Nicki bleibt wie angewurzelt stehen. Auch mir stockt kurz der Atem.
„Ich bin’s nur“, sage ich und strecke Bella vorsichtig die Hand hin. Ich war schon ein paar Mal mit Papa da und hoffe, dass mich die Hündin erkennt. Das tut sie, stelle ich beruhigt fest, als sie meine Hand ableckt. Offensichtlich erinnert sie sich auch daran, dass wir Ball gespielt haben, denn sie holt einen zerbissenen roten Gummiball und legt ihn vor meine Füße.
Schwanzwedelnd wartet sie, damit ich den Ball werfe.
„Tut mir leid, jetzt nicht“, sage ich zu ihr und kraule sie zwischen den Ohren.
„Der tut ja gar nichts“, sagt Nicki und ihre Stimme klingt erleichtert. „Komm, wir sehen in der Scheune nach“, schlägt sie vor. Eine gute Idee. Ich geh voran.
In der Scheune sind ein paar Mäuse, noch drei weitere Katzen, aber keine Spur von Lisa. Hinter dem Gebäude ist eine große Wiese mit Dutzenden, wenn nicht sogar Hunderten Hühnern. Wie sollen wir zwischen ihnen Lisa finden? Nicki und ich rufen ihren Namen. Doch damit schrecken wir die Tiere nur auf. Sie gackern laut und schlagen mit den Flügeln. Und ehe wir uns versehen, werden wir von einem ziemlich großen, ziemlich wütenden Hahn attackiert. So schnell wir können, rennen wir so weit weg, bis er in uns keine Gefahr mehr für seine Hühnerschar sieht.
„Was jetzt?“, fragt Nicki atemlos.
„Wir suchen natürlich weiter“, antworte ich.
Nachdem wir im Kaninchenstall und in einem Verschlag, wo aber bloß Werkzeug aufbewahrt wird und ein alter Traktor steht, gesucht haben, sage ich: „Im Haus ist der einzige Ort, wo wir noch nicht gesucht haben.“
„Schön, aber wie kommen wir rein?“, will Nicki wissen.
Ich zucke die Schultern. Mir wird schon was einfallen, wenn wir dort sind. Ich laufe los, komme ins Schlittern und finde mich auf allen vieren auf dem Betonboden wieder. Na super! Ich bin auf einem Ölfleck ausgerutscht. Autsch! Meine Handflächen sind aufgeschürft und mein rechtes Knie blutet.
Nicki grinst. „Hey, das nenne ich echten Einsatz. Jetzt klingeln wir und fragen nach Verbandszeug. Erste Hilfe und so. Das ist Pflicht.“
„Oh …“ Gleich tun meine Verletzungen nur halb so weh – aber immer noch genug, um auf Nicki gestützt zum Haus zu humpeln.
Wir läuten an und der Niestl Hermann macht die Tür auf.
„Was wollt ihr?“, fragt er und schaut mich finster an.
„Guten Tag, der Jakob ist gestürzt“, übernimmt Nicki das Reden, während ich ein schmerzverzerrtes Gesicht ziehe. Ich muss nicht mal schauspielern, es tut wirklich weh.
„Wer nicht gehen kann, sollte es bleiben lassen“, grummelt der Niestl Hermann.
Nicki bleibt unbeeindruckt. „Haben Sie Desinfektionsmittel und Pflaster?“
„Dafür hab ich jetzt echt keine Zeit“, sagt er. Erst jetzt seh ich, dass er ein gebratenes Hühnerbein in der Hand hält. Wir haben ihn wohl beim Mittagessen gestört. Moment! Hühnerbein?! Doch hoffentlich nicht von Lisa!
Er tritt seufzend beiseite, macht die Tür weiter auf und führt uns in die Küche. „Setz dich, ich hole das Verbandszeug“, bestimmt er und deutet auf einen Stuhl. Dann legt er die angebissene Hühnerkeule auf einen Teller und lässt uns allein.
Piep, piep, piep. Zuerst denke ich, ich hab mich verhört. Doch da. Schon wieder. Piep, piep. Ganz leise.
„Hörst du das auch?“, flüstere ich Nicki zu.
Sie nickt. „Wir müssen nachsehen.“ Und ehe ich was unternehmen kann, ist sie schon bei der Küchentür draußen.
„Nicki“, zische ich ihr hinterher. Was, wenn der Niestl Hermann sie beim Herumschnüffeln erwischt?
Kaum hab ich den Gedanken fertig gedacht, kommt er mit einer großen braunen Flasche, einer Schere, einem riesigen Pflaster und einer Mullbinde zurück.
„Wo ist deine Freundin?“, fragt er misstrauisch.
Geistesgegenwärtig antworte ich: „Am Klo.“
Er scheint sich damit zufrieden zu geben, denn er schraubt die Flasche auf und träufelt mir die Flüssigkeit auf mein Knie.
„Aaaah“, schreie ich. Das Zeug brennt höllisch.
„Sei doch keine Memme“, sagt er und gibt noch ein paar Tropfen auf mein Knie. Diesmal beiße ich die Zähne zusammen und gebe keinen Laut von mir. Er nimmt den Verband aus der Folie, legt mir das Pflaster auf das Knie und wickelt die Mullbinde drum herum.
„Und jetzt die Hände“, sagt er. Ich bin davon überzeugt, dass es ihm Spaß macht, mich zu quälen. Wo steckt überhaupt Nicki so lange? Ich könnte gerade ihre Unterstützung brauchen.
Zum Glück kommt sie gleich darauf in die Küche. Auf dem Arm hält sie ein Küken.
„Das hab ich gefunden“, sagt sie.
Das Küken ist süß, keine Frage. Aber mit Lisa hat es absolut keine Ähnlichkeit. Es ist einfach ein ganz normales Küken von einem ganz normalen Huhn.
„Das ist heute schon das zweite Mal, dass es ins Haus gelaufen ist“, erklärt der Niestl Hermann und nimmt Nicki das Küken ab.
„Aber das essen Sie nicht!“, begehrt Nicki auf.
„Keine Sorge, dafür ist es noch zu klein“, antwortet er.
Beruhigt fühl ich mich nicht, aber er hat recht.
Für den Moment ist das Küken sicher. Und wir müssen wieder nach Hause, bevor Mama einen Suchtrupp nach uns losschickt.
Die Rückfahrt geht deutlich langsamer. Zum einen, weil mein Knie wehtut, und zum anderen, weil unsere Laune am Tiefpunkt ist. Lisa haben wir nicht gefunden und wir wissen nicht, wo wir sie noch suchen sollen.
Sogar meine Schwester fragen wir, aber sie hat Lisa nicht gesehen. „Sie wird schon wieder auftauchen“, sagt sie und legt mir tröstend den Arm um die Schulter. Manchmal kann sie echt in Ordnung sein.
Am Abend treffe ich Felix und Anna beim Abendessen.
„Und hast du am Baumhaus gebaut? Wie weit bist du gekommen? Du bist doch nicht etwa schon fertig?“, fragt Felix.
Traurig schüttle ich den Kopf. „Nein, ich habe den ganzen Tag Lisa gesucht, du weißt schon, das weiße Wuschelhuhn. Sie ist spurlos verschwunden.“
„Papa hat versprochen, dass wir morgen da bleiben. Ich helfe dir“, bietet er an.
Ich nicke und wünsche, wir müssten nicht bis morgen warten.
Später am Abend, es ist schon finster, stehe ich an meinem Fenster und sehe hinaus. Wie muss Lisa sich fühlen? Sie ist bestimmt einsam und hat Angst. Noch nie hat sie die Nacht allein verbracht – fernab vom Hühnerstall.
Da bemerke ich einen Lichtschein auf der Obstwiese. Schleicht da etwa wer herum? Der Hühnerdieb vielleicht? Hat er es etwa auch auf die anderen Hühner abgesehen?
Im Pyjama laufe ich hinunter in die Küche, nehme die große Pfanne aus dem Schrank. So bewaffnet, will ich den Hühnerkidnapper zur Rede stellen. Mit klopfendem Herzen gehe ich Richtung Obstwiese, verstecke mich hinter einem Baum und warte. Und lausche und warte.
Schritte. Ich höre Schritte. Da bemüht sich jemand nicht mal, leise zu sein. Es ist bestimmt kein Riese, der auf mich zukommt, eher ein Zwerg, wie ich anhand des Trippelns erkenne. Mit einem Zwerg werde ich fertig, spreche ich mir Mut zu. Dann springe ich hinter dem Baum hervor, die Pfanne halte ich hoch über meinem Kopf, bereit, sie im Ernstfall auch zu benutzen. Doch als ich sehe, wer der Zwerg ist, lasse ich die Pfanne schnell hinter meinem Rücken verschwinden.
„Was machst du denn hier? Solltest du nicht schon längst im Bett sein?“
Die kleine Anna sieht mich erschrocken an. „Ich hab … ich wollte … ich konnte nicht schlafen. Wegen Lisa.“
Anna macht sich ebenfalls Sorgen um Lisa. Ich fühle mich gleich ein wenig besser. „Komm, ich bring dich zurück. Hattest du gar keine Angst im Dunkeln?“, frage ich sie.
Anna schüttelt den Kopf. „Nö. Ich habe eine Taschenlampe.“ Sie zeigt sie mir. Ich nehme Anna an der Hand.
Sie ist in Redelaune. „Was fressen Hühner am liebsten?“, fragt sie.
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