1 ...6 7 8 10 11 12 ...19 Das Gewitter kündigte sich mit einem schwefelgelben Himmel an, kurz nachdem sich Daskind beim Silberleider für den Tag bedankt hatte und in die Schlafkammer verwiesen wurde. Diesmal ohne Umweg.
Es sah aus, als reiße der Himmel das Maul auf und blecke die Zähne. Ein heiseres, gelbes Gebell war der Himmel über dem Tannsberg, der Wald, in dieses schmutzige Gelb getaucht, schien mit ihm zu brüllen.
Hastig hatten die Männer ihre Milchkannen geleert. Das Lachen der Hüttenmarie fehlte, zu schwer hockte dem Abend das aufkommende Gewitter im Nacken. Als hielte er den Atem an ob dem Gewicht.
Auch dem Kind war’s schwerer und schwerer im Genick. Für Gewitter hatte es den Instinkt der Hunde, die sich schon vor dem Ausbruch in die Hütte, unter den Tisch oder in eine dunkle Ecke verkriechen.
Ein heller Blitz erhellte die Kammer des Kindes, dann geschahen zwei Dinge gleichzeitig. Begleitet von einem gewaltigen, hohen, fast schrillen Donnerknall, der sofort in ein dumpfes Grollen überging, fielen, ohne dass es vorher geregnet hätte, die Hagelkörner. An dem von ihnen auf dem Dach erzeugten und sich sekundenschnell verändernden Ton konnte Daskind die Größe der Hagelkörner erraten. Erst prasselten sie nieder, als schütte der Himmel zu Brei zerstampftes Eis auf die Erde. Das waren die kleinen, für die Landschaft mäßig gefährlichen Körner. Diesen folgten größere, der Ton wurde hart, mit hohlem Klang, eine Musik, die Glasmarmeln auf dünnblättrigem Schiefer erzeugen. Doch schneller im Rhythmus, rasend schnell, Haselnusshagel, der plötzlich als Walnusshagel niederprasselt, wie der dumpfer werdende, um eine Nuance hohler klingende Ton verrät.
In diesem Augenblick hat der Hagelschlag schon großen Schaden angerichtet, die Bauern haben ihre voraussichtlichen Ernteeinbußen grob überschlagen. In den Ställen brüllt angstvoll das Vieh, Kinder, von ihren Müttern im Arm gehalten, weinen.
Daskind, von niemandem in den Arm genommen, weint nicht. Still lauscht es den entfesselten Kräften, schaut mit weit offenen Augen in die grellen Lichtschwaden, die wütend den düstren Raum unterm Dach zerfetzen. Schaut das lichtlose Kind die Lichtschwaden der Blitze, bis es, geblendet, die Augen schließen muss.
Ein weiterer, fürchterlicher Donnerschlag zerreißt dem Kind fast das Trommelfell. Nach einer Schrecksekunde Taubheit hört es das veränderte Aufprallen des Hagels. Eigroße Geschosse prasseln nieder, unterstützt vom orkanartigen Sturmwind fegen sie die Ziegel vom Dach. Von der Michaelskirche dröhnt die Sturmglocke über das Dorf, Männer, die Feuerwehrjacke über dem Kopf, rennen zum Schwanen. Auch Kari Kenel rennt mit. Kann sich nicht um seine Rosen kümmern. Kann nichts für sie tun, ist, wie die andern, eine Marionette an den Fäden des zürnenden Gottes. Ein solches Gewitter schreckt den Bach aus dem Schlaf, wissen sie, und dass manch einem das Haus über dem Kopf angezündet wird, wenn der da oben den Zorn nicht zügelt.
Nun hat das Gewitter seinen Zenit überschritten. Das plätschernde Geräusch des Regens löst das Prasseln des Hagels ab. Still liegt Daskind, hat jetzt ein Immerweh im Genick vom Lauschen. Ist nichts im Kind vom reinigenden Gewitter. Hat das Fluchen des Immergrünen gehört, der nicht in den Schwanen muss und keiner Überschwemmung wehrt. Wo der sich einschleicht, weiß Daskind, brennt immer ein Feuer. Daskind, das nicht zu löschen vermag.
Nachts ist dem Kari Kenel der Tod seiner Rosen unter die Haut gesickert. Müde vom Warten im Schwanen auf weitere Katastrophen hat er den Heimweg unter die Füße genommen, beim Gartentor tief Atem geholt und ist dann mit hölzernen Schritten vor seine Rosensträucher getreten. Die Taschenlampe in der Hand, weil das Licht der Straßenlaterne fehlt. Das muss der Anfang vom Weltuntergang sein, im festgeschriebenen Plan unter Punkt 1 aufgelistet, dass die Rosen sterben in so einer Nacht, einer Gewitternacht, denkt Kari. Geknickt die schlanken Stiele der Katherine Perchtold, deren kupfrig orangene Blütenknospen als unansehnliche, schon bräunlich verfärbte breiige Klumpen im Matsch liegen. Nicht besser steht es um Madame Armand, mit der er voriges Jahr an der internationalen Rosenbörse Bewunderung und Respekt errang. Der Strauch, heillos in den Boden gestampft, liegt in Agonie, es ist Kari, als spüre er den Luftzug auf seinem Gesicht, den Rosenblüten erzeugen, wenn sie ihre Seele aushauchen. Madame Armand, geraniumrot, die großen, gefüllten Blüten mit einem hellen, strahlenden Gelb durchleuchtet, Kari Kenels ganzer Stolz. Er hatte Jahre gebraucht, bis er die anspruchsvolle Dame zur vollen Schönheit erblühen sah. Jahr für Jahr ergänzte er seine Pflege um kleine Tricks, bis sich die Spröde endlich ergab. Sie liebte das ewige Spiel der Annäherung, des Sichzurückziehens, sie liebte den tiefen, orgelnden Ton seiner Stimme und reagierte halsstarrig auf unangemessene Berührungen. Und nun lag sie da, geschändet, tödlich verwundet von der Wucht des Hagels.
Auch Eleonores dunkelgoldene Knospen hatten den Anschlag nicht überstanden, ihr grünes Blätterkleid schwamm zerfetzt in den Wasserlachen. Selbst Caprice, die dankbarste unter Kenels Rosen, würde heuer nicht blühen, würde ihr blendendes Karmin auf dem gelben Blütengrund nicht entfalten. Rettungslos verloren auch Kaiserin Augusta Victoria, eine Schlingrose, deren grünlich weiße Blüten bis spät in den Herbst die Ostwand des Chalets verschönten. Selbst die blütenreichen Zweige der Trauerrose, eine robuste Abart der Blanche Moreau, hatten die Hagelkörner vom schlanken Stamm gerissen. Grotesk ragte ein Teil des Wurzelstocks aus dem Schlamm, der hohe Stamm lehnte am Gartentor, eine zerzauste, müde Königin.
Der stumme Mann vor seinen zerstörten Rosen, das stumme Kind am Fenster der Kammer. Ein Band vom Kind zum stummen Betrachter. Wie Liebe im Hass des Kindes. Spannt den roten Gummi. Ein kleiner Berg grauer Kiesel auf dem Sims. Haben sich vereinzelte Blütenzweige an den kräftigsten Stämmen der Rosen halten können. Große Kräfte sind am Werk, wenn das Kind die Schleuder bedient. Große Kräfte, als der Mann vor der Falbala stehen bleibt, im Lichtkegel der Taschenlampe nach dem Zweig mit der befruchteten Narbe greift. Der Körper des Mannes verwächst mit dem Platz, auf dem er steht, und mit dem Zweig, den kein Hagelkorn getroffen hat. Drei Fixpunkte, aufeinander bezogen, ein Atem, solider Zusammenhang zwischen den Punkten. Daskind fühlt sich nicht ausgespart, nicht jetzt, wenn der Atem ein Atem ist und ums Kind streift, tigersicher im Flug. Der gespannte Arm des Kindes, sanft das Zischen des Steins, ein Gebet im kalten Lächeln des Kindes, abgenabelt vom Leider am Kreuz. Zischt der Stein am Kopf des Mannes vorbei in den Strauch. Flirrt den Zweig mit der befruchteten Narbe aus der Hand des Mannes, schüttelt sich der Mann vor Verwunderung, dreht sich nicht um.
Als Kari Kenel müde zur Eingangstür schlurft, verzerrt schleimiges Dämmerlicht die Nacht. In der Dachkammer steht Daskind noch immer am Fenster. Der Geruch der aufgewühlten Erde liegt in der Luft. Ein süßer, herber Geruch, den Daskind gierig einatmet. Ein Geruch, wie ihn die nassen Flanken eines Raubtiers verbreiten, wenn es durch den Wald gestreift und Blut getrunken hat.
Daskind träumt, dass tief im Gehäuse des Tiers der Stein vom Zweig träumt, der nie mehr blühen wird.
Kellers Kolonialwarenladen lag noch versunken im diesigen Frühlicht, als Kari Kenel unausgeschlafen an der Hausfront vorbeischlich und in Richtung Bahnhof lief. Er begegnete einigen Bauern auf dem Weg zu ihren Feldern und Obstgärten, die sie abschreiten wollten, um den Schaden abzuschätzen, den der Hagelschlag angerichtet hatte. Ein Blitz hatte Schättis alte Buche gespalten, eine hässliche Wunde in den Stamm gebrannt. Die Baumkrone hing verkohlt am Stamm und zeigte wie eine verkrüppelte Hand zur Erde. Schätti stand vor dem Stall und betrachtete bekümmert die jauchedurchtränkten Bretter zu seinen Füßen.
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