Zwischenzeitig hatten sich auch erhebliche Unterschiede im Verhältnis Covid-19 und SARS 2002/2003 herausgestellt. Anders als Letzterer war dieses Virus wesentlich infektiöser. Auch Infizierte, die keinerlei Symptome verspürten, waren offenkundig Überträger*innen. Die Zahlen ergaben, dass rund ein Drittel der infizierten Personen als sogenannte asymptomatisch Infizierte ansteckend sein konnten. Dies stellte die Gesundheitsbehörden weltweit vor ein großes Problem. Wie wollte man die Ausbreitung einzudämmen versuchen, ohne schwerwiegende Freiheitsbeschränkungen zu produzieren? 26
Die Welt wurde in der Folge von mehreren pandemischen Wellen überzogen. Im deutschsprachigen Europa war die Reaktion auf die erste Welle ab Mitte März 2020 eine scharfe. Die Regierungen haben hier zu Notmaßnahmen gegriffen, die menschliche Kontakte auf ein Mindestmaß beschränken sollten. Ausgangsverbote wurden verhängt, Abstandsvorschriften erlassen. Verschiedenste Unternehmen, gerade aus den Sparten Gastwirtschaft, Beherbergung und Einzelhandel, wurden geschlossen.
Der Sommer 2020 sollte eine Erleichterung bringen. Die Ansteckungszahlen gingen deutlich zurück. Dies wird überwiegend auf zwei Umstände zurückgeführt: Einerseits schien das Virus bei höheren Temperaturen weniger infektiös zu sein, andererseits war das Sozialverhalten der Menschen in der warmen Jahreszeit ein anderes. In dieser hält man sich weniger in geschlossenen Räumen auf; eine Übertragung durch Aerosole gilt in der Außenluft als höchst unwahrscheinlich.
Im Herbst 2020 jedoch setzte die zweite Welle ein, die in Deutschland und Österreich wesentlich dramatischer verlaufen sollte als die vorangegangene. Täglich waren in Deutschland etwa teilweise über 30 000 Neuinfektionen zu verzeichnen, in Österreich teilweise knapp 10 000. Die Todeszahlen gingen in Deutschland kumuliert in die Zehntausende, in Österreich eine Zehnerpotenz darunter. Gerade in Alten- und Pflegeheimen haben massive Durchseuchungen stattgefunden. Ein Gutteil der Todesopfer ist auf einen Aufenthalt in derartigen Stätten zurückzuführen.
Im Frühjahr 2021 folgte hier schließlich eine dritte, vergleichsweise weniger schadensträchtige Welle.
Die Gefährlichkeit der Krankheit wurde und wird leidenschaftlich diskutiert. 27Die WHO spricht davon,
•gerade Risikogruppen wären durch diese hoch gefährdet. Dazu zählen ältere Personen ab sechzig Jahren, Lungenkranke oder in ihrem allgemeinen Immunsystem Beeinträchtigte;
•der Schweregrad von Covid-19 sei mit demjenigen der Spanischen Grippe 1918–1920 vergleichbar und
•liege deutlich über der Gefährlichkeit verschiedenster saisonaler Grippekrankheiten. 28
Weltweit wurde fieberhaft nach Impfstoffen geforscht. Verschiedenste Kandidat*innen haben sich gegen Ende 2020 als besonders aussichtsreich herausgestellt, darunter vor allem solche auf Basis mRNA. Darunter sind jene zu verstehen, bei denen eine Boten-Ribonukleinsäure (messenger-RNA) die genetische Information für den Proteinaufbau einer Zelle transportiert. Man könnte dies so formulieren: Durch eine Impfung mit diesem Präparat wird dem Körper ein Bauplan zur Verfügung gestellt, der dann aktiviert wird, wenn das entsprechende Virus im Körper festgestellt wird. Vektorimpfstoffe, die andere praktisch bedeutsame Alternative, transportieren unmittelbar genetische Information in Form einer Erbinformation. Im Körper werden sofort nach der Impfung Abwehrstoffe produziert.
Zu Beginn des Jahres 2021 wurden nach experimenteller medizinischer Abklärung zunächst zwei mRNA-Impfstoffe der Produzenten BioNTech und Moderna zugelassen; kurz danach folgte der an der Universität Oxford entwickelte Vektorimpfstoff von AstraZeneca. Diese genannten Impfstoffe benötigen zur vollen Wirksamkeit zwei Teilimpfungen. Derjenige des Produzenten Johnson & Johnson, ebenso ein Vektorimpfstoff, wurde Monate später zugelassen. Dieser benötigt zur vollen Wirksamkeit nur eine Impfung.
Verschärft wurde die Situation durch Mutationen: Virusvarianten, die sich als teilweise infektiöser, in ihren Auswirkungen bei Krankheitsausbruch schädlicher oder die Barriere von bereits geimpften Personen durchbrechend herausstellen sollten, sind nach und nach entstanden. So wurde erstmals im Dezember 2020 in Großbritannien die Variante B.1.1.7 (Alpha) nachgewiesen. Diese war im zwischenmenschlichen Kontakt leichter übertragbar und hat zusätzlich eine höhere Reproduktionszahl aufgewiesen. Das hat zu einem regelrechten Schub an Infektionen in den betroffenen Gebieten geführt. Vermutet wurde auch, dass Antikörper nach einer bereits durchgemachten Infektion oder im Gefolge einer Impfung geringeren Schutz gegen eine Ansteckung bieten, als dies bei der Grundvariante der Fall war.
Die Varianten B.1.3.5 (Beta) und P.1 (Gamma) werden als südafrikanische und brasilianische Variante bezeichnet. Auch hier wird eine erhöhte Übertragbarkeit, vor allem durch herabgesetzte Immunabwehr, angenommen.
Als besonders gefährlich hat sich die Variante B.1617.2 mit der Bezeichnung Delta herausgestellt. 29Diese ist erstmals im Oktober 2020 in Indien diagnostiziert worden. Dort war das Virus auf eine weitgehend unvorbereitete Milliardenpopulation getroffen und konnte sich regelrecht austoben. Es gilt als gesichert, dass die Zahl der Ansteckungen das Risiko des Ausbildens von Mutationen steigert. Nachdem solche die Folge von genetischen Produktionsfehlern sind und zwangsläufig vorkommen, erhöht die Zahl der Wirt*innen zwingend jene der produzierten Mutationen. Dies lässt sich auch durch die Varianten Beta, Gamma und Alpha zeigen, die ebenso in Gegenden mit Hochinzidenz entstanden sind.
Delta führte in Europa zu einem abermaligen massiven Anstieg der Infektionszahlen. Diese ist gegenwärtig im Sommer 2021 die dominierende Variante in Deutschland und Österreich. Umstritten ist, ob sie in ihren Auswirkungen für die infizierte Person gesundheitsschädlicher ist als das Grundvirus. Die Symptome scheinen sich in Richtung vergleichsweise harmloserer wie Schnupfen, Heiserkeit und Kopfschmerzen verlagert zu haben; auch die Hospitalisierungsrate und die Rate an kausalen Todesfällen scheint geringer zu sein. Dies könnte allerdings auf einen nun vermehrten Impfschutz der Bevölkerung und die Tatsache zurückzuführen sein, dass die besonders gefährdete Bevölkerungsgruppe schon zum überwiegenden Teil immunisiert ist.
Unbestritten fällt der Schutz der Impfbarriere gegen diese Variante jedoch geringer aus, als dies für die Grundvariante zutrifft. Es besteht zwar nach wie vor eine hohe Schutzwirkung der Impfung – gerade dann, wenn man den vollen Impfzyklus absolviert hat – gegen schwere Verläufe, erst recht mit Todesfolge; leichte Erkrankungsverläufe sind jedoch möglich. Generell dürfte die Impfung nicht grundsätzlich davor bewahren, das Virus übertragen zu können. 30Delta ist deutlich leichter übertragbar als andere bislang bekannte Varianten. Es wird davon gesprochen, dass die Ausatemluft einer infizierten Person das Tausendfache der Virenlast gegenüber jener der ohnedies schon hochinfektiösen Alpha-Variante in sich trägt. 31
Es ist noch nicht abschließend gelungen, den Ausbruch des Krankheitsgeschehens auf einen konkreten Auslöser zurückzuführen. Als bislang aussichtsreichste Kandidatin gilt die Variante, das Virus sei vergleichbar SARS über einen Zwischenwirt, nämlich ein Säugetier, von ursprünglich Fledermäusen auf den Menschen übergegangen. Auch diese Version geht davon aus, Großmärkte in Südchina und deren unhygienische Umgebung hätten den Ausbruch bedingt.
In den letzten Monaten wird allerdings wieder verstärkt eine Variante diskutiert, die ursprünglich der ehemalige US-Präsident Donald Trump propagiert hatte. Das Virus könnte aus einem hochspezialisierten Labor im Nahebereich dieses Tiermarktes in das Freie gelangt sein. Es wird behauptet, in diesem würde an und mit Virenstämmen geforscht, die noch von der vormaligen Pandemie 2002/2003 verblieben wären; argumentiert wird, man forsche nach wirksamer Medikation. Es wird allerdings auch teilweise unterstellt, man entwickle biologische Kampfstoffe. Selbst Nobelpreisträger sind mit dieser Laborthese an die Öffentlichkeit getreten. Verifiziert werden konnte diese Theorie bislang nicht. Es ist allerdings auffällig, dass die chinesischen Behörden sich einer vertrauenswürdigen Kooperation mit der WHO weitgehend verweigern.
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