»Ich übergehe alle Einzelheiten. Der Kampf währte zwanzig Jahre lang. Wir zogen immer weiter, und immer streckte Großbritannien seine gierige Hand nach uns aus, wie über ebensoviele Leibeigene, die noch immer der Scholle angehörten, selbst wenn sie diese verlassen hatten.
»Endlich nach unendlicher Mühe und blutigen Kämpfen gelang es, die Anerkennung unserer Unabhängigkeit in dem Oranje-Freistaate durchzusetzen. Eine von der Königin Victoria unterzeichnete und vom 8. April 1854 datirte Proklamation sicherte uns den freien Besitz des Landes und das Recht beliebiger Selbstregierung zu. Wir bildeten uns endgiltig zur Republik um, und Niemand könnte behaupten, daß unser auf peinliche Beobachtung der Gesetze begründeter Staat, in welchem jedes individuelle Vermögen sich nach Gutdünken entwickeln kann und wo allen Classen ein möglichst gründlichen Unterricht zugänglich gemacht ist, nicht vielen anderen Nationen, die sich vielleicht für weit civilisirter halten, als unser kleiner Staat in Südafrika, als Muster dienen könnte.
»Das Griqualand war ein Theil desselben. Hier hatte ich mich niedergelassen und zwar in demselben Häuschen, in dem wir uns augenblicklich befinden, hier wohnte ich mit meinem Weibe und meinen beiden Kindern. Meinen Kraal oder das Gehege errichtete ich an der Stelle der Mine, wo Sie jetzt arbeiten. Zehn Jahre später kam John Watkins in das Land und erbaute hier seine erste Hütte. Damals wußte man noch nicht, daß diese Terrains Diamanten enthielten, und was mich angeht, hatte ich seit mehr als zwanzig Jahren so wenig Gelegenheit gehabt, mein altes Gewerbe zu betreiben, daß ich mich kaum des Vorhandenseins jener kostbaren Steine entsann.
»Plötzlich, gegen 1867, verbreitete sich das Gerücht, daß unser Gebiet Diamanten enthalte. Ein Boer von den Ufern des Haart hatte Diamanten selbst im Kothe von Straußen und sogar in den Lehmmauern seiner Farm aufgefunden. 6
»Treu ihrem Raubsystem und alle Verträge und Rechte mißachtend, erklärte die englische Regierung gleich darauf, daß das Griqualand ihr gehöre.
»Vergeblich erhob unsere Republik Einspruch. Vergeblich erbot sie sich, die Meinungsverschiedenheiten dem Schiedsspruche eines europäischen Fürsten zu unterbreiten ... England wies eine solche Entscheidung zurück und besetzte einfach unser Gebiet.
»Nun hätte man wenigstens noch erwarten sollen, daß von unseren ungerechten Herren die Rechte der Privatpersonen geachtet werden würden! Ich, der ich Wittwer geworden war und bei der furchtbaren Epidemie des Jahres 1870 meine Kinder verloren hatte, fühlte nicht mehr den Muth, noch einmal ein neues Vaterland aufzusuchen und mir noch einmal einen Herd zu gründen, den sechsten oder siebenten während meiner langen Lebensbahn. Ich blieb also im Griqualand.
»Fast den Einzigen hier, ließ mich das Diamantenfieber, das alle Welt befiel, ganz unberührt, und nach wie vor baute ich meinen Gemüsegarten, als ob die Fundstätte des Du Toits Pan, einen Büchsenschuß von meinem Hause, gar nicht entdeckt worden wäre.
»Wie groß aber war eines Tages mein Erstaunen, als ich die nach Landessitte aus trockenen Steinen errichtete Mauer meines Kraals während einer Nacht zerstört und dreihundert Meter weiter nach der Ebene zu fortgeschafft sah. An Stelle der meinigen hatte John Watkins mit Hilfe von hundert Kaffern eine andere errichtet, welche sich direct an die seinige anschloß und seinem Grund und Boden das Stück sandige, röthliche Land hinzufügte, welches bis zur Stunde mein unbestrittenes Eigenthum gewesen war.
»Ich beklagte mich gegen diesen Räuber ... er lachte nur darüber. Ich drohte ihm, eine gerichtliche Klage anhängig zu machen ... Er meinte, ich solle es nur thun!
»Drei Tage später erhielt ich die Erklärung dieses Räthsels. Die mir gehörige Bodenausbuchtung war eine Diamantenmine. Nachdem John Watkins diese Ueberzeugung gewonnen, hatte er sich beeilt, meine Mauer zu rücken. Dann war er nach Kimberley gegangen, um officiell die Mine auf seinen Namen anzumelden.
»Ich erhob Klage ... Möchten Sie nie erfahren, Herr Méré, was es in englischem Lande kostet, eine Klage zu führen! Nach und nach verlor ich darüber meine Ochsen, meine Pferde, meine Schafe! Ich verkaufte das ganze Hausgeräth, bis auf die Kleidermotten, um diese menschlichen Blutegel, welche man Solicitors, Attorneys, Sherifs und Gerichtsdiener nennt, zu mästen ... Kurz, nach einem Jahre voller Winkelzüge, voller Erwartung, immer getäuschter Hoffnung, voll Angst und innerlicher Empörung wurde schließlich die Frage meines Eigenthumsrechts endgiltig geregelt, ohne daß ich dagegen Einspruch erheben oder die Entscheidung cassiren lassen konnte.
»Ich verlor meinen Proceß und zu Grunde gerichtet war ich obendrein! Ein Urtheil in aller Form erklärte meine Ansprüche als unbegründet, wies meine Klage ab und erklärte, daß es dem Gerichtshofe unmöglich sei, die antheiligen Rechte der Parteien zu erkennen, daß es sich dagegen empfehle, für die Zukunft eine bestimmte Grenze festzustellen. So bestimmte man den 25. Grad östlicher Länge von Greenwich als die Linie, welche beide Besitzungen trennen sollte. Das westlich von diesem Meridian gelegene Terrain sollte John Watkins verbleiben, das östlich desselben befindliche Jacobus Vandergaart angehören. Diese auf den ersten Blick eigentümliche Entscheidung war den Richtern durch den Umstand nahegelegt, daß jener 25. Grad über das Gebiet des Bezirks und quer durch den Grund und Boden verläuft, auf dem sich früher mein Kraal befunden hatte.
»Die Mine lag aber leider mehr nach Westen zu. Sie ging damit natürlich in das Eigenthum John Watkins' über.
»Trotzdem, und wie um die Ansicht des Landes durch einen unauslöschlichen Flecken zu verewigen, wird dieselbe im Gegensatz zu dem richterlichen Ausspruche noch heute die Vandergaart-Kopje genannt!
»Nun sagen Sie, Herr Méré, hab' ich nicht das volle Recht, zu sagen, daß die Engländer Spitzbuben sind?« fragte der alte Boer, als er seine nur zu wahrheitsgetreue Erzählung beendigte.
1 Genau, d. h. für die dortige Gegend, 0.2052 Gramm, während er an anderen Orten von 0.197 (Amboina) bis 0.2159 Gramm (Livorno) differirt. Amsterdam selbst rechnet 1 Karat = 0.2057 Gramm.
2 Dieser Boer hieß Jacobs. Ein gewisser Niekirk, ein holländischer Händler, der hier in Gesellschaft eines Straußjägers, Namens O'Reilly, hindurchkam, erkannte in den Händen der Kinder des Boers als Spielzeug einen Diamanten, den er für wenig Sous kaufte und für 12.500 Francs an Sir Philipp Wordehouse, den Gouverneur der Capcolonie, wieder veräußerte. Der betreffende Stein wurde sofort kunstgerecht bearbeitet und nach Paris geschickt, wo er in der Weltausstellung auf dem Marsfelde im Jahre 1867 eine Stelle fand. Seit dieser Zeit ist dem Boden im Griqualande alljährlich an Diamanten ein Werth von 32 Millionen Mark entnommen worden. Als merkwürdiger Umstand verdient angeführt zu werden, daß das Vorkommen von Diamantlagerstätten in diesem Lande früher einmal bekannt gewesen und später wieder vergessen worden ist. Alte Landkarten aus dem fünfzehnten Jahrhundert tragen an solchen Stellen die Bemerkung: »Here Diomonds« = »Hier giebt es Diamanten.«
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