Der Kreis der Sicherheit zeigt uns, dass ein kleines Kind zwei Arten von Bedürfnissen hat: Bedürfnisse nach Geborgenheit und Sicherheit auf der einen Seite und Bedürfnisse, etwas zu erkunden, auf der anderen. Kinder bewegen sich im Verlauf eines Tages viele, viele Male zwischen diesen Bedürfnissen hin und her, doch wir verstehen nicht immer, was sie gerade wollen. Was wir sehen, sind ihre Verhaltensweisen, und wenn wir es mit diesen Verhaltensweisen schwer haben, dann reagieren wir auf sie. Es gibt Etliches, was uns für diese Bedürfnisse blind machen kann, und mithilfe der Landkarte, die Ihnen der Kreis der Sicherheit zur Verfügung stellt, ist es möglich zu erkennen, was hinter den Verhaltensweisen der Kinder steht und was sie von uns brauchen. In Kapitel 3 finden Sie eine Illustration des Kreises und einprägsame Beschreibungen dieser grundlegenden Bedürfnisse, die bei Eltern auf der ganzen Welt auf Resonanz gestoßen sind.
In unserer leistungsorientierten Zeit ist es sehr viel schwieriger, mit einer emotionalen Erfahrung einfach bloß zu sein (sei es unsere eigene oder die eines anderen Menschen), als zu versuchen, eine Antwort und eine schnelle Lösung für das Problem zu finden, das uns Unbehagen bereitet. Für uns als Eltern trifft das allemal zu. (Eine Google-Suche nach „helicopter parents“ („Helikopter-Eltern“ – überfürsorgliche Eltern, deren Erziehungsstil geprägt ist von Überbehütung und Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes, A. d. Ü.) ergab im Jahr 2015 fast sechs Millionen Resultate.) Doch entscheidend für die Entstehung einer sicheren Bindung zu unseren Kindern ist das, was wir „Mit-Sein mit dem Kind“ nennen. Das bedeutet nicht nur, ausreichend physisch anwesend zu sein und zum Beispiel zustimmend da zu sitzen und „Qualitätszeit“ mit unserem Kind zu verbringen, während es in seinem Lieblingsvideospiel Monster vaporisiert oder uns einen lange eingeübten Fußballtrick vorführt. Es bedeutet, eine gemeinsame emotionale Erfahrung zu schaffen, in der das Kind lernt, dass allen Menschen bestimmte wesentliche Gefühle gemeinsam sind (und zugleich auch, dass jeder Mensch seine Gefühle auf ganz einzigartige Art und Weise erlebt). Wenn der Schwerpunkt auf dem „Mit-Sein“ mit ihrem Kind liegt, wird es leichter, denjenigen Bedürfnissen Priorität zu geben, die vor den Augen aller verborgen liegen. Wenn Sie „mit Ihrem Kind sind“, dann unterstützen Sie es dabei, Empathie und zugleich Selbstvertrauen in seine eigene emotionale Kompetenz zu entwickeln, außerdem lernt es mit Ihnen, seine Emotionen zu regulieren und mit schwierigen Gefühlen umzugehen. Kapitel 4 ist dem Thema „Mit-Sein“ gewidmet.
Wenn wir schreiben, Sie hätten bereits alles, was Sie brauchen, um gute Eltern zu sein, wollen wir damit natürlich nicht behaupten, dass Ihre Instinkte immun gegen negative Einflüsse wären oder es keine Störfaktoren in der äußeren Welt gäbe. Wie Ihre Eltern oder andere Bezugspersonen Sie aufzogen hat Ihren eigenen Bindungsstil genauso geprägt, wie Ihre Erziehung den Bindungsstil Ihrer Kinder prägen wird. Das gilt für uns alle, und wir alle haben, je nach Bindungsstil, ein Quäntchen Unsicherheit in Bezug auf bestimmte emotionale Bedürfnisse. Zwar sind Sie sich dieser Einflüsse nicht unbedingt bewusst, da sie in Erinnerungen abgespeichert sind, die in das vorsprachliche Alter zurückreichen, aber erstaunlicherweise hat Ihr Baby ein angeborenes Gespür dafür und versucht möglicherweise, Sie vor unangenehmen Gefühlen zu schützen, indem es so tut, als hätte es bestimmte Bedürfnisse nicht. In diesen Bereichen werden Sie wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, und diese übertragen sich oft auf die nächste Generation. Wenn Sie diese Tendenzen mit Hilfe von Kapitel 5 und 6 an die Oberfläche bringen, können Sie Ihre Kinder und Enkelkinder davor bewahren, dass sie mit den gleichen Aspekten des Elternseins Schwierigkeiten haben werden. Wenn Sie wissen, wie hinter Ihren eigenen Kulissen die Fäden gezogen werden, können Sie sich aktiv dafür entscheiden, Ihrem Kind Sicherheit zu geben.
Viele Menschen, die den Kreis der Sicherheit kennenlernen, stellen fest, dass Ihr neu gewonnenes Verständnis über die wichtige Bindung zwischen Eltern und Kindern bereits das Wesentlichste ist, was sie brauchen, um sich für Sicherheit zu entscheiden. Wenn Stress oder Verwirrung entstehen, ziehen sie einfach ihre mentale Karte des Kreises hervor (oder schauen auf den Ausdruck, den sie sich an den Kühlschrank geheftet haben). Doch manchen Menschen fällt dieser Prozess auch weniger leicht (und wir alle finden ihn zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Situationen schwierig). Diese Menschen sind sich meist bewusst, dass Sicherheit in ihrer eigenen Vergangenheit nicht immer gegeben war. Für sie ist es wichtig, genauer herauszufinden, was ihnen im Wege steht – wobei herauszufinden, was uns im Wege steht, natürlich für uns alle enorm erhellend sein kann. Dieses Interesse zu entwickeln und die verborgenen Alarmglocken zu entdecken, die durch Erfahrungen in unserer eigenen Kindheit ausgelöst werden, ist etwas, worin Sie der zweite Teil des Buches unterstützt. Sie finden darin Fragebögen zur Selbsterkundung und weitere Beschreibungen, wie Bindung in ihren zahlreichen Variationen aussehen kann. Wir stellen Ihnen verschiedene Eltern und Kinder vor, die den so wichtigen Prozess der Bindung von der frühesten Kindheit an bis ins Jugendalter durchlaufen. Sie werden sehen, dass wir alle unsere Schwierigkeiten haben und Fehler machen, und Sie werden sehen, wie wir unsere Fehler wiedergutmachen und unsere Kinder darin unterstützen können, sich gesund zu entwickeln.
Willkommen im Club!
Einmal im Kreis herum
Bindung und die Bedeutung von Sicherheit verstehen
Du glaubst, weil eins und eins zwei ergeben, verstehst du zwei. Aber um das Wesen von zwei wirklich zu begreifen, musst du zuerst das „und“ verstehen.
JALALUDDIN RUMI,
Dichter und Gelehrter aus dem dreizehnten Jahrhundert
Bindung:
Warum sie wichtig ist
In ganz gewöhnlichen Momenten zwischen Eltern und Kindern geschieht etwas durchaus Bemerkenswertes:
Danny wartet auf das aufmunternde Lächeln und Nicken seiner Mutter, bevor er zu den anderen Kindern in den Sandkasten klettert.
Die einjährige Emma beruhigt sich augenblicklich, als ihr Vater sie auf seinen Schoß hebt, obwohl er weiter auf seinem Telefon herumtippt und das kleine Mädchen kaum ansieht.
Jake hört auf, auf seine Spielzeugtrommel einzuschlagen, nachdem seine Mutter nicht länger von ihm verlangt, sie wegzulegen, sondern stattdessen ausruft: „Wow, du hast ja ein tolles Rhythmusgefühl, mein Lieber!“
Momente wie diese sind ebenso alltäglich wie schnell vergessen, meist bleiben sie sogar unbemerkt. Doch was sich den Kindern durch viele solcher kleiner Momente einprägt, ist ausgesprochen tief greifend. Jedes Mal, wenn Sie auf das Bedürfnis des Kindes nach Geborgenheit oder nach Ermutigung eingehen, knüpfen Sie ein Band des Vertrauens. Jedes Mal, wenn Sie dem Kind zeigen, dass Sie verstehen, wie es sich fühlt und was es will, demonstrieren Sie die Kraft einer ursprünglichen Verbundenheit, nach der wir alle uns unserem Wesen nach sehnen. Jedes Mal, wenn Sie Ihr Baby oder Kleinkind darin unterstützen, mit all den unangenehmen Gefühlen und der Frustration umzugehen, die ein neues Menschenkind erlebt, lehren Sie es, seine eigenen Gefühle sowie auch die anderer Menschen zu akzeptieren (sogar die „unschönen“).
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