Der König war mittlerweile wieder auf einem Knie und wollte sich gerade erheben, als sich Beorn vor ihm aufbaute.
„Dann bringt es zu Ende, Kronprinz Beorn.“, sagte Thanhold und blickte mit ernstem Blick seinem Ende entgegen. Beorn ließ mit einem Lächeln die Axt in die Brust des Königs fahren. Die Rüstung barst und die Axt schlug tief in den Brustkorb. Mit einem Husten spuckte Thanhold Blut aus, doch noch hielt er sich auf den Knien. Sein Blick war ungebrochen. Der Kronprinz zog die Axt aus der Brust des Königs und hob diese, um den Kopf des Königs von dessen Leib zu trennen.
Mit Schwung ließ er die Axt niederfahren.
Gerons Schild erzitterte, als die Axt darauf schlug. Eine Platzwunde auf seiner Stirn tränkte sein Gesicht in Blut, was ihm ein wirklich schauriges Aussehen verlieh. Geron von Dämmertan hatte schon vor einiger Zeit eine schlimme Verletzung im Gesicht erlitten, die ihm eine hässliche Narbe gebracht und das halbe linke Ohr gekostet hatte. Mit diesem sowohl furchteinflößenden als auch entschlossenen Blick stieß er sein Schwert in den Bauch seines Feindes.
Beorn war von Gerons Eingreifen völlig überrascht und konnte keine Gegenwehr leisten. Seine Augen weiteten sich und blickten fassungslos in das grausige Gesicht seines nahenden Todes. Kraftlos ging er auf die Knie, als der Ritter sein Schwert aus ihm zog. Kleine Bluttropfen spritzten auf Geron, als er zu einem schnellen Schlag ausholte. Mit einem sauberen Hieb der messerscharfen Klinge beendete der Ritter das Leben des kargatianischen Thronfolgers. Trotz des Lärms der Schlacht vernahm er den dumpfen Ton, als Kopf und Körper getrennt auf den Boden schlugen.
Kurz verharrte der junge Ritter vor der Leiche seines Feindes. War dies nun das Ende dieses Krieges? Doch dann riss ihn das Stöhnen des Königs aus den Gedanken. Er fuhr herum und sank auf die Knie. Um ihn herum hatten sich die letzten Überlebenden der Leibgarde und weitere Reiter vorgekämpft, die ihn und König Thanhold schützend umgaben.
„Majestät.“, sagte Geron leise, erkannte aber, das es schlecht um seinen Rittervater stand, der ihm so viel in seinem Leben mitgegeben hatte. Hatte er als Ritter versagt? Seinem Schwur zu entsprechen, seinen König zu schützen? Noch nicht. Noch lebte er. Geron hob seinen ehemaligen Rittervater, den König Valoriens, auf sein eigenes Pferd. Mit einem weiteren Griff schnappte er des Königs Banner, das nicht weit von ihnen auf dem Boden lag. Dann schwang sich Geron in den Sattel und reckte das Banner Valoriens in die Luft. Obwohl er sah, dass ihre Hauptmacht umzingelt war, keimte Hoffnung in ihm, hier noch heraus zu kommen. Er erkannte von beiden Flügeln den Rest der Reiterei heranstürmen. Die größere Kraft wurde von Victor von Andtweil angeführt, von Sylvius von Tandor war nichts zu sehen.
„Rückzug!“ rief Geron laut über die Reihen. „Rückzug nach Burg Eisentor!“ brüllte er und ritt in vollem Galopp Richtung Tor und Brücke zurück. Erleichtert sah er, wie die Reihen des Feindes von den herannahenden valorischen Reitern auseinandergetrieben wurden. Er durchbrach die Reihen und ritt Richtung Tor. Dann über die Brücke. Ihm folgte der Rest der valorischen Reiterei, auch wenn es leider erschreckend wenig war. Aber das kümmerte den Ritter nicht mehr. Es ging jetzt nur noch darum, das Leben des Königs zu retten. Er trieb sein Pferd, das über die Brücke rannte, das Banner flog in der Luft. In vollem Galopp passierte er das Eisentor.
„Holt einen Heiler herbei. Der König braucht Hilfe.“, brüllte er, als er das Tor passierte. Im Hof angekommen hob er den König vom Pferd und legte ihn auf den Boden. Sofort eilten einige Soldaten und schnell auch der angeforderte Heiler herbei. Dieser sah den König an, fühlte dessen Puls und schaute dann den daneben knienden Ritter von Dämmertan mit ernstem Blick an. Der Heiler schüttelte mit dem Kopf.
„Er ist schon auf dem Weg, ich kann nicht mehr helfen.“ Geron beugte sich zum König herunter, dessen Lippen zitterten, als wollte er etwas sagen. Er hielt sein Ohr an den Mund des Königs.
„Geron, alter Freund.“, stammelte dieser leise. „Bitte, bitte kümmere dich um meinen Sohn. Erziehe ihn zu einem Ritter, wie du einer geworden bist. Treu und Ehr, mein Freund.“
Dann seufzte er und gab seinen letzten Lebenshauch von sich.
„Valorien“, sagte Geron leise und blickte in das Gesicht seines gefallenen Königs. Erleichterung war dessen Blick zu sehen, denn er wusste, dass der edelste und beste Ritter Valoriens sich um seinen Sohn kümmern würde.
Rot und golden war das Sonnenlicht, als die Sonne sich langsam über den Horizont erhob. Der Himmel war klar, nur vereinzelte Wolken wurden von dem Licht des neuen Morgen rötlich gefärbt. Ein einsames Pferd ritt auf die Kronburg in Elorath zu. Ein neuer Morgen war angebrochen, ein neuer Tag, aber auch eine neue Zeit. Eine neue Zeit für Valorien.
Das blau-silberne Banner Valoriens wehte über dem einzelnen Reiter, der sich der Kronburg in Elorath näherte. Dem Ritter Valoriens, der das Wappen des Königs trug, wurde ohne weitere Nachfragen das Tor geöffnet. Die Nachricht der Ankunft des Herrn von Dämmertan hatte sich schon herumgesprochen, bevor er das Burgtor passierte. Im Hof der Burg warteten schon viele Menschen - Soldaten, Hofdamen, Bedienstete und natürlich in der Mitte die Königin, Margeth, mit ihren schier unendlich langen, hellbraunen Haaren. An der Hand hielt sie einen etwa dreijährigen Jungen. Geron schwang sich aus dem Sattel und ging auf die beiden zu. Er sank auf die Knie und senkte das Banner.
„Erheb dich, Geron, und berichte!“, sagte die Königin. Geron schaute der Königin ernst ins Gesicht und erhob dann seine Stimme.
„Thanhold II. von Valorien ist glorreich in der Schlacht zur Verteidigung unserer Heimat gefallen. Ich schwöre Treue dem neuen König Valoriens, Priovan I. von Valorien.“
Geron sank erneut auf die Knie, zog sein Schwert und streckte dieses zum Zeichen seiner Treubekundung dem neuen König hin.
Ein neuer König Valoriens war ausgerufen.
Teil 1:
Die Knappin
764 St. Gilbert
Die hellen Strahlen der sommerlichen Mittagssonne wärmten die leicht gebräunte Haut des Mädchens, das an der Kaimauer des Hafens von Tjemin saß und seine Füße leicht im Wasser der Gronde baumeln ließ. Ihre Schuhe, ziemlich abgewetzte und zerrissene braune Lederstiefel, standen neben ihr auf der Mauer. Auch ihre sonstige Kleidung zeigte, dass sie zur armen Bevölkerung der Hauptstadt des Herzogtums Fendron gehörte. Eine bis zu den Waden reichende, einstmals helle Hose wurde von einer, ihr deutlich zu großen, dunkelroten Tunika überdeckt. Das Ganze wurde von einem schwarzen Ledergürtel zusammengehalten. Im Sommer war diese Kleidung angenehm kühl, für den Winter musste sich das Mädchen jedes Mal aufs Neues etwas ausdenken. Den Kopf hatte sie leicht in den Nacken gelegt. Ihr dunkelblondes, etwa schulterlanges Haar war als Zopf zusammengebunden, darauf trug sie zum Schutz gegen die pralle Sonne einen alten Schlapphut, der mit einer Gänsefeder verziert war. Die etwa Vierzehnjährige sah wirklich wie jemand aus, die einfach so in jeden Tag hinein lebte.
Das bunte Treiben des Hafens war dem Mädchen mehr als bekannt. Sie lebte nun schon mehrere Jahre in der großen Stadt, in der Waisenkinder auf der Straße noch die besten Chancen hatten, irgendwie durchzukommen. Tjemin war immerhin die drittgrößte Stadt des Reiches. Auf dem Land oder in kleineren Städten wäre das Mädchen wohl nicht so lange durchgekommen, doch hier in der Stadt gab es immer wieder reiche Kaufleute, großzügige Händler oder andere barmherzige Personen, die das Überleben von Menschen wie ihr sicherten. Und alles in allem war das ihre auch gar nicht so schlecht.
Sie schloss die Augen und ließ alle Sinneseindrücke auf sich wirken. Eine leichte Brise strich ihr durch die Haare und über das Gesicht und gewährte so eine angenehme Kühlung von der warmen Sonne. Sie nahm die Düfte des Hafens auf, wenn man den von Fisch dominierten Gestank Duft nennen konnte. Sie hörte das hektische Treiben, die Schiffe, die entladen wurden, Lasten, die umher getragen wurden und auch Händler, die ihre Waren anpriesen.
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