18 Damit sind nur einige wenige Stationen im Bemühen der Forschung die Gattung zu konturieren bezeichnet – der sich anschließende Überblick über die Forschungsgeschichte wird vorhandene Definitionsversuche erarbeiten und zugleich die Diskrepanz zwischen einer allgemeinen Vorstellung von der Gattung und den deutlich innovativeren Modellen, welche die literaturwissenschaftliche Forschung anbietet, offen legen. Insgesamt führen die gattungstheoretische Ausweitung sowie die Ausarbeitung neuer Gattungsmodelle nur ansatzweise zu einer differenzierteren Wahrnehmung der Gattung – übertragen auf den deutschsprachigen Raum ist dem Anglo-Amerikanisten Ansgar Nünning zustimmen, wenn er festhält: Bei wenigen Genres dürfte die Diskrepanz zwischen einem intuitiven Vorverständnis von deren Beschaffenheit und einer präzisen Benennung der konstitutiven Merkmale ähnlich groß sein wie beim historischen Roman.19 Bezeichnend ist etwa, wie wenig folgenreich der Begriff der historiografischen Metafiktion für die germanistische Literaturwissenschaft im Gegensatz zur Anglo-Amerikanistik zunächst geblieben ist – zumindest im Hinblick auf seine Bedeutung für den historischen Roman.20 Als Erzählhaltung der (Post-)Moderne findet allein der Terminus der »Metafiktion« in Einzelstudien zum Roman der Gegenwart oder zu spezifischen Autoren Eingang.21 Dem hier entstandenen Nachholbedarf möchte die vorliegende Untersuchung entsprechen, indem sie verschiedene Merkmale einer metafiktionalen wie historiografisch-metafiktionalen Problematisierung exemplarisch an historischen Romanen der Gegenwart nachzuweisen und mit den Ergebnissen aktueller geschichtstheoretischer Diskussionen konstruktiv zu verschränken sucht. Dieser Ansatz schließt zum einen an die eingangs angedeuteten Analogien zwischen geschichtstheoretischen Reflexionen und poetologischen Autorenpositionierungen an. Zum anderen lässt sich der historische Roman grundsätzlich nicht bestimmen, ohne vorab zu klären, was der Begriff des »Historischen« bezeichnet. Zu Recht hält Hugo Aust in seiner Einführung in die Gattung fest: »Wer den historischen Roman charakterisieren will, muß wissen, was Geschichte bedeutet.«22 Hier formuliert Aust, dessen 1994 veröffentlichte Studie der bislang letzten Überblicksdarstellung zur spezifisch deutschsprachigen Gattungstradition entspricht, ein Forschungsdesiderat, das auch seine Einführung nicht zu schließen vermag. Zahlreiche Studien zur Gattung entbehren einer Auseinandersetzung mit geschichtstheoretischen Diskursen, mithin dem Begriff der Geschichte selbst, der sich im diachronen Verlauf entscheidend ändert und spätestens in der Gegenwart ebenso schwierig zu bestimmen ist wie die Gattung des historischen Romans. Aufgabe der vorliegenden Untersuchung ist es somit, den Geschichtsbegriff in seiner gegenwärtigen (mit Hölscher) »Bruchhaftigkeit« kenntlich zu machen und die geschichtstheoretischen Diskussionen, die ihn im Lauf der Zeit, insbesondere mit Ausbreitung des linguistic turnim 20. Jahrhundert prägen, nachzuzeichnen. Die Argumentation lässt sich von der Prämisse leiten, dass Historiografie und Literatur im Zeichen der Narration nicht erst im 20. Jahrhundert in ein Konkurrenzverhältnis treten: Bereits die Ausdifferenzierung eines wissenschaftlich begründeten Geschichtsbegriffes im ausgehenden 18. Jahrhundert ist gekoppelt an das Ringen um die Unterscheidung zwischen historisch-fiktionalem und historisch-wissenschaftlichem Schreiben, zwischen Dichter und Historiker. Schließlich erweist sich erst die Herausbildung eines autonomen Geschichtsbildes und Geschichtsbewusstseins zu Beginn des 19. Jahrhunderts als eine der grundlegenden Voraussetzungen für die Entstehung der Gattung. Vor diesem Hintergrund strebt der erste Teil der Studie die kritische Auseinandersetzung mit einem zwischen Fiktion und Fakten changierenden Geschichtsbegriff im diachronen Verlauf an, mit besonderem Schwerpunkt auf die radikalen Erschütterungen, denen er im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert unterworfen ist. Der sich anschließende zweite Teil der Untersuchung gilt der Analyse historisch-fiktionaler Gegenwartstexte und orientiert sich in seiner Argumentation an den Ergebnissen der vorab erarbeiteten geschichtswissenschaftlichen Positionen, die den Geschichtsbegriff der Gegenwart grundieren. Wie diesen ist literarischen Geschichtsdarstellungen eine autoreflexive Problematisierung historischen Erzählens und die Dekonstruktion der eigenen erzählerischen Zuverlässigkeit konstitutiv eingeschrieben. Die literarische Konstruktion ( doing) wie Dekonstruktion ( undoing) der Geschichte durch fiktive Geschichten ist dabei keineswegs nur an traditionelle ästhetische oder narratologische Fragen (Literarizität, Textualität und Narrativität der Geschichte) gebunden: Die Texte öffnen sich gerade für eine Lektüre vor dem Hintergrund jüngster Erkenntnisse der Neurowissenschaft und der kognitiven Psychologie (Gedächtnis und Geschichte, ›false memory debate‹), der Psychotraumatologie (Geschichte, Literatur und Trauma) sowie der Medientheorie (Medialität der Geschichte). Indem sich die Studie mit literarischen Texten nach 1989 auseinandersetzt, sucht sie ein Forschungsdesiderat anzugehen, das im Hinblick auf die deutschsprachige historisch-fiktionale Literatur der Gegenwart auffällt und sich zudem im Widerspruch mit der gleichzeitigen Hochkonjunktur entsprechender Texte befindet. Bis ins 20. Jahrhundert hinein ist der historische Roman recht gut erforscht – im Kontext der unmittelbaren Gegenwartsliteratur wird die Gattung jenseits exemplarischer Einzelanalysen oder komparatistischer Studien deutlich weniger berücksichtigt. Aus diesem Grund versteht sich die vorliegende Studie als Überblicksstudie zur Gegenwartsliteratur und will signifikante Tendenzen historisch-fiktionalen Schreibens bewusst nicht über ein Nacheinander von Einzelanalysen, sondern ein Nebeneinander erzählstruktureller Auffälligkeiten erarbeiten. Der grundsätzliche Aufbau der Untersuchung gliedert sich nicht über die berücksichtigten Primärtexte, sondern jene Merkmale historisch-fiktionalen Erzählens, die als repräsentativ für die Gegenwartsliteratur erachtet und an unterschiedlichsten Texten bzw. Textsegmenten nachgewiesen werden. Gleichwohl wird jedes Kapitel im zweiten Teil der Studie mit einer exemplarischen Analyse beschlossen, welche die im jeweiligen Kapitel erarbeiteten literarischen Verfahren im Kontext einer Gesamtlektüre paradigmatischer Texte sichtbar macht. 1.1 Der historische und der ›andere‹ historische Roman: Ein Forschungsüberblick Die anglistische wie amerikanistische Forschung übertrifft in Bezug auf den historischen Roman die germanistische Literaturwissenschaft an Qualität und Quantität der diesbezüglich erschienenen Arbeiten deutlich: Daher wird im Folgenden auf jene Werke der angloamerikanischen Forschung Bezug genommen, die für signifikante Zäsuren innerhalb der Gattungsforschung gesorgt haben. Diese komparatistische Ausweitung ist grundsätzlich nur unter Vorbehalt möglich, da die in den jeweiligen Werken profilierte Gattungsdefinition auf Texte rekurriert, die sich dem Gegenstandsbereich der germanistischen Literaturwissenschaft nicht nur entziehen, sondern auch eigenen, spezifischen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Auf den Einbezug dieses wichtigen Forschungssegmentes ganz zu verzichten, wie etwa Aust in seiner Studie zum historischen Roman, bleibt dennoch problematisch.1 Gerade angesichts der sowohl gattungstheoretisch wie -historisch insgesamt unzureichenden Forschungslage lassen sich die angloamerikanischen Forschungsbeiträge nicht ignorieren. Vielmehr bilden sie konstruktive Versuche, den historischen Roman zu definieren und in seinen neuen Akzenten sichtbar zu machen. Hans Vilmar Geppert, der 2009 die bislang aktuellste Übersichtsstudie zur Gattung vorlegt, zollt diesem besonderen Umstand Rechnung und liefert einen komparatistischen Überblick, der nicht nur die internationale Forschungsliteratur, sondern Primärtexte der Weltliteratur aus den letzten zwei Jahrhunderten berücksichtigt.
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