»Das ist zweifellos richtig, Mr Mac, aber wie stellen Sie sich das Ergreifen des sogenannten Porlock vor?«
MacDonald drehte den Brief um, den Holmes ihm gereicht hatte.
»Aufgegeben in Camberwell – das hilft uns nicht viel weiter. Name fingiert, wie Sie sagen. Das ist tatsächlich etwas wenig für den Anfang. Aber Sie sagten, Sie hätten ihm Geld geschickt?«
»Zwei Mal.«
»Auf welche Weise?«
»In Banknoten, postlagernd Camberwell.«
»Haben Sie sich denn nicht die Mühe gemacht herauszufinden, wer sie abgeholt hat?«
»Nein.«
Der Inspektor blickte überrascht und auch ein wenig empört drein.
»Und wieso nicht?«
»Weil ich mein Wort zu halten pflege. Ich hatte ihm nach seinem ersten Brief versprochen, dass ich ihm nicht nachspionieren werde.«
»Sie glauben, es steht jemand hinter ihm?«
»Ich weiß es.«
»Dieser Professor, den Sie mir gegenüber einmal erwähnt haben?«
»Genau.«
Inspektor MacDonald konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, und sein Augenlid zuckte vielsagend, als er mir einen Blick zuwarf.
»Ich kann Ihnen nicht verschweigen, Mr Holmes, dass wir beim C. I. D. der Ansicht sind, dass Sie sich ein bisschen in eine fixe Idee verrannt haben mit Ihrem Professor. Ich selbst habe in dieser Sache ein paar Nachforschungen angestellt. Er scheint ein äußerst respektabler, gelehrter Mann mit großen Talenten zu sein.«
»Ich bin froh, dass Sie wenigstens seine Talente zu würdigen wissen.«
»Mein lieber Mann, die sind doch nicht zu übersehen. Nachdem Sie mir erzählt hatten, was Sie von ihm denken, hielt ich es für meine Pflicht, dem nachzugehen. Wir hatten eine interessante Unterhaltung über Sonnen- und Mondfinsternisse. Keine Ahnung, wie wir auf dieses Thema gekommen sind, aber er hatte im Nu eine Reflektorlampe und einen Globus parat und hat mir im Handumdrehen alles erklärt. Er hat mir sogar ein Buch darüber geliehen, aber ich gebe zu, dass es doch etwas über meinen Horizont ging, obwohl ich in Aberdeen eine sehr ordentliche Schulbildung hatte. Er hätte einen guten Pfaffen abgegeben mit seinem hageren Gesicht und dem grauen Haar und dieser gesalbten Art zu reden. Zum Abschied hat er mir sogar die Hand auf die Schulter gelegt, da kam ich mir vor wie ein kleiner Junge, der in die kalte feindliche Welt hinausgeht und den Segen des Vaters empfängt.«
Holmes rieb sich kichernd die Hände.
»Großartig!« rief er, »großartig! Sagen Sie, Freund MacDonald, fand dieses nette, erbauliche Gespräch im Arbeitszimmer des Professors statt?«
»Ja.«
»Ein elegant eingerichtetes Zimmer, nicht wahr?«
»Sehr elegant, wirklich sehr schön, Mr Holmes.«
»Sie saßen ihm gegenüber, vor seinem Schreibtisch?«
»Ja, genau.«
»Mit dem Gesicht in der Sonne, während seins im Schatten lag?«
»Nun ja, es war schon Abend, aber ich erinnere mich, dass die Lampe zu mir gedreht war.«
»Natürlich, das war zu erwarten. Ist Ihnen vielleicht ein Gemälde aufgefallen, das hinter dem Professor an der Wand hing?«
»Mir entgeht so leicht nichts, Mr Holmes. Das habe ich wohl von Ihnen gelernt. Ja, ich habe das Bild gesehen – eine junge Frau, die den Kopf in die Hände stützt und einen so von der Seite her anguckt.«
»Es ist ein Gemälde von Jean Baptiste Greuze.«
Der Inspektor bemühte sich, interessiert dreinzublicken.
»Jean Baptiste Greuze«, fuhr Holmes fort, während er die Fingerspitzen aneinanderlegte und sich im Sessel zurücklehnte, »war ein französischer Maler, dessen Blütezeit zwischen 1750 und 1800 lag. Womit ich natürlich seine künstlerische Blütezeit meine. Die heutige Kunstkritik hat die hohe Wertschätzung, die seine Zeitgenossen ihm entgegenbrachten, mehr als bestätigt.«
Die Augen des Inspektors nahmen einen leeren Ausdruck an.
»Sollten wir nicht lieber –«
»Wir sind gerade dabei«, unterbrach Holmes ihn. »Alles, was ich sage, hat ganz direkt und maßgeblich mit dem zu tun, was Sie das ›Rätsel von Birlstone‹ nannten. Ja, man kann sogar sagen, es ist des Rätsels Kern.«
MacDonald lächelte schwach und schaute mich hilfesuchend an.
»Ihre Gedanken laufen mir zu fix, Mr Holmes. Sie lassen gern einen oder zwei Schritte aus, da verliere ich den Anschluss. Was, um Himmels willen, hat dieser verstorbene Maler mit dem Birlstone-Fall zu tun?«
»Für einen Detektiv ist jedes Wissensbruchstück nützlich«, antwortete Holmes. »Sogar die scheinbar belanglose Tatsache, dass ein Gemälde von Greuze mit dem Titel La Jeune Fille à l’Agneau 1865 bei einer Auktion der Galerie Pourtalès nicht weniger als viertausend Pfund erzielt hat. Das sollte Ihnen zu denken geben.«
Das tat es offensichtlich. Der Inspektor wirkte plötzlich sehr interessiert.
»Ich darf Sie daran erinnern«, fuhr Holmes fort, »dass das Gehalt eines Professors sich mittels verschiedener Handbücher leicht ermitteln lässt. Es beträgt rund siebenhundert Pfund im Jahr.«
»Aber wie konnte er dann dieses Bild –«
»Genau. Wie konnte er es kaufen?«
»Hm hm. Das ist allerdings seltsam«, sagte der Inspektor nachdenklich. »Sprechen Sie weiter, Mr Holmes. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen. Tolle Sache!«
Holmes lächelte. Für aufrichtige Bewunderung war er stets empfänglich – das Merkmal einer echten Künstlernatur.
»Aber was ist mit Birlstone?« fragte er.
»Wir haben noch ein bisschen Zeit«, antwortete der Inspektor mit einem Blick auf die Uhr. »Draußen wartet eine Droschke, und bis Victoria Station brauchen wir keine zwanzig Minuten. Aber noch mal zu diesem Bild – ich glaube, Sie sagten mal, Sie seien Professor Moriarty nie persönlich begegnet?«
»Nein, nie.«
»Woher wissen Sie dann, wie es in seiner Wohnung aussieht?«
»Ah, das ist etwas anderes. Ich war schon dreimal in seiner Wohnung. Zweimal habe ich unter verschiedenen Vorwänden dort auf ihn gewartet und bin gegangen, bevor er zurückkam. Das dritte Mal – nun, das dürfte ich einem Kriminalbeamten im Dienst eigentlich nicht erzählen. Bei diesem Besuch habe ich mir nämlich die Freiheit genommen, seine Papiere zu überfliegen, mit einem unerwarteten Ergebnis.«
»Haben Sie etwas Kompromittierendes gefunden?«
»Nicht das Geringste. Das war ja gerade das Unerwartete. Aber Sie sehen jetzt die Bedeutung dieses Gemäldes. Es zeigt, dass er ein sehr, sehr reicher Mann ist. Wie ist er zu diesem Reichtum gekommen? Er ist nicht verheiratet. Sein jüngerer Bruder arbeitet als Bahnhofsvorsteher in Westengland. Seine Professur bringt ihm siebenhundert Pfund im Jahr. Aber er besitzt einen Greuze.«
»Und?«
»Die Schlussfolgerung dürfte klar sein.«
»Sie denken also, dass er über eine sprudelnde Geldquelle verfügt und dass diese Quelle illegal ist?«
»Genau das. Natürlich habe ich noch mehr Gründe für diesen Verdacht – Dutzende feinster Fäden, die kaum sichtbar zum Mittelpunkt eines Netzes führen, wo reglos eine giftige Kreatur lauert. Ich habe den Greuze nur erwähnt, weil Sie das Bild mit eigenen Augen gesehen haben. Damit ist die Sache in den Bereich Ihrer Beobachtung gelangt.«
»Also, Mr Holmes, ich muss zugeben, das ist alles sehr interessant. Mehr als interessant – geradezu spannend. Aber können Sie nicht ein bisschen konkreter werden? Denken Sie an Fälscherei, Falschmünzerei oder Einbruchsdiebstähle? Woher kommt das Geld?«
»Haben Sie jemals etwas über Jonathan Wild gelesen?«
»Hm … der Name kommt mir bekannt vor. Eine Figur in einem Roman, nicht wahr? Aber ich halte nicht viel von Romandetektiven. Diese Burschen haben immer Erfolg, ohne dass gesagt wird, wie und warum. Alles nur Erfindung, das hat mit unserer Arbeit nix zu tun.«
»Jonathan Wild war kein Detektiv, und auch keine Romanfigur. Er war ein Meisterverbrecher, der im achtzehnten Jahrhundert gelebt hat, um 1750 herum.«
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