein Sohn Jack, oder richtig Jonathan, betreut wurde. Sie trugen ihre Winterkleidung und Frau Kallenberg sah in ihrem Skidress und mit ihrer gebräunten Haut unverschämt gut aus. Er begrüßte sie und Frau Rankwitz deutete mit einem Nicken zum Beachvolleyballplatz, wo er aus einem Kinderknäuel Jack in seiner dunkelblauen Buddelhose erkennen konnte. Jack stand abseits und beobachtete die anderen beim Spielen. Liam seufzte. Es tat ihm weh, Jack im Kindergarten leiden zu sehen, aber Jack machte es ihnen auch nicht leicht. Er brauchte lange, um sich irgendwo wohl zu fühlen und im Kindergarten war er seit einem halben Jahr noch nicht richtig angekommen.
»Wie war es heute?«, fragte er Frau Kallenberg und stellte sich neben sie. Jack hatte ihn noch nicht gesehen, sonst wäre er auf Liam zugestürzt.
»Gut.« Sie nickte bestätigend. »Er hat heute mit den anderen gefrühstückt, wollte auch raus gehen, beim Stuhlkreis hat er sich etwas zurück gehalten.« Während sie mit ihm sprach, beobachtete sie Jack und überging seine von den anderen Kindern ausgegrenzte Position. Sie suchte den Blickkontakt zu Liam.
»Und er hat heute etwas farbenfroher gemalt, Grün und Gelb kamen in seinem Bild vor.« Sie lächelte ihn an, weil sie Jack mochte. Jack malte nicht gerne und wenn er malte, bevorzugte er dunkle Farben oder Schwarz. Liam fand daran nichts Ungewöhnliches, Schwarz war cool. Aber er besaß ein psychologisches Laienwissen, das ihm sagte, Kinder, die bevorzugt schwarze Bilder malten, hatten eine schlechte Kindheit gehabt und wurden womöglich geschlagen oder misshandelt. Glücklicherweise teilte Frau Kallenberg nicht diese Auffassung (oder sie zeigte es ihm nicht) und sie nahm Jacks Marotte mit Humor. Liam schüttelte verliebt mit hochgezogenen Augenbrauen den Kopf.
»Von mir hat er es nicht, meine Lieblingsfarbe ist Rosa«, scherzte er und winkte Jack hinüber, der ihn erkannte und mit den größten Schritten, die eine Gummibuddelhose zuließ, auf ihn zustürmte. Liam lachte. »Irgendwas vergessen heute?«, fragte Liam.
»Nee, war auch alles gut«, antwortete sie und beobachtete die Roller fahrenden Kinder. »Seit wann nennt er Sie eigentlich Liam?«, wunderte sie sich.
»Das hat er nach einer Harz-Reise auf der Rückreise beschlossen. Einfach so«, erklärte er. Frau Kallenbach schmunzelte.
»Dann bis morgen«, verabschiedete er sich. Jack stand atemlos neben ihm.
»Liam, weißt du was?«, strahlte er ihn an und forderte seine gesamte Aufmerksamkeit, »Lucie hat gesagt, ihr Lieblingstier ist eine Frikadelle. Dabei sind das doch keine Tiere, oder Liam?« Liam grinste, wuschelte seinem Sohn durch das Haar, holte mit ihm seinen Rucksack und ging, sich mit Jack über Frikadellen unterhaltend, zum Auto.
Bei den Mülleimern um die Ecke biegend sah er den großen, breiten Schatten von Cles oder Clemens Vater und hörte eine gepfiffene Melodie. Verdammt, dachte er, denn Cles Vater oder auch Hübi, was er jedem anbot, Liam aber kategorisch ablehnte, war ihm unangenehm. Hübi sah Liam, grinste und hatte ihn mit zwei Schritten erreicht.
»Na, Jonathans Vater!«, rief er ihm aus nächster Nähe zu und haute Liam auf seine linke Schulter. Jack versteckte sich hinter Liam.
»Hallo, Clemens Vater«, stieg Liam hilflos ein und vermied es, das kräftige Abklopfen bei diesem, zwei Köpfe größeren und doppelt so breiten, Mann zu einem Ritual werden zu lassen, indem er auch das Klopfen anfing. In einer Übersprunghandlung blickte er entschuldigend auf sein rechtes Handgelenk, an dem sich keine Uhr befand.
»He, nee wart’ mal!« Clemens Vater versperrte ihm den Weg.
»Deine Schuhe, ne sind das eigentlich Schuhe für Stubenhocker?«, wollte Clemens Vater grinsend von ihm wissen. Irritiert besah Liam seine Chucks, der rechte sah mitgenommen aus, in der Hacke war ein Loch. Wieso Chucks aber Stubenhockerschuhe sein sollten, wusste er nicht. »Wieso?«, entglitt es ihm unverzeihlich devot.
»Nur so«, grinste ihn Clemens Vater weiter an und gewährte Liam einen Blick auf das Innenfutter seiner Bomberjacke.
»Weil du ein Stubenhocker bist!« Clemens Vater haute ihm noch mal auf die Schulter und gab ihm den Weg mit einem Augenzwinkern frei.
Jack kam hinter Liams Beinen hervor und Liam schüttelte über seine eigene Hilflosigkeit den Kopf. Es gab Menschen in seinem Leben, mit denen konnte er nichts anfangen. Er mochte sie nicht, er mied sie, aber sie begegneten ihm immer wieder. Er fragte sich, ob er auch einen bestimmten Hasstypen für Menschen darstellte und sie in eine ähnliche Hilflosigkeit trieb, aber er hatte keine Idee.
»Liam?«, eröffnete Jack eine ihm wichtige Frage. »Hast du eigentlich Angst vor Clemens Papa?«
»Weiß nicht, kann sein.«
»Dann beiß ihn doch«, bot Jack als einfache Lösung an. ›Warum nicht?‹, dachte Liam, ›und den Geländewagenbesitzer beiß ich gleich mit.‹ Liam liebte seinen Sohn.
Nackter Mann mit Gummiball
Vier Tage später. Wieder war es die Stille, die Liam aus seiner Konzentration brachte. Mit einem Becher Milchkaffee in der Hand stand er vor seiner Terrassentür und versuchte, dieser Stille zu entkommen. Draußen sah es kalt aus, in der Nacht hatte es wieder Bodenfrost gegeben und ein dichter Nebel verschluckte sämtliche Farben.
Er nippte an seinem Kaffee und fasste den Entschluss, seine Arbeit zu unterbrechen, um nach Draußen zu gehen. Der Umsetzung seines Entschlusses gingen einige Vorbereitungen voraus. Seine vor zwei Jahren gekauften Trekkingschuhe, die bislang noch nicht zum Einsatz gekommen waren, fand er nicht in dem Schuhkarton auf dem Speicherboden, sondern bei der Zeltausrüstung in der Kammer. Er zog sich eine gefütterte Windjacke über und fröstelte sofort, nachdem er einen Schritt vor die Tür setzte und diese hinter sich zuschloss. Er nahm die Kälte als stimmig zur erdrückenden Stille wahr. Jedoch durchbrach er mit dieser geplanten Aktion seine Hilflosigkeit.
Nach der Hofeinfahrt bog er links auf die Straße ein. Das aufgestellte Sackgassenschild, hatte ihm sein Vermieter erklärt, sei nur dazu da, Ortsunkundige von einer Einfahrt in die Straße abzuhalten. Somit wurde die Straße nur von Anwohnern befahren und sie hätte angeblich die Qualität einer Spielstraße. Jack würde es im anstehenden Sommer ausprobieren.
Von den Anwohnern fehlte jegliches Lebenszeichen. Die Silhouetten der Einfamilienhäuser ließen sich im Nebel nur erahnen, Wasser sammelte sich in den Hecken an den Resten der letztjährigen Spinnennetze. In Gedanken plante er seine Route, und genoss es, vor neuen Entdeckungen zu stehen. Bislang kannte er nur den einen Weg, der ihn zur Steinbrücke über die Alster und von dort ins Moor führte. Zwischen dem vorletzten und dem letzten Haus auf der rechten Seite zweigte ein asphaltgranulierter Feldweg ab. Liam erinnerte sich an drei knorrige Bäume, die dort im Nebel stehen mussten und von seinem Nachbarn wusste er, dass dieser Weg zur dorfeigenen Kläranlage führen würde. Allein dieses Wissen ließ ihn den Hauptweg weitergehen.
Читать дальше