Ihm eine Chance geben?
Niemals!
Freitagabend war nicht das erste Mal, dass er eines meiner Dates ruiniert hat. Der Typ lebt davon, sich mit mir anzulegen. Es ist seine Lieblingsbeschäftigung. Außerdem ist er ein arroganter, footballspielender Frauenheld, der keiner Prügelei aus dem Weg geht. Ich habe nie persönlich mitbekommen, wie er in eine körperliche Auseinandersetzung geraten ist, aber ich habe oft genug am nächsten Morgen sein Gesicht gesehen.
Durch das Fenster sehe ich gerade noch rechtzeitig, wie Carter sich sein T-Shirt vom Leib reißt und es auf eine der Liegen wirft, die über die Terrasse verteilt sind. All seine sonnenverwöhnten Muskeln spannen sich an, als er kopfüber ins kristallklare Wasser des Pools taucht.
Mein Mund wird trocken, und mein Herz schlägt plötzlich schneller.
"Daisy?" Die Stimme von Tante Marnie klingt, als würde sie aus einer Entfernung von einer Million Meilen sprechen. Sie wedelt mit der Hand vor meinem Gesicht herum. "Erde an Daisy."
Ich erröte vor Verlegenheit, als ich meinen Blick von Carter wende. Unter keinen Umständen möchte ich ihn auftauchen sehen. Ich könnte einen Mini-Orgasmus hier in der Küche bekommen.
Ich halte ein Stöhnen zurück und versuche mich zusammenzureißen.
Ich mag diesen Kerl nicht mal!
Nein, im Ernst. Ich mag ihn nicht!
Mein Körper hat offensichtlich dieses Memo nicht erhalten. Ich muss wirklich daran arbeiten.
"Ja?", sage ich und versuche ruhig zu bleiben, obwohl es sich anfühlt, als hätte ich Hitzewallungen und meine Knie würden weich werden. Ich sollte mich ohrfeigen, für die unerwünschte Anziehungskraft, die mich erfüllt.
"Vielleicht ...", sagt Tante Marnie und greift den Faden unseres vorherigen Gesprächs wieder auf, "... solltest du es versuchen und sehen, was passiert."
Ummm ... nein, danke. Ich werde diesem Vorschlag keine Chance geben.
Sie zieht eine Augenbraue nach oben, was mir das Gefühl gibt, dass mein verärgerter Ausdruck meine Gedanken perfekt übermittelt.
"Du weißt schon", sie hält inne, ihre Augen auf etwas oder jemanden hinter dem Küchenfenster gerichtet. Sie beißt sich auf die Lippe, zögert, was für sie seltsam ist.
Ich neige meinen Kopf und warte darauf, dass sie weiterredet.
Ihr Blick schweift zu mir zurück. "Ich weiß, Carter erscheint ..."
"Großspurig? Arrogant? Eingebildet?" Und das sind nur die Eigenschaften, die mir spontan einfallen. Gib mir einen Moment, und ich könnte mit einer Menge an weiteren unschönen Beschreibungen aufwarten.
"Nein." Ihre Lippen zucken, und der Ausdruck in ihren Augen wird weicher. "Das ist nicht das, was ich sagen wollte."
"Huh." Ich schaue sie verwirrt an. "Ich dachte, das meintest du."
"Was ich sagen wollte ...", wiederholt sie und ignoriert mich, "... ist, dass Carter als Typ rüberkommt der selbstbewusst ist, aber –"
"Du weißt, dass das nur ein anderes Wort für eingebildet ist, oder?"
Diesmal sieht sie mich mit einem Blick an, der mir sagt, dass ich es zu weit getrieben habe. Ich halte sofort meine Klappe und lasse sie ohne weitere Unterbrechungen reden.
"Manchmal haben die Leute das Bedürfnis, eine Fassade aufzubauen, um zu verbergen, was wirklich in ihnen vor sich geht."
Ich runzle die Stirn über ihre vage Erklärung. Will sie sagen, dass Carter Gründe hat, sich so zu verhalten, wie er es tut? Gründe, die nichts damit zu tun haben, ein Arschloch zu sein?
"Hast du jemals in Betracht gezogen, dass der Carter, den du kennengelernt hast, nicht der ist, der er wirklich ist?"
"Nicht mal für einen Moment." Ich fange an mich zu ärgern und schüttle den Kopf. "Carter ist genau der nervige Typ, für den ich ihn immer gehalten habe. In den Jahren seit ich ihn kenne, hat er mir nicht ein einziges Mal das Gegenteil bewiesen."
Sie kommt um die Theke herum, checkt noch mal die gut gefüllten Schüsseln und Platten und erledigt ein paar letzte Handgriffe. "Weißt du, Daze, manchmal sehen wir nur, was wir sehen wollen. Wir nehmen uns nicht die Zeit, an der Oberfläche zu kratzen oder tiefer zu graben. Manchmal muss man einfach geduldig sein und den Leuten Zeit geben, zu zeigen, wer sie wirklich sind." Sie gibt mir einen weiteren durchdringenden Blick, einen, der mich unter seiner Intensität zusammenzuckt lässt. "Kannst du ehrlich sagen, dass du das getan hast?"
Anstatt zu antworten, zucke ich mit den Achseln. Ich habe Carter genug Chancen gegeben, um zu beweisen, dass er kein Idiot ist, aber er hat mich nie vom Gegenteil überzeugt.
Das Tante Marnie ihn mag, ist wirklich seltsam. Er kann sie vielleicht täuschen, aber bei mir schafft er das nicht. Ich liebe meine Tante und bin normalerweise gerne bereit, ihrem Rat zu folgen. Aber zu diesem speziellen Thema?
Uh-uh.
"Gib ihm einfach noch eine Chance", drängt sie, ihre haselnussbraunen Augen auf mich gerichtet. "Es kann ja nichts schaden, oder?"
Eigentlich kann es das. Aber ich werde mich nicht mir ihr streiten. "Ich weiß nicht", murmle ich und schaue aus dem Fenster. Meine Augen werden von ihm angezogen wie eine wärmegesteuerte Rakete.
Es ist wie ein Stromschlag als ich merke, dass er mich anstarrt.
4
Die Party ist seit zwei Stunden im Gange und alle amüsieren sich. Es gibt jede Menge leckeres Essen, und das Wetter ist perfekt. Während ich eine Gruppe beobachte, die im Pool herumalbert, sehe ich karamellfarbene Haare beim Eingang zum Grundstück. Olivia winkt, während sie durch die Menge zu mir geht.
Ich winke zurück, ich freue mich, sie zu sehen.
Olivia ist die erste echte Freundin, die ich auf der BU gefunden habe. Bevor Noah mich dazu überredete, in sein Apartment zu ziehen, hatten Olivia und ich geplant, uns etwas gemeinsam zu suchen.
Jetzt bedauere ich es, auf Noah gehört zu haben.
Sie setzt sich auf die Liege neben meiner und streckt sich aus. Olivia hat endlos lange Beine. "Tut mir leid, ich bin spät dran. Ich hatte gehofft, etwas früher hier zu sein, aber ich musste länger bleiben und eine Schicht übernehmen, weil eines der Mädchen nicht zur Arbeit gekommen ist."
Olivia kellnert in einem Diner, zwei Blocks vom Campus entfernt. Sie arbeitet dort seit ein paar Wochen, und die Trinkgelder scheinen gut zu sein. Ich habe Olivias Eltern nur ein paar Mal getroffen, aber nach allem, was sie mir sagt, sind sie sehr kontrollierend. Olivia hat diesen Teilzeitjob, um finanziell unabhängig zu sein.
"Hey, tut mir leid für dich." Ich zucke mit den Achseln und deute mit der Hand zum Pool. "Du hast eine ziemlich gute Show verpasst."
Sie grinst und verrenkt den Hals, um etwas zu sehen. "Sieht aus wie ein heißes Athleten-Fotoshooting, da drüben."
Olivia ist jetzt schon zum vierten Mal beim Labor Day Barbecue, das die Walkers jedes Jahr veranstalten. Wir haben uns angefreundet, weil wir beide auf heiße, halbnackte Footballspieler abfahren. Sie ist meine beste Freundin. Ich glaube, es war auf einer Party im ersten Semester, als sie sich Hals über Kopf in Noah verliebte.
Eine Sonnenbrille verdeckt Olivias Augen, während sie sich einen Moment Zeit nimmt, um all die männliche Pracht um uns herum zu betrachten.
Heute ist so ein Tag, an dem die Sonne das Beste in den Jungs hervorbringt.
Manchmal ist es gut, eine Frau zu sein.
"Hast du dich schon gut eingelebt?", frage ich.
Olivia hatte das Glück, diesen Sommer ein Praktikum in Kalifornien zu bekommen. Wir haben seit ihrer Rückkehr ein paar Mal miteinander gesprochen und uns getroffen, aber wir hatten nie genug Zeit, um wirklich miteinander zu reden.
Sie ignoriert die Jungs und dreht ihren Kopf in meine Richtung. "Nicht so richtig. Es waren so viele Kartons auzupacken, und so viel Zeit hatte ich neben der Arbeit im Diner dann auch nicht." Ich weiß, dass es ihr nichts ausmacht, aber sie hat viel um die Ohren, mit dem Studium und dem Job. "Ich wünschte, du hättest mich in Kalifornien besuchen können. Es war so unglaublich. Es hätte dir gefallen, Daze." Sie schüttelt den Kopf, ein kleines Lächeln umspielt ihre Lippen. "An den Stränden kann man Robben sehen."
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