Den Rest der Nacht verbrachte David in einem alten Sessel, da es kein zweites Bett im kleinen Hinterhaus gab. Die Frau steht zwischen acht und neun in Wehrmachtsuniform vor ihm und sagt, dass in der Küche das Frühstück auf ihn warte, das aus zwei Scheiben Graubrot beschmiert mit Margarine und mit Rübenmarmelade besteht, zu dem es eine Tasse warmen Getreidekaffee der Marke Kathreiner gibt. Die Frau sagt, dass er vorher die Toilette benutzen und mit der gefüllten Wasserkanne spülen soll, um das Spülgeräusch bei der Entleerung und Füllung des Wasserbehälters zu vermeiden. Zum Zähneputzen könne David ihre Zahnpasta gebrauchen aber nicht ihre Zahnbürste benutzen, die sollte er mit dem Zeigefinger ersetzen, der mit der Zahnpasta über die Zähne fährt und reibt. Gesicht und Oberkörper könne er über dem Waschbecken waschen, wozu er ihre Kernseife benutzen könne. Das Wasser kommt kalt aus dem Wasserhahn, da sie sich, wie die meisten Menschen der Zeit, das warme Wasser nicht leisten könne. Ein kleines Handtuch zum Abtrocknen hänge neben dem Waschbecken.
Die Frau in Uniform sagt noch, dass sie gegen halb neun das Haus verlassen müsse, um pünktlich bei der Arbeit zu sein. David soll sich während ihrer Abwesenheit ruhig im Haus verhalten, dessen Fenster mit der Gardine zugezogen sind und die Haustür abgeschlossen ist. Er soll die Vorsichtsmaßnahmen unbedingt einhalten, um jeglichem Verdacht einer zweiten Person im kleinen Hinterhaus entgegenzuwirken, denn bei Nichtbeachtung stehe ihr und sein Leben unweigerlich auf dem Spiel, denn die Straßen- und Häuserkontrollen sind strikt und unbarmherzig. Sie werde gegen Abend von der Arbeit zurückkommen und ihm das Abendessen bereiten. „Für den Mittag habe ich dir zwei Brotscheiben mit Margarine und Rübenmarmelade auf einem Teller auf die Anrichte neben den Küchentisch gestellt“, sagt die Frau kurz vor halb neun und verlässt in Uniform das Haus und verschließt die Eingangstür.
Für David ist es eine riesengroße Herausforderung, die Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten, wobei er sich in einem völlig fremden Haus aufhält, in dem er sich nicht auskennt. Zum Vorteil ist die Kleinheit des Hauses mit der selbst für ein Kind auffälligen Einfachheit der Einrichtung, die ihm leichter machen, sich mit den Gegebenheiten vertraut zu machen. Er tut die Zahnpasta auf den rechten Zeigefinger und fährt mit diesem Finger über die Zähne. Das Reiben des Fingers ist über der Außenseite der Zahnreihen leicht, über der Innenseite der Zahnreihen aber nur schwer möglich, dass er die Reibeprozedur bald abbricht. Das Waschen des Gesichtes und des Oberkörpers mit kaltem Wasser macht ihm dagegen keine Schwierigkeit, war das Wasser zum Waschen von Gesicht und Körper zu Hause doch auch nur kalt.
In dem kleinen Handtuch, das rechts neben dem Waschenbecken hängt, trocknet er sich ab, fährt sich mit den Fingern als Kammersatz durch die Haare und zieht sich im kleinen Hinterzimmer neben dem alten Sessel als Bettersatz die Sachen an, die nach der Fahrt- und Gehprozedur des Vortages fleckig verdreckt ist. An der Hose gibt es sogar einen Riss von Zentimeterlänge. David geht in die kleine Küche und nimmt das Frühstück aus zwei Brotscheiben mit Margarine und Rübernmarmelade ein. Der warme Getreidkaffee der Marke Kathreiner sagt ihm am meisten zu. Er hält die halb leer getrunkene Tasse in den Händen, als er versucht, mit seinen Eltern den telepathischen Kontakt aufzunehmen. In sich hinein ruft er die Namen seines Vater und seiner Mutter, was nach draußen abgeschirmt sein musste, um keinen Verdacht mit der angeketteten Lebensgefahr aufkommen zu lassen. So ruft David mit größtem Verlangen die Namen seiner Eltern in sich hinein, aber er bekommt keine Antwort, wie er sie so leicht in seinem Ruftraum im abgedunkelten und verschlossenen Zimmer im Bahnhof bekommen hatte.
Es füllt ihn mit Angst und größter Sorge, dass die Kommunikation mit seinen Eltern abgebrochen ist, bis sich beim xten Mal der Wiederholung des Rufes von ganz weit weg eine Stimme hörbar macht, die die Stimme seiner Mutter war und dem Sohn mitteilte, dass der Zug dort angekommen war, wohin er mit den vielen überfüllten Waggons die Menschen zu fahren hatte. „Wo bist du, und wo ist Vater?“, ruft David laut in sich hinein, was von draußen nicht zu hören war. Mutters Stimme beginnt zu schwanken, als sie sagt, dass sie und der Vater getrennt seien, nachdem sie aus dem Waggon ausgestiegen waren. „Was sagst du?“, schrie David aufgeregt in sich hinein. Im Schwanken wird Mutters Stimme immer leiser und erlischt, ohne die Frage zu beantworten, wo der Zug sie und den Vater hingefahren hat. Es ist auch das letzte Mal, dass David einen Sprechkontakt mit der Mutter herstellen konnte. Was sich hinter dem Erlöschen von Mutters Stimme noch alles tun sollte und dem Kind gegenüber verschwiegen wird, das kann der kleine David in seinem kindlichen Glauben an das Gute im Menschen nicht einmal ahnen.
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