Cyprien begann wieder in seinem Laboratorium auf und ab zu gehen; diesesmal aber blieben seine Hände unthätig – seine Gedanken allein waren in Bewegung.
Plötzlich blieb er stehen, ergriff seinen Hut und ging hinaus. Nachdem er den Fußstieg erreicht, der nach der Ebene hinunterführte, wandte er sich schnellen Schrittes der Vandergaart-Kopje zu. In kaum einer Stunde traf er bei dieser ein.
Eben jetzt strömten die Gräber in hellen Haufen nach dem eigentlichen Lagerplatz zum zweiten Frühstück zurück.
Als Cyprien die vielen sonnverbrannten Gesichter an sich vorüberkommen sah, legte er sich die Frage vor, wer wohl im Stande sein möchte, die ihm nöthige Auskunft auf das, was er zu wissen wünschte, zu ertheilen. Da erkannte er unter einer Gruppe Männer das ehrliche Gesicht Thomas Steel's, des früheren Bergmanns von Lancashire. Zwei- oder dreimal schon hatte er, seit ihrer gemeinschaftlichen Ankunft im Griqualand, Gelegenheit gehabt, ihm zu begegnen und sich zu überzeugen, daß der wackere Mann sichtlich wohl gedieh, wie das seine heiteren Züge, der ganz neue Anzug und vor Allem der breite Ledergürtel bewies, den er um die Hüften geschlungen trug.
Cyprien beschloß sich an diesen zu wenden und ihm seine Absichten mitzutheilen, was denn auch bald mit wenigen Worten geschehen war.
»Einen Claim pachten? Nichts leichter als das, wenn Sie das dazu nöthige Geld haben, antwortete ihm der Bergmann. Gerade neben dem meinigen ist jetzt einer frei. Vierhundert Pfund Sterling (Zehntausend Francs = achttausend Mark) ist er unter Brüdern werth. Mit fünf bis sechs Negern, die ihn für Ihre Rechnung bearbeiten, können Sie sich darauf verlassen, per Woche sieben- bis achthundert Francs Diamanten zu »machen!«
– Ich habe aber nicht zehntausend Francs und auch nicht den kleinsten Negerjungen, antwortete Cyprien.
– Nun gut, so kaufen Sie einen Claimantheil – ein Achtel oder nur ein Zehntel – und bearbeiten diesen selbst. Hier genügen schon tausend Francs als Anlagecapital.
– Das vertrüge sich eher mit meinen Mitteln, erwiderte der junge Ingenieur. Aber – wenn Sie diese Frage nicht zu unbescheiden finden – wie haben Sie es denn angefangen, Herr Steel, sind Sie denn mit einem solchen Capital hierher gekommen?
– Ich kam hierher mit meinen Armen und drei Stückchen Gold in der Tasche, erklärte der Andere. Aber ich habe freilich Glück gehabt. Zuerst bearbeitete ich auf halben Gewinn ein Achtel, dessen Besitzer lieber im Kaffeehause auf der Bärenhaut lag, als sich um seine Geschäfte zu kümmern. Wir waren übereingekommen, unsere Funde zu theilen, und ich habe deren recht schöne gemacht – vorzüglich einen Stein von fünf Karat, den wir für zweihundert Pfund Sterling verkauften. Dann wurde ich müde, für diesen Tagedieb zu arbeiten und kaufte mir ein Sechzehntel, das ich allein ausbeutete. Da ich hier nur sehr kleine Steine fand, gab ich dasselbe bald und zwar vor nun zehn Tagen auf. Jetzt grabe ich auf's Neue für halbe Rechnung mit einem Manne aus Australien in dessen Claim; in der ersten Woche freilich haben wir für Beide nicht mehr als fünf Pfund gemacht.
– Wenn ich einen Theil eines guten Claims nicht zu theuer zu kaufen fände, wären Sie dann vielleicht geneigt, denselben mit mir auszubeuten? fragte der junge Ingenieur.
– Das versteht sich, antwortete Thomas Steel – jedoch unter einer Bedingung, daß Jeder von uns für sich behält, was er eben findet; das sage ich nicht etwa aus Mißtrauen gegen Sie, Herr Méré! Aber sehen Sie, seit ich hier bin, hab' ich bemerkt, daß ich beim Theilen allemal einbüße, weil ich mich auf Spitzaxt und Haue verstehe und zwei oder drei Mal soviel Gesteinmenge losschlage, als die Anderen.
– Das scheint mir dann nicht mehr als billig, antwortete Méré.
– Ah, rief da plötzlich der Lancashiremann, ihn unterbrechend, ein Gedanke, vielleicht ein ganz guter. Wenn wir nun zusammen einen der Claims von John Watkins annähmen?
– Wie? Einen von seinen Claims? Gehört ihm denn der Grund und Boden der Kopje nicht ganz allein?
– Gewiß, Herr Méré; Sie wissen aber doch, daß die Colonialregierung denselben sofort mit Beschlag belegt, sobald in einem Stück Land ein Diamantenlager entdeckt wird. Dann verwaltet dasselbe die Regierung, catastrirt und zerstückelt es in Claims, bezieht auch den größten Theil der Concessionsgelder und zahlt an den Eigenthümer nur eine bestimmte Rente. Die Letztere bildet, wenn die Kopje so ausgedehnt ist wie hier, immerhin ein beträchtliches Einkommen, außerdem bleibt dem Bodenbesitzer noch das Vorkaufsrecht auf so viel Claims, wie er bearbeiten zu lassen im Stande ist. So liegt die Sache auch mit John Watkins. Außer seinem Eigenthumsrecht an der ganzen Mine läßt er mehrere Theile derselben für eigene Rechnung ausbeuten. Er kann das aber nicht so eifrig betreiben, wie er's wohl wünschte, weil ihn die Gicht hindert, selbst an Ort und Stelle zu erscheinen, und ich glaube, er würde ganz annehmbare Bedingungen stellen, wenn Sie ihm vorschlügen, einen solchen Claim zu übernehmen.
– Ich würde es lieber sehen, wenn der Abschluß des Geschäftes nur zwischen ihm und Ihnen erfolgte, entgegnete Cyprien.
– Darauf soll mir's auch nicht ankommen, meinte Thomas Steel; die Geschichte soll sehr bald im Reinen sein!«
Drei Stunden später war der halbe Claim Nummer 942, der mit Pfählen abgesteckt und auf einer Karte eingezeichnet war, in vorschriftsmäßiger Form an Herrn Méré und Thomas Steel gegen Zahlung einer Summe von neunzig Pfund Sterling (1800 Mark) überlassen, wofür jene das Patentrecht auf denselben erwarben. Außerdem stellte der Vertrag fest, daß die Concessionäre mit John Watkins die Ausbeute ihrer Arbeit zu theilen und ihm, unter dem Titel der »Royalty«, die drei ersten Diamanten von über sechs Karat Rohgewicht auszuliefern hätten. Nichts wies zwar von vornherein darauf hin, daß dieser Fall eintreten würde, indeß er konnte sich ja doch ereignen – wie ja eben Alles möglich ist.
Alles in Allem verdiente das Geschäft für Cyprien ein sehr Vortheilhaftes genannt zu werden, und Mr. Watkins erklärte ihm das auch, nach Unterzeichnung des Contractes und während er ihm darauf zutrank, in seiner gewöhnlichen offenherzigen Weise.
»Sie haben da einen glücklichen Griff gethan, junger Freund, sagte er, ihm auf die Schulter klopfend. In Ihnen steckt ein gesunder Kern! Ich würde mich nicht im Geringsten wundern, Sie zum besten unserer Diamantengräber im Griqualand werden zu sehen!«
Cyprien konnte in diesen Worten nur eine glückverheißende Prophezeiung bezüglich seiner Zukunft erkennen.
Und Miß Watkins, welche der Verhandlung beiwohnte, hatte einen so sonnenhellen Blick in ihren blauen Augen! Nein, kein Mensch hätte geglaubt, daß diese den lieben langen Morgen lang geweint hatten.
Unter stillschweigender Uebereinkunft wurde des peinlichen Auftrittes vom gestrigen Morgen mit keiner Silbe Erwähnung gethan. Cyprien blieb eben da, das lag auf der Hand, und das war ja im Grunde die Hauptsache.
Der junge Ingenieur ging also mit weit leichterem Herzen fort, um seinen Auszug vorzubereiten, obgleich er in einer größeren Reisetasche nur einige Kleidungsstücke mitnahm, denn er gedachte wohl bei der Vandergaart-Kopje unter einem Zelte zu wohnen, seine Mußestunden aber wie bisher auf der Farm zuzubringen.
1 Die englischen Verse entsprechen, wenn nicht ganz wort-, so doch ziemlich sinngetreu unserem: Letzte Rose, wie magst du so einsam hier blüh'n, Deine freundlichen Schwestern sind längst schon dahin, Keine Blüthe haucht Balsam mit liebendem Duft.
2 Warum blühst du so traurig im Garten allein? Sollst im Tode mit den Schwestern vereinigt sein. D'rum pflücke, o Rose, vom Stamm ich dich ab, Sollst ruh'n mir am Herzen und mit mir im Grab.
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