Solche Argumentationen immunisieren sich gegen Einwände, indem sie Momente, in denen sich traditionelle Höflichkeit tatsächlich weiter durchzusetzen scheint, auch wieder in einem negativen Licht präsentieren: Mießgang beschreibt auch das Phänomen, dass KundInnen in Geschäften in den letzten Jahren immer freundlicher begrüßt und bedient werden, dass die MitarbeiterInnen von Einzelhandelsbetrieben durchschnittlich höflicher sind als noch vor wenigen Jahren. Auch das wird aber kritisch als Gespenst der guten Laune klassifiziert, das in der Arbeitswelt umgeht, als „Wellnessvirus“ oder als „Lächelmaske“ (vgl. Mießgang 2013, 105), die wiederum Teil der Konstruktion einer Fassade sind: „Die auf den ersten Blick erfreuliche Anhebung des Höflichkeitsniveaus in jenen gesellschaftlichen Kontaktzonen, wo Verkäufer und Konsument aufeinandertreffen, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als besonders perfide Form der Missachtung des Gegenübers“ (Mießgang 2013, 106). Den KundInnen wird etwas vorgespielt, was in Wirklichkeit nicht existiert. Höflichkeit wird zu einer Art Lüge, die zu verurteilen ist und die dann in einer folgenden Passage auch explizit in die Nähe von Prostitution gerückt wird.
Zwar können in der populärwissenschaftlichen Debatte keine begrifflichen Differenzierungen erwartet werden. Doch leidet aus sprachwissenschaftlicher Sicht die Diskussion auch darunter, dass Höflichkeit ganz offensichtlich mit verschiedenen Facetten von (z.B.) Respekt, Anstand, Freundlichkeit, Rücksichtnahme, Umgangsformen identifiziert wird. Der Höflichkeitsbegriff bleibt deswegen schwammig und beliebig. Es muss eine Aufgabe der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen sein, den Begriff besser zu konturieren, in einen wissenschaftlichen Zusammenhang zu rücken und genauer zu sagen, wovon eigentlich die Rede ist. Eine differenziertere Darstellung zur Höflichkeit ist von Rainer ErlingerErlinger vorgelegt worden (2016a). In Abgrenzung zum Begriff der Etikette wird der Wert einer wertlosen Tugend von seinen „Rändern“ her (u.a. Mode, Beruf, Internet, Religion) in seiner gesellschaftlichen Bedeutung eingekreist.
Insgesamt zeigen die öffentlichen und vorwissenschaftlichen Ausführungen über Höflichkeit, die hier exemplarisch betrachtet wurden, dass es sich um ein gesellschaftlich virulentes Thema handelt, welches einiges an Streitpotential mit sich bringt. Höflichkeit ist umstritten: Man kann darüber diskutieren, welche Verhaltensweisen höflich sind und welche nicht, man kann aber auch über die Funktion bzw. den Stellenwert von Höflichkeit in der sozialen Interaktionsoziale Interaktion streiten. Nicht zuletzt sind Tendenzen in der Entwicklung von Höflichkeit Gegenstand von Debatten. Es handelt sich um ein Thema, das für Individuen geeignet ist, um sich zu positionieren und von anderen abzugrenzen.
Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich aber kein klarer Begriff von Höflichkeit. Als höflich wird es bezeichnet, wenn man jemandem die Tür aufhält, PartnerInnen nicht unterbricht, grüßt, lächelt, freundlich ist, sich entschuldigt, sich richtig anzieht, die richtige Anrede wählt, Kommandoton vermeidet und vieles andere mehr. Der alltagssprachliche Höflichkeitsbegriff ist sehr stark an einer Idee von Etikette, von „To-do-AnweisungenTo-do-Anweisungen“ orientiert, also an Normen und Regeln. Es gibt nur einige wenige Versuche, Höflichkeit als darüber hinaus gehendes Organisationsprinzip des gesellschaftlichen Zusammenlebens und grundlegendere Verhaltensdisposition aufzufassen. Aber: auch da, wo (wie in den Publikationen der Knigge-Gesellschaft) betont wird, dass Höflichkeit viel mehr ist als das Befolgen von vorgegebenen Prozeduren für die Bewältigung bestimmter Situationen, bleibt immer unklar, was mit diesem Mehr genau gemeint ist.
2.5 (Un)Höflichkeit im Gebrauch
Wenn man herausfinden will, was Sprecher des Deutschen unter ‚Höflichkeit‘ verstehen, dann kann man sich auf seine Intuition als kompetenter Sprecher verlassen und zusammentragen, was man selbst über das Phänomen weiß und was man über die diesbezüglichen Vorstellungen seiner Mitmenschen in Erfahrung bringen kann. Vor allem bei Letzterem kann man sich natürlich nur auf das konzentrieren, was diese Mitmenschen sagen und schreiben. Einen direkten Zugang zu ihren Gedanken oder sonst einen Weg in ihren Kopf findet man nicht. Mit einem solchen Vorgehen kann man zu guten Ergebnissen kommen. Es birgt aber auch die Gefahr, unnötig selektiv und subjektiv zu sein: Man erfasst nur, was einem schon bekannt ist und riskiert, wesentliche Aspekte, die einem in einem bestimmten Moment nicht besonders präsent sind, zu ignorieren.
Die Instrumente und Techniken der Korpusanalyse bieten hier die Möglichkeit, auf der Grundlage einer verlässlichen Datenbasis fundiertere und objektivere Aussagen zu machen und damit dem zu untersuchenden Begriff auf die Spur zu kommen – oder zumindest eine erste Spur zu identifizieren: „[…] corpus analysis offers a firm ontological basis for understanding ‚politeness‘ across languages and relational networks“ (Kádár/HaughKádár/Haugh 2013, 192). Die Ausgangshypothese für ein solches Vorgehen ist die Idee, dass sich die Bedeutung von Wörtern wie höflich und Höflichkeit aus dem Sprachgebrauch ergibt, dass ein genauer Blick darauf, wie wir die Wörter verwenden, eine gut begründete Hypothese darüber zulässt, was wir darunter verstehen. Mit Blick auf die englische Sprache verweist auch WattsWatts auf die Relevanz eines alltagssprachlichen Begriffes von Höflichkeit, indem er betont „[…] polite and politeness are lexemes in the English language whose meanings are open to negotiation by those interacting in English. Their meaning are reproduced and renegotiated whenever and wherever they are used in verbal interaction, which of course means that related terms such as rude, rudeness (dis)courteous, impolite, impoliteness etc. are also struggled over“ (Watts 2003, 13). Die Angaben zum Gebrauch von Wörtern können also kein ein für alle Mal gültiges Bild der Gebrauchsregeln und der Bedeutungsnuancen ergeben, sie stellen vielmehr eine Momentaufnahme dar, eine Fotografie des im gegenwärtigen Sprachstadium in Form von GebrauchspräferenzenGebrauchspräferenz niedergeschlagenen kollektiven Wissens einer Sprachgemeinschaft.
2.5.1 FrequenzanalysenFrequenzanalyse
Moderne Korpora bieten die Möglichkeit, mit einfachen Mitteln auf umfangreiche Textsammlungen zuzugreifen und darin nach verschiedensten Kriterien wiederkehrende Muster in der Sprachverwendung zu suchen (vgl. z.B.PerkuhnPerkuhn/KeibelKeibel/KupietzKupietz 2012). Wer, wo, wann, in welchem Kontext die hier diskutierten Wörter verwendet und welcher Höflichkeitsbegriff diesen Verwendungen zugrunde liegen könnte, lässt sich in den Korpora des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (hier: COSMAS II COSMAS II) und im DWDS ( Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache ) gut nachvollziehen.
Wir möchten hier keine eingehende KorpusanalyseKorpusanalyse vornehmen, aber doch einige Daten aus den beiden Korpora präsentieren, die die Beschreibung des alltagssprachlichen Höflichkeitsbegriffs bereichern können. Neben Frequenzübersichten werden dabei vor allem die GebrauchsumgebungenGebrauchsumgebung relevant, also die Frage, mit welchen anderen Lexemen die Höflichkeitswörter signifikant häufig zusammen gebraucht werden und mit welchen sie charakteristische Komposita bilden. Eine semantische Analyse solcher Verbindungen (die hier oberflächlich bleiben muss) wird Hinweise darauf ergeben können, was Sprecher meinen, wenn sie von Höflichkeit oder Unhöflichkeit sprechen. Sie bildet das in Gebrauchstendenzen sedimentierte Wissen der Sprachgemeinschaft ab, das jedem Sprachbenutzer präsent ist – was nicht heißt, dass es sich um explizit abrufbares Wissen handelt. Im Gegenteil: In vielen Fällen sind Sprecher sich nicht darüber bewusst, dass sie bestimmte LexemverbindungenLexemverbindung bevorzugt verwenden und andere Möglichkeiten zwar zur Verfügung stehen, in den meisten Fällen aber nicht aktiviert werden.
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