In Cosmas II findet sich zunächst die Möglichkeit, im Deutschen Referenzkorpus ( DeReKo ) und anderen Textsammlungen die Frequenz der Lexeme und ihre historische Entwicklung zu verfolgen. Das Cosmas II -Korpus umfasst diverse Einzelkorpora mit Zeitungstexten, Protokollen von Parlamentsdebatten, literarische Texte und vielen weiteren Textsorten aus den letzten Jahrhunderten. Insgesamt sind nach Angaben des IdS ca. 9 Mrd. Wortformen erfasst. Die Suche nach allen Wortformen von höflich, unhöflich, Höflichkeit und Unhöflichkeit in allen öffentlich zugänglichen Korpora ergibt folgendes Bild:
Abb. II.3: Gebrauchsfrequenzen im COSMAS II -Korpus, Stand: 18.9.2020
Die Kurven zeigen einen auffälligen Anstieg ab den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Frequenzwerte für höflich für die 50er, 60er und 70er Jahre lagen bei 771, 1328 und 1126, um dann in den 80ern auf 1533, in den 90ern auf 9597 und schließlich im neuen Jahrtausend auf den Wert von 25735 zu steigen. Für das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sind fast 30000 OkkurrenzenOkkurrenz erfasst. Fast parallel, wenn auch auf niedrigerem Niveau, verläuft die Kurve für das Substantiv. Auch hier beginnt in den 80er Jahren eine signifikante Entwicklung: Vorher (70er Jahre) lag die Gebrauchsfrequenz bei 660, in den 80ern selbst bei 689, in den 90ern bereits bei 3945. Weniger häufig, aber ebenfalls mit ansteigender Tendenz, werden die beiden abgeleiteten Lexeme mit Negationspräfix verwendet. Auch hier sind für das Adjektiv höhere Werte zu verzeichnen als für das Substantiv.
Die Unterschiede zwischen Adjektiven und Substantiven lassen sich als Hinweis darauf interpretieren, dass die Lexeme in der Alltagskommunikation typischerweise dazu verwendet werden, Verhalten zu klassifizieren, zu werten und mit einem entsprechenden Etikett oder Label (vgl. CulpeperCulpeper 2011, 76ff.) zu versehen. Die Verwendung der Adjektive wäre damit Teil einer Art metasprachlichen Aktivität: Wer sie verwendet, der spricht über das sprachliche (und auch nicht-sprachliche) Verhalten anderer Menschen und bewertet dieses. Die Substantive treten seltener auf; das lässt sich mit der Hypothese erklären, dass abstraktere Begriffe in der nicht-wissenschaftlichen Kommunikation keine so große Rolle spielen, aber doch bemerkenswert präsent sind – vor allem in den Jahren nach 1980.
Die zeitliche Entwicklung kann insgesamt sicher nicht nur damit erklärt werden, dass für die letzten Jahrzehnte mehr Texte erfasst worden sind. Sie deuten vielmehr darauf hin, dass Höflichkeit und Unhöflichkeit in immer weiter steigendem Ausmaß zum Gegenstand von Diskussionen und Reflexionen werden. Die statistischen Angaben bestätigen eindeutig den Eindruck, den auch viele Beobachter des deutschen Buchmarktes haben: Werke über Höflichkeit, Ratgeber, Benimmbücher, Etikette-Leitfäden und Ähnliches haben in den letzten Jahren Hochkonjunktur. Ganz offensichtlich gibt es in der Gesellschaft um die Jahrtausendwende ein starkes Bedürfnis, über angemessenes und unangemessenes Verhalten nachzudenken und zu diskutieren. Das bedarf sicher einer vertiefenden Analyse im Zusammenhang mit der Beschreibung allgemeinerer gesellschaftlicher Tendenzen. Wir werden das Thema wieder aufgreifen. Hier sei noch einmal darauf hingewiesen, dass die Angaben aus der Frequenzanalyse auch nicht überbewertet werden sollten; es handelt sich immer nur um absolute Zahlen, nicht um relative Frequenzen. Eine im Vergleich zu früheren Zeiten höhere Anzahl erfasster Texte aus den letzten Jahrzehnten verfälscht das Bild.
2.5.2 KookkurrenzanalysenKookkurrenzanalyse
Die Korpusanalyse ergibt nicht nur rein quantitative Angaben über Gebrauchsfrequenzen, sondern ermöglicht auch einen Einstieg in eine qualitative Auseinandersetzung mit der Frage, was Sprecher unter ‚Höflichkeit‘ verstehen. Einen ersten Eindruck davon kann man sich verschaffen, wenn man untersucht, mit welchen Lexemen Höflichkeit häufig kombiniert wird, mit welchen Wörtern es in Komposita verwendet wird, welche Wortbildungsformen besonders häufig auftreten oder aus anderen Gründen auffällig sind.
Die Kookkurrenzdatenbank (BelicaBelica 2001ff.) erlaubt es zunächst, die häufigsten Kookkurrenzpartner der hier zur Diskussion stehenden Lexeme zu identifizieren und damit die Grundlage für ein GebrauchsprofilGebrauchsprofil zu schaffen, das wiederum wichtige Hinweise darauf geben kann, was SprecherInnen unter dem jeweiligen Begriff verstehen. Typische Verwendungsmuster werden damit als Verweis auf charakteristische Denkmuster aufgefasst. Die Datengrundlage für diesen Ansatz ist ein virtuelles Korpus, das auf dem DeReKo basiert und einen Umfang von ca. 2,2 Milliarden laufenden Textwörtern aufweist. Die Ergebnisse der Recherche werden hier als wordle dargestellt ( www.wordle.net ). Für Höflichkeit ist die Liste der relevanten KookkurrenzpartnerKookkurrenzpartner lang. Eine Beschränkung auf die ca. 20 im Umfeld des Wortes am häufigsten auftretenden Lexeme ergibt sich folgendes Bild:
Abb. II.4: Kookkurrenzprofil von Höflichkeit . wordle -Darstellung, Datengrundlage Belica 2001ff., Stand: Mai 2017
Gezeigt wird, wie häufig die angegebenen Wörter zusammen (im Abstand von höchstens 5 Lexemen vor und nach dem Referenzwort) mit Höflichkeit verwendet werden. Die Schriftgröße spiegelt die Frequenz der gemeinsamen Verwendung wider. Der häufigste Kookkurrenzpartner ist also ausgesucht – ein Attribut, mit dem unterstrichen wird, dass höfliches Verhalten in verschiedenen Abstufungen auftreten kann: Es unterscheidet sich zuerst einmal von ganz normalem, nicht-höflichem Verhalten und kann dann auch noch einmal verfeinert werden zu besonders elaborierten Formen. Ein Beispiel (wie alle anderen Beispiele in diesem Abschnitt aus dem COSMAS -Korpus. Die dort angegebenen Quellenverweise werden übernommen.):
(1) Selbst sehr viel jüngeren Kollegen schreibt er mit ausgesuchter Höflichkeit (NZZ14/MAR.02438).
Der Höflichkeit wird hier eine Eigenschaft zugeordnet, die wiederum auf ihren Ausnahmestatus verweist: Das Verhalten, das so qualifiziert wird, kann als eine Option unter vielen anderen angesehen werden. Die Wahl dieser Option durch den Handelnden ist das Ergebnis von Reflexion und Selektion. Sie wird von einem Beobachter oder einer Beobachterin, der/die dieses Adjektiv wählt, ausgesprochen positiv bewertet. Offensichtlich geht der Autor/die Autorin dieser Passage davon aus, dass es für den Umgang mit jüngeren Kollegen ein angemessenes Maß von Höflichkeit gibt, dass die betreffende Person dieses Maß aber regelmäßig überschreitet. Das scheint bemerkenswert zu sein.
Weitere Attribute zu Höflichkeit , die häufig auftreten, sind diplomatisch , vollendet und übertrieben . Das erste assoziiert Höflichkeit mit einem Bereich, in dem der Umgang mit anderen Personen als extrem delikat, aber auch wichtig empfunden wird und in dem alle Beteiligten sehr genau abwägen, was sie wie zum Ausdruck bringen. Ein/e DiplomatIn spricht nicht so, wie ihm/ihr der Schnabel gewachsen ist und sagt nicht, was er oder sie wirklich denkt – so ist es wohl auch mit der Höflichkeit. Die beiden anderen Adjektive verweisen darauf, dass es offensichtlich ein ziemlich genau bestimmbares Maß an Höflichkeit gibt, das in einer bestimmten Situation aufgewendet werden sollte. Trifft jemand dieses Maß genau, dann verhält er sich vollendet; es besteht aber auch die Gefahr, es zu überschreiten, dann ist man übertrieben höflich.
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