„Mein Herr, haben Sie denn eine Referenz? Wer hat sie uns denn empfohlen?“ Paul erwähne ich besser nicht. Wenn der ein Problem hat, dann kann das ja auch mit dem Klub zusammenhängen: „Leon, Leon hat mich empfohlen!“
Sie nicken sich nur kurz zu: „Okay, wenden Sie sich bitte an Veronika, die nimmt alles auf! Krawattenzwang, sie können bei Monika für 30 Euro eine kaufen!“
An Monika kommt man ohnehin nicht vorbei, sie steht an der Rezeption, die wohl gleichzeitig eine Art Garderobe ist. Wieder das gleiche Spiel: „Guten Abend. Darf ich bitte ihren Ausweis sehen und die Kings‑Credits‑Card einlesen?“ Das wird ja immer besser! Aber wenn ich schon an den Türstehern vorbeigekommen bin, werde ich Monika auch noch schaffen. Auf meine Frage, was denn diese „Kings-Credits-Card“ sei, bekomme ich nur die Antwort: „Veronika wird Ihnen alles erklären!“
„Strengstes Jugendverbot, Eintritt ab 18 Jahren!“, das Schild an der Tür zum Klubraum ist nicht zu übersehen.
Die Musik ist gediegen, klassisches Orchester leise im Hintergrund. So etwas habe ich bislang in keinem Klub gehört, es ist jedenfalls nicht zum Tanzen geeignet. Sophia und Paul sehe ich auch nirgends. Das Publikum: Alle Altersklassen zwischen 18 bis zu 60 Jahren tummelt sich hier, sind zumeist in Gesprächen verwickelt. Gehobene Garderobe, selbst einige Jüngere, die ich fast noch für Schüler halte, sehe ich mit Anzug und Krawatte. Die Frauen tragen entweder das „kleine Schwarze“ oder Minirock mit Edelbluse, einige zusätzlich mit Blazer, jedoch alle mit Heels, sehr hoch. Da falle ich mit meinem Straßenjackett und der unpassenden Krawatte fast unangenehm auf. Ich war ja auch nicht vorbereitet. Ich sehe jedoch nichts, was unserer Sophia hier irgendwie gefährlich werden könnte. Jetzt fällt mir doch noch etwas auf: Alle tragen Namensschilder und darauf noch etwas, das wie ein Farbcode aussieht. Manche haben lediglich zwei verschiedenfarbige Punkte, ich sehe aber auch einige mit drei oder noch mehr Punkten. Viele der älteren Männer tragen jedoch nur das Namensschild mit einem Vornamen und bedienen im Gespräch mit den Frauen eifrig ihre Smartphones. Eine Frau flüstert einem Mann etwas ins Ohr, ich sehe diesen dann wie zur Bestätigung freundlich nicken.
Das ist doch hier hoffentlich kein Puff?
Nein, Sophia würde bestimmt nicht in so etwas hineingehen und Paul sah auch nicht so aus ...
„Guten Abend! Sergej hat mich schon informiert. Sie kommen von Leon und wollen beitreten?“, das muss Veronika sein, die von der exklusiv ausgestatteten Bar auf mich zukommt. Ihre Hand ist warm, ihr Dekolleté atemberaubend, und was darunter zu erahnen ist, erschlagend. „Hat Leon ihnen schon im Detail erklärt, wie es weitergeht? Das Wichtigste aber ist: Suchen Sie selbst eine Partnerin oder möchten Sie eine Partnerin vermitteln? Oder geht es um einen Mann? Wir sind hier sehr flexibel, müssen Sie wissen!“, wir sitzen an einem riesigen Mahagonischreibtisch in ihrem Büro. PC, die Monitore mehrerer Überwachungskameras, die allerdings von meinem Platz aus nicht einsehbar sind, alles wirkt sehr professionell. Auf Ihre Frage antworte ich nur mit einem Lächeln, die Antwort kann ja entscheidend sein!
„Ja, Leon hat mir einiges erzählt, aber ich habe auch nicht alles verstanden. Am besten ist es, Sie fangen ganz von vorne an!“, puh, nur keinen Fehler machen. Hoffentlich taucht jetzt nicht plötzlich dieser Leon, den ich überhaupt nicht kenne, auf.
„Also gut, fangen wir mal mit den Papieren an. Ihren Personalausweis benötige ich bitte. Während ich den Vertrag vorbereite, lesen sie sich bitte den Dresscode, den Haftungsausschluss, die Klageverzichterklärung mit Geheimhaltung und die allgemeinen Geschäftsbedingungen durch. Bitte jeweils rechts unten unterschreiben!“, lächelnd reicht sie mir einen kleinen Stapel Formulare über den Schreibtisch.
Ach du lieber Schreck, sechs Seiten Kleingedrucktes! Obwohl ich in meiner Firma genügend Erfahrungen mit Verträgen habe, frage ich mich, wieso das für einen Klub nötig sein soll? Aber jetzt bin ich schon mal hier und will auch unbedingt wissen, was es denn nun Geheimnisvolles damit auf sich hat.
„Tom, Sie haben hier noch nicht angekreuzt, ob Sie eine Partnerin suchen oder der Vermittler sind!“, sie sieht mich fragend an, ich ebenso zurück: „Also, ich erkläre Ihnen das einmal: Eine Partnerin suchen bedeutet 5000 Euro Aufnahmegebühr. Die Kings-Credit-Card muss dann mit mindestens 10.000 Euro aufgeladen werden. Das Geld benötige ich dann auch sofort cash!“
„Partnerin vermitteln! Klar doch, ich bin der Vermittler!“, da weiß ich zwar auch nicht, was das bedeutet. Aber das mit den hohen Gebühren kommt ja wohl überhaupt nicht infrage, jedenfalls für mich nicht. Dieser Paul hat das mit Sicherheit auch nicht gewählt.
„Sehr gut, Tom. In Kurzform erkläre ich noch einmal unser Geschäftskonzept: Wir sind eine Eventagentur für Partnersuchende mit ‚besonderen Interessen‘ und kurz- bis mittelfristigen Beziehungsabsichten. Wir treten dabei nicht als Vermittler auf. Der Vermittler sind Sie und Sie vermitteln Ihre Partnerin an einen Interessenten. Wir stellen dabei lediglich die Räumlichkeiten, das Ambiente und die Rahmenbedingungen zur Verfügung. Weiterhin achten wir darauf, dass die vertraglich zugesicherten Interessen auch ‚nachhaltig‘ sind, wenn ich das einmal so ausdrücken darf. Einige Partner oder Partnerinnen haben Sie ja schon in der Kings‑Lounge gesehen, die mit den Punkten auf dem Namenskärtchen. Diese Punkte weisen ihre Interessen und Vorlieben aus.
Bei uns soll jedoch hauptsächlich der Kitzel des Pokerspiels im Vordergrund stehen, verbunden mit dem Anreiz, hier um bestimmte Vermittlungspakete zu spielen, die, nun ich sage das mal so, einen sehr hohen Unterhaltungswert bieten. Sie spielen immer mit einem Gast, der Interesse an den speziellen Vorlieben Ihre Partnerin hat und sie von Ihnen vermittelt haben möchte.
Unsere Anwälte haben das Rechtliche durchgecheckt. Sie brauchen sich also keine Sorgen zu machen, alles ist absolut legal. Es wird ja auch nicht um Geld gespielt, sondern um eine Partnervermittlung. Jeder Spieler bekommt Anteile für Vermittlungen in die Hand, das sind die 10.000 Credits, die Sie allerdings von uns nur als Vermittlungsvorschuss erhalten. Die Spieler dürfen das Spiel nach jeder Runde beenden.
Ich erkläre Ihnen kurz die Einsätze für das Spiel:
Der Gewinn ihres Gegenspielers ist die kostenlose Vermittlung ihrer Partnerin, deren Wert Sie aus der Tabelle mit den Vermittlungsgebühren entnehmen können. Sein Guthaben bleibt dann für weitere Spiele bestehen. Bei Ihnen wird somit die verlorene Vermittlung fällig, Ihr Vorschuss reduziert sich um den Einsatz.
Gewinnen Sie, vermitteln Sie dem Verlierer das Vermittlungspaket V0, eine Umarmung und einen Abschiedskuss ihrer Partnerin. Dafür kassieren Sie den vollen Einsatz als Vermittlungsgebühr. Das kann zwar ein teurer Kuss werden, aber rein rechtlich haben Sie Ihre Vermittlungstätigkeit damit ausgeführt und die Kosten dafür waren ja in der Tabelle aufgeführt.
Die gewonnene Vermittlungsgebühr dürfen Sie sich jederzeit 1:1 in Euro auszahlen lassen oder Sie können auch mit den Credits weiterspielen.
Wir haben hier schon einige Pärchen mit 20.000 Euro Vermittlungsgebühr herausgehen sehen, ohne dass sie, außer einigen Abschiedsküsschen, irgendwelche Partnerschaften eingehen mussten.
Wir haben hier auch einige Damen und Herren, die vermitteln sich sogar selbst und müssen dann natürlich um ihre eigene Vermittlung pokern. Aber der Vorteil liegt auf der Hand: Sie können hier hohe Vermittlungsprovisionen für eine Umarmung gewinnen, ohne selbst einen einzigen eigenen Euro eingesetzt zu haben. Die steuerlichen Belange Ihrer Vermittlungstätigkeit klären Sie bitte mit Ihrem Steuerberater.
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