Nach einer kurzen Vorstellung führte Laura ihren Rundgang fort und Tahsin war sofort wieder ganz bei der Sache. Im Gegensatz zu Zach, der dem Mädchen hin und wieder einen verstohlenen Blick zuwarf. Megan begleitete sie schweigend und hörte der Wissenschaftlerin vielleicht zum ersten Mal aufmerksam zu, was an sich eine Sensation war, denn normalerweise nörgelte sie lautstark über die Hitze und was sie in dieser „Einöde“ eigentlich wollten. Jeden einzelnen der vergangenen Tage hatte sie um diese Zeit auf ihrem Lager im kleineren Schlafzelt der Anlage gelegen, in irgendein romantisches Buch vertieft, mit ihren Kopfhörern in den Ohren, und wünschte sich weit weg. Nun hoffte sie durch die Besucher auf eine willkommene Abwechslung.
Zu Lauras eigener Überraschung dauerte die ganze Tour fast eine Stunde, was am ehrlichen Interesse ihrer Zuhörer lag. Als sie endlich zum Hauptzelt zurückkamen, sah Alan Woodson-Drake von seinem Schreibtisch auf. Bevor die Wissenschaftlerin es verhindern konnte, kommentierte er ungehalten: „Was machen die immer noch hier? Laura, ich hab Ihnen doch gesagt, wir können keinen von denen hier brauchen!“
Er stand auf und wollte seinen Unmut den Besuchern diesmal persönlich zum Ausdruck bringen, als er Tahsins Blick auffing. Unsicher hielt er inne. Laura sah erstaunt von einem zum anderen. Der gerade noch höflich mit Megan Flirtende war wie ausgewechselt. Mit erhobenem Haupt fixierte Tahsin stolz den Professor. Fast ein wenig arrogant strahlte er dabei so viel Autorität aus, dass es kein Wunder war, dass der Engländer überrascht seinen Plan, den „Bengeln“ die Leviten zu lesen, aufgab.
Der Bann wurde gebrochen durch Megan, die ihrem Vater entrüstet seine Unhöflichkeit vorwarf. „Schon gut“, murmelte Alan daraufhin und setzte sich immerhin wieder auf seinen Stuhl. Trotzdem musterte er weiterhin Tahsin, der davon unbeeindruckt Megan wieder dieses erotische Lächeln zukommen ließ, weil sie sich für ihn eingesetzt hatte. Nicht, dass er diese Hilfe benötigt hätte, aber er fand doch, dass es eine nette Geste war.
Leger fischte er sein Handy aus seiner Hosentasche, wählte eine Nummer und sagte knapp auf Arabisch: „Ihr könnt uns jetzt abholen!“ Dann legte er auf und steckte das Gerät wieder weg. Außer Zach verstand nur Laura die Worte, doch war jedem der Anwesenden aus dem Tonfall heraus klar, dass dies keine höfliche Bitte, sondern ein Befehl gewesen war.
Bereits wenige Minuten später fuhren zwei große Land Rover Defender vor der Abgrenzung der Ausgrabungen vor. Mehrere Männer sprangen heraus. Alleine anhand ihrer Kleidung war erkennbar, dass es sich um zwei Kategorien von Personen handelte: Die in Schwarz Gekleideten trugen Waffen und ihre aufmerksame Haltung und das misstrauische Mustern der Umgebung wiesen sie als Sicherheitskräfte aus. Ihre Bewegungen waren aufeinander abgestimmt . Zudem hielten sie ihre Waffen mit genau der richtigen Mischung aus Lockerheit und Ernst, die sie als Profis markierte.
Drei weitere Männer folgten, die jeweils schlichte, weiße Gewänder trugen, ganz ähnlich denen, wie sie auch Tahsin und Zach anhatten. Ihr anmutiges, aber eher zurückhaltendes Verhalten ließ darauf schließen, dass diese Männer Bedienstete waren.
„Verdammt, der Scheich ist angekommen! Der Kerl ist viel zu früh“, fuhr es Alan durch den Kopf. Er reckte den Hals, um zu sehen, wer sich noch in dem Wagen befand, doch er konnte niemanden erkennen. Vor lauter Überraschung vergaß er komplett, sich über den Staub zu beklagen, der dank der nahe herangefahrenen Wagen nun in der Luft hing. Immerhin hatte der Professor noch genügend Geistesgegenwart, das Artefakt, an dem er den ganzen Morgen gearbeitet hatte, in das Tuch einzuschlagen, das er sorgfältig darunter ausgebreitet hatte, um es zu schützen.
Ohne die englischen Wissenschaftler weiter zu beachten, ging Tahsin auf die Gruppe bei den Fahrzeugen zu. Zach folgte ihm dichtauf. Mit offenem Mund verfolgten Laura und Megan, wie sich drei Diener erst ehrfürchtig vor ihrem neuen Bekannten verneigten, dann brachte der Erste eine Schüssel zum Vorschein, der Zweite einen Krug Wasser. Nachdem sich Tahsin gelassen, als hätte er diese Art von Zeremonie schon hundertmal gemacht, Gesicht und die Hände gewaschen hatte, kam der Dritte mit einem Handtuch zum Einsatz. Der erste Mann beeilte sich daraufhin, seinem Herrn in ein Gewand zu helfen, das er wie eine Art Mantel über seine Kleidung zog. Es war ein dunkelblauer Stoff, der am Kragen und den Ärmeln reich bestickt war. Die Verzierungen wirkten protzig und ließen keinen Zweifel an der hochrangigen Stellung des Trägers. Weiterhin legten die Diener Tahsin nun einen ebenfalls reich bestickten Gürtel an, der ein weiteres Statement für seinen Stand war.
Nachdem alle Anwesenden auf den jungen Scheich starrten, bemerkte kaum jemand, dass auch Zach sein Outfit veränderte. Er zog eine pechschwarze Weste an und schnallte sich einen breiten Gurt um, an dem auf der einen Seite ein Dolch in einer Halterung steckte, auf der anderen war ein Holster inklusive der dazu passenden Pistole befestigt. Von freundlich-unscheinbar verwandelten ihn diese Accessoires in Sekunden in latent-gefährlich.
Mit einer Handbewegung gab Tahsin den Dienern zu verstehen, dass ihre Dienste nun erst einmal nicht mehr notwendig waren. Eifrig verneigten alle drei sich und zogen sich in den Hintergrund zurück. Rayans Sohn unterdrückte ein Grinsen, als er sich wieder den Engländern zuwandte. Die ganze Szene hatte nur einen Zweck gehabt: Den Wissenschaftlern klar zu machen, wen sie da vor sich hatten. Er sah vor allem an Alans entsetztem Gesicht, dass er sein Ziel erreicht hatte.
Mitte April 2016 - Dubai: Kanzlei von Taib Riad - Fitness statt Waffen
Gut gelaunt und voller Zufriedenheit über das, was er in den letzten Wochen erreicht hatte, trat Kasib aus dem Aufzug in die moderne Anwaltskanzlei, die das komplette obere Stockwerk des pompösen Bürogebäudes einnahm. Wie jeden Morgen grüßte er freundlich Claudia, die englische Assistentin, die ihren Schreibtisch direkt gegenüber den Lifttüren hatte und die keinen Menschen je an sich vorbei lassen würde, den sie nicht kannte. Der junge Tarmane hatte sich bisher nie getraut, mehr als einen schüchternen Gruß an die attraktive Brünette zu richten. Schon des Öfteren hatte er mitbekommen, wie sich seine Kollegen Anwaltsgehilfen insgeheim Geschichten ausdachten, was Claudia mit einem Eindringling anstellen würde. Als ehemaliger Krieger grinste er für sich über die doch übertriebenen Schilderungen, doch hatte er schon erlebt, wie kratzbürstig die Engländerin tatsächlich sein konnte, wenn jemand glaubte, sie übertölpeln zu können. Sie erschien ihm dann wie eine Wölfin, die ihr Rudel verteidigte. Da Kasib sich vorgenommen hatte, absolut unauffällig die ihm zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen, vermied er jeglichen Kontakt zu ihr, obwohl er insgeheim eine tiefe Bewunderung für die resolute Frau empfand. Nie hätte er zugegeben, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte. Noch nicht einmal vor sich selber. Denn er war auf keinen Fall zu seinem Amüsement hier in Dubai, soviel stand fest. Zwar fiel es ihm von Tag zu Tag etwas leichter, die Schmach seiner Verbannung aus Zarifa zu ertragen, doch würde er sich selbst nicht erlauben, sich von seiner Arbeit auch nur eine Sekunde ablenken zu lassen. Er brauchte nur seine linke Hand anzusehen, um sich in aller Deutlichkeit an den Tag seiner Gerichtsverhandlung zu erinnern. Genau wie sein Herr Rayan es ihm vorausgesagt hatte, war der fehlende kleine Finger, den man ihm als Teil seiner Strafe abgeschnitten hatte ein Mahnmal, nie wieder seine Pflichten zu vernachlässigen!
Sein Vater hatte ihn zum Abschied im großen Tal mit den Worten getröstet, dass er die Reise nach Dubai als Chance sehen solle, etwas Neues anzufangen - etwas mehr von der Welt zu sehen. Die Worte waren gut gemeint, doch war ihm die Situation wie Ironie erschienen. Denn hätte er seine Aufgabe, die Scheicha zu schützen, korrekt erfüllt, hätte er seine Position in ihrem Gefolge nie verloren und zusammen mit ihr weitere Reisen unternehmen können. Der Trip nach München war ihm schon wie ein Abenteuer erschienen - er, der Junge aus Zarifa, in einer Großstadt! Voller Erstaunen und Neugierde hatte er die bayerische Landeshauptstadt erlebt. Vermutlich war er deshalb an diesem Tag auf einmal so müde gewesen. Doch anstatt sich durch Bewegungen munter zu machen, wie er es gelernt hatte, hatte er beschlossen, dass die Bewachung eines Raumes - genaugenommen der Suite, die sein Herr gemietet hatte - unter seiner Würde war. Er war schließlich zu einem der persönlichen Leibwächter der Scheicha ernannt worden. In seinem Alter! Kasib war erheblich jünger, als alle anderen Krieger, denen diese Ehre je zuteil geworden war. Und das nicht nur, weil er gut aussah. Sondern, weil er besser war, als viele seiner Stammesbrüder. Jassim hatte in ihm Potential gesehen und ihn aus einer größeren Gruppe an weiteren Bewerbern auserwählt. Das war ihm zu Kopf gestiegen und er hatte sich von seiner eigenen Arroganz blenden lassen. Leichtsinnig hatte er seinen Posten verlassen. Heute wusste er, wie dumm das gewesen war. Allein der Gedanke an seinen Egoismus ließ ihn wieder in aller Deutlichkeit die Scham empfinden. Er machte sich klar, dass er gründlich versagt hatte. Zum Glück war es nur ein neugieriger Reporter gewesen, der sich an diesem Abend eingeschlichen hatte, um Stoff für eine Story zu finden und kein Mörder. Sonst wäre die Scheicha Carina nun tot - das war Kasib klar. Dass er also schlichtweg Glück gehabt hatte, trug nicht dazu bei, sich besser zu fühlen. Wie alle anderen Krieger hatte er von klein auf gelernt, dass mit Ausführung der Strafe seine Verfehlung vergessen war. Entsprechend könnte er theoretisch jederzeit jedem seiner Stammesbrüder - und selbst seinem Scheich - offen in die Augen sehen. Aber eben nur theoretisch, denn, auch wenn die anderen es längst getan hatten - er konnte sich selbst seine Dummheit nicht verzeihen. Er hatte Chancen auf eine Karriere bei den Kriegern gehabt. Alles, was er seit er ein kleiner Junge war sein wollte, war einer der Leibwächter seines Herrn. Als es dann so weit gewesen war, hatte er durch seine eigene Schuld versagt. Insofern hatte er nichts anderes verdient, als dass der Scheich ihn aus dem Kader der Krieger geworfen hatte. Es war ihm verboten, je wieder eine tarmanische Waffe zu tragen oder am Kampftraining teilzunehmen. Wie sehr ihm die täglichen Übungen fehlten!
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