Wechselt ins Badezimmer.
>> Das ist echt verrückt. Ich lernte sie kennen, da war ich elf. Aber ich kann mir denken, dass sie schon viel länger in mir schlummert, nur habe ich es vorher nie so richtig gemerkt. Das läuft folgendermaßen: Manchmal schließe ich die Augen und es passiert etwas Seltsames. Zunächst kommt es mir wie ein Traum vor, aber später merke ich, es ist die Realität. Vor meinem inneren Auge spielen sich Handlungen ab, als würde ich etwas zeichnen. Anfangs kann es niemand außer mir sehen, aber sobald der Gedanke vollendet ist, tritt das Bild, welches einst nur in meinem Kopf existierte, plötzlich vor allen Anwesenden auf. Ich kann es nicht zügeln, es geschieht einfach. Wenn ich einmal mit einer Zeichnung angefangen habe, kann ich nichts mehr dagegen unternehmen und stehe nur so da--- wie gelähmt. Weil ich nicht weiß, wie gefährlich diese Eigenart für meine Mitmenschen werden könnte, verlasse ich kaum das Grundstück. Das ist eigentlich auch nicht nötig, denn ich habe hier alles, was ich brauche: Ich werde zu Hause unterrichtet, unser Garten ist groß wie eine Parkanlage, -inklusive eines Springbrunnens, auf der Dachterrasse haben wir noch einen Pool und die Einkäufe erledigt meine Mom. Von meinen Fähigkeiten wissen außer mir nur zwei Personen: Meine Mutter und mein Heimlehrer, Bairre O´Neill. Ihm wollte ich eigentlich gar nichts davon erzählen, aber er hatte so oft nachgehakt, da habe ich mich ihm doch anvertraut. Und dann stellte sich heraus, dass auch er diese Gabe in sich trägt. Wahrscheinlich konnte er deshalb auch vermuten, dass ich seines Gleichen bin. Seitdem er es weiß, hilft er mir dabei zu versuchen, sie zu kontrollieren. Nun sind es schon zwei, die die Wirklichkeit neu definieren. <<
Schmiert sich Zahnpasta auf seine Zahnbürste. Putzt sich die Zähne. Spuckt den verflüssigten Schaum ins Waschbecken und spült sich den Mund aus.
>> Da ich das Haus so gut wie nie verlasse, habe ich hier in der Stadt bloß eine Freundin, Lena Marano. Auch sie ist anders, was mit einer tragischen Geschichte zusammenhängt. Vor ein paar Jahren starb ihr Vater bei einem Autounfall… Kurze Zeit später kam es für sie noch schlimmer: Wie aus dem Nichts konnte sie ihre Beine nicht mehr spüren. Bis heute sitzt sie im Rollstuhl und hofft, endlich wieder Gefühl in jene zu bekommen. Sie tut mir wirklich leid. Ich könnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was eine solche Umstellung für einen Menschen bedeutet. <<
Verlässt das Badezimmer. Geht nach unten in die Küche.
Hey, Steve. Wenn heute alles gut funktionieren sollte, ich meine so ganz ohne Pannen, dann könnten wir ja mal zusammen ins Kino gehen oder irgendwas in der Art. Und wenn Lucas lernt, sich zu benehmen, dann wird er auch mitkommen dürfen.
Klingt echt super!
Nicht wahr?
Hört eine Tür sich öffnen. Lucas kommt die Treppe hinunter. Macht einen gelangweilten Eindruck.
Guten Morgen, Lucas. Wir haben gerade von Dir gesprochen.
Bewegt sich, ohne auf Bukus Aussage einzugehen, in Richtung Kühlschrank.
Hi, Lucas.
Hey, Steve.
Öffnet die Kühlschranktür.
Lucas? -Ich erwarte immer noch eine Antwort auf die Sache mit Deinem Mitschüler.
Haben wir denn nichts mehr von den Käseschnittchen?
Was ist da vorgefallen?
Könntest Du mir bitte meine Frage beantworten?
Wie wäre es, wenn Du mir zunächst einmal auf meine Frage eine vernünftige Antwort geben würdest?
Was soll`s, dann eben `n Apfel.
Schnappt sich benannte Frucht aus der Obstschale und geht wieder nach oben.
Wenn Du schon raufgehst, dann mach´ wenigstens Deine Hausaufgaben für nächste Woche fertig.
Heute ist Samstag.
Irgendwann musst Du sie sowieso erledigen!
Ja, ja.
Knallt die Türe seines Zimmers zu.
Ich werde wohl nie zu ihm vordringen, egal wie sehr ich mich auch bemühe.
Gib Dir nicht die Schuld, Mom. Er braucht eben doch etwas länger Zeit, um sich an alles Neue zu gewöhnen. Das kann gerne auch mal mehr als drei Jahre in Anspruch nehmen.
Wahrscheinlich hast Du Recht. Eigentlich sollte ich Dir eine Stütze sein. Stattdessen stärkst Du mir den Rücken. Und ich sollte nicht nachgeben dürfen, wenn ich eine gute Mutter sein will.
In einer Familie ist jeder für jeden da. Und stell Dir mal vor: Wir sind alle nur Menschen.
Ha, frag mal, wie das andere Eltern hinkriegen. Auch die mögen mal verzweifeln, aber was ist, wenn tatsächlich die Adoption selbst das Problem ist? –Wenn mir wirklich die emotionale Bindung fehlte?
Hey, das ist doch Unsinn. Du liebst ihn doch, oder?
Natürlich. Ich liebe Euch alle zwei. Aber das meine ich ja gar nicht.
Schon klar. Aber auch er wird einen Schritt auf Dich zugehen müssen. Nur wenn er sich drauf einlässt, wird es so werden können, wie wir`s uns wünschen.
Ich hoffe, dass es so wird.
Vertrau mir! ---Wenn Du mich jetzt entschuldigst: Ich muss nochmal nach oben, ein paar Aufgaben erledigen, die mir Mr. O´Neill für Montag aufgegeben hat.
Wenigstens einer, der seinen Verpflichtungen nachgeht. Für welches Fach?
Physik.
Mm. Physik war nie so mein Ding in der Schule.
Dafür bist Du eine tolle Zeichnerin. Und eine fantastische Fotografin. Karriere hättest Du also genauso gut mit Grafikdesign oder etwas Ähnlichem machen können.
Du bist aber auch sehr talentiert, was das angeht.
Siehst Du? Man könnte meinen, dass wir verwandt seien.
Geht zurück auf sein Zimmer.
Viel Spaß beim Aufgabenlösen!
Werde ich haben.
Kapitel 2: Neue Bekanntschaft?
Ein blauer BMW fährt die Einfahrt rauf direkt vor die Haustüre. Buku scheint der Wagen bekannt und so öffnet sie prompt. Ein schlanker Mann mit Vollbart steigt aus dem Auto. Greift flink nach einem Blumenstrauß, den er wohl vorhin auf die Rückbank gelegt hatte.
Edoardo. Was führt Dich hierher?
Nun, ich war gerade auf dem Weg zur Arbeit und dachte mir, ich bringe Dir noch ein paar hübsche Blumen vorbei.
Oh, ---vielen Dank.
Nervös. Nimmt den Blumenstrauß entgegen.
>> Tja. Der Typ, der da unten bei meiner Mutter steht, ist Edoardo, ein großer Verehrer von ihr. Meine Mom hat Lucas und mir noch nichts von ihm erzählt. Könnte daran liegen, dass sie nur ungerne eine Beziehung pflegen möchte. Deshalb hält sie ihre Freundschaft zu Edoardo noch geheim, damit wir Kids nicht zu viel hineininterpretieren. Na gut, sie versucht es zumindest geheim zu halten. Aber so oft, wie der Typ bei uns aufläuft, ist es ja kein Wunder, dass Lucas und ich längst Bescheid wissen. Irgendwann wird sie rufen:
„Lucas, Steve! Kommt mal runter! Ich will Euch jemanden vorstellen.“
Lucas und ich täten dann so, als ob wir von nichts wüssten und dann wird Mom mit Begeisterung sagen:
„Das ist Edoardo, Euer zukünftiger Vater… denn ich werde ihn heiraten!“
Ok. Das dann vielleicht auch nicht. Aber der Rest wäre denkbar. <<
Na ja, ich würde Dich ja normalerweise reinbitten, aber Du sagtest ja, dass Du gleich zur Arbeit müsstest, also…
Oh nein, kein Problem. Ich muss jetzt tatsächlich los. Ich wollte auch nur wissen, ob ich Dich morgen zu einem Essen bei mir zu Hause abholen soll.
K-Klar.
Zögerlich.
Fein. Ich käme so um achtzehn Uhr bei Dir vorbei.
In Ordnung.
Dann bis morgen.
Dir noch einen schönen Arbeitstag!
Winkt ihm.
Fährt die Einfahrt raus, winkt zurück und brettert mit überhöhter Geschwindigkeit davon.
Was war das denn gerade?- Als ob ich gar nicht wollte, dass er reinkommt.
Schließt die Haustür.
>> Edoardo leitet eine Autofirma. Aber das Geld ist mit Sicherheit nicht der Grund, warum meine Mom ihn begehrt. Sie schwärmt eben besonders für Italiener. <<
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