Ein guter Plan! Anschließend wurden sämtliche Ausflüge oder Routen in das feucht-warme Schwüle versprechende Südostasien ganz aus dem Programm gestrichen und durch kühle Brisen und ein verträglich-angenehmes Meeresklima ersetzt. Genau das, nicht mehr oder weniger, erhoffte ich mir nämlich von der neu ins Programm aufgenommen Passage durch die Südsee. Vor allem selbstverständlich wegen der gesunden, salzhaltigen, verträglichen Luft – aber auch um ganz nebenbei noch meinen heimlich und lang geträumten Traum vom Südpazifik auszuträumen. Ein nahezu genialer Schachzug. Abgerundet werden sollte das alles durch einen weiteren Geistesblitz: Ich erinnerte mich plötzlich an gute Freunde, die mittlerweile in San Francisco lebten, also in einer der schönsten Städte in einer der schönsten Regionen. Der Besuch in San Francisco schien folglich als die ideale Kombination, alte Freundschaften aufzufrischen und die Reise um zwei Wochen in perfekten klimatischen Bedingungen und bei extrem hohem Wohlfühlfaktor zu strecken. Verwunderlich, warum war ich darauf nicht schon viel früher gekommen? Das lag doch förmlich auf der Hand. Das schien also in vielfacher Hinsicht ein spannender Urlaub werden zu können.
Wenn die ersten Erlebnisse richtungsweisend für eine Fahrt sein sollten, was, bitte schön, war denn davon zu halten: Ich hatte gerade erst die Haustür hinter mir zugezogen, war noch nicht einmal die Stufen vor unserer Haustür hinuntergeschritten, da holte ich mir bereits den ersten Anpfiff ab. Eine Freundin hatte es wohl nett gemeint und mir noch schnell „Alles Gute“ gemailt, da hagelte es auch schon auf mich ein, wie ich denn ausgerechnet jetzt noch auf eine SMS antworten könne. Dabei wollte ich doch nur höflich sein. Als Nächstes fuhren wir auf dem Weg zum Flughafen auf der Berliner AVUS in einen, wie sich später herausstellte, zum Glück nur kurzen Stau, und dann schlief Frederik auch noch ein. Oder war das bereits ein gutes Zeichen? Den Flieger haben wir zumindest nicht verpasst und Frederik hätte im überhitzten Auto im Stau auch leicht ganz anders reagieren können, als friedlich zu schlummern. Das Einchecken wurde ebenfalls spielend erledigt – warum aber immer das Gleiche: Egal, ob ein Wochenende in Stockholm, zehn Tage in Israel oder eben ein Vierteljahr Pazifik, mein Rucksack wiegt immer zwischen 14-16 kg, in diesem Fall exakt 15.6kg. Im Flieger nach London ging es dann gleich weiter mit den Merkwürdigkeiten. Auf den Monitoren fand bei der Darstellung der Reiseroute jede noch so kleine Ortschaft Erwähnung, Paderborn, Gütersloh, Münster…; nur eben meine doch viel größere und bedeutendere Heimatstadt Bielefeld nicht. Natürlich war das gleich wieder eine Aufregung wert und dabei wollte ich doch die ganze Sache ruhig und entspannt angehen. Die drei Mädels saßen im Flieger etwas versetzt hinter uns, das Non-Stopp-Gequassel des nun etwas überdrehten Frederik haben sie so gar nicht mitbekommen. „Du `crazy monkey`, das heißt `verrückter Affe`!“, wurde mir unvermittelt an den Kopf geworfen. „Woher weißt du denn das?“ „Das steht so auf meinem Schlüppi!“ Und das Ganze dann bei mittlerer Lautstärke! Zum Glück verstand uns ja auf einem Flug nach Sydney über London und Dubai nicht automatisch jeder und die Zeit verging so natürlich wortwörtlich „wie im Flug“. Der wenige Stunden dauernde Zwischenstopp in Dubai verlief eher unspektakulär, was aber auch nicht tragisch war. Von den berühmten Wolkenkratzern war weder bei Start noch bei Landung irgendetwas zu sehen, vielmehr waren wir damit beschäftigt, den latent schlecht durchbluteten Beinen wieder ein wenig Leben einzuhauchen, die eigene Müdigkeit und die der Kinder zu bekämpfen oder endlich ein Örtchen zum Zähneputzen zu finden. Dabei waren ja erst gut sieben Stunden der Strecke zurückgelegt, es wartete noch gut die doppelte Zeit (Nacht-)Flug auf uns. Und richtig, keine 14 Stunden später wurde der Landeanflug auf Sydney eingeleitet. Höchste Zeit also, auf meinem Handy „Great Southern Land“ von Icehouse einzuspielen; das hatte ich schon lange geplant, diesen Song der australischen Band beim Landeanflug zu hören. Und endlich erwachte auch die Dame neben mir wieder, was einer kleinen Sensation glich, hatte sie doch fast den gesamten Flug mit offenem, leicht sabberndem Mund und einigen undefinierbaren Geräuschen verschlafen. Es stimmte mich nicht gerade ruhiger, als sich eben diese Dame nun mit leicht glasigen Augen auf dem Fragebogen der australischen Einreisebehörde geradezu erschreckend lange mit der Sequenz zur möglichen Ebola-Infizierung beschäftigte – als einzige, wie ich da noch dachte. Sollte ich misstrauisch und vorsichtig werden? Später stellte sich allerdings heraus, dass einfach nicht genug Einreiseformulare für alle Fluggäste vorrätig waren und daher zahlreiche Passagiere dieses Prozedere im Flieger noch erspart blieb. Erst als alle anderen auch einen solchen Bogen im Flughafengebäude wie selbstverständlich in die Hand gedrückt bekamen, wurde ich wieder ein wenig gelassener. Apropos Einreiseformalitäten. Wie gesagt, im Flieger waren nicht genügend dieser Fragebögen vorhanden, was man leider mehr als unglücklich nennen konnte. Denn für den Großteil der Passagiere, die folglich leer ausgingen und in die Röhre gucken mussten, begann nun eine ebenso überflüssige wie rege Betriebsamkeit. Innerhalb kürzester Zeit mussten auf dem Weg zwischen Gangway und Passkontrolle Kreuzchen gesetzt, Flugnummern, Visa und Reisepässe herausgesucht oder persönliche Fragen beantwortet und eingetragen werden. Und das alles um 5.00 Uhr morgens, übermüdet nach zig Stunden Flug und in unserem Fall natürlich gleich für fünf Personen. Doch eilte in Gestalt einer Stewardess für uns Hilfe von unerwarteter Seite herbei: Dieses engelsgleiche Geschöpf hatte nach ihrer fraglos anstrengenden Schicht offensichtlich nichts Netteres zu tun, als uns unbedarften Touristen ein weiteres Mal aus der Patsche zu helfen und sich mit uns durch die Einreiseformalitäten zu kämpfen. Wow, wie gesagt, sollte so etwas exemplarisch für den weiteren Fortgang der Reise sein, dann war ja alles wunderbar. Da standen wir also nun, hoffnungsvoll und voller Erwartungen im dunklen, vom Nieselregen heimgesuchten und langsam erwachenden, frühmorgendlichen Sydney. Das also war Australien – war das Australien? Und erneut stellte sich die Frage: Sollte dieses Gefühlsgemengel einen Vorgeschmack auf die nächsten Wochen liefern? Von den weltbekannten Highlights Opera House oder Harbour Bridge war weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen schlichen wir auf der Suche nach einem Café bei eher erfrischenden Temperaturen durch die sich langsam füllenden Straßen der winterlichen, nasskalten Metropole. Sollte da etwa im Vorfeld etwas verklärt worden sein? Doch wie so häufig, es funktionierte auch dieses Mal: Nach einem Frühstück, sprich heißem Kaffee und Süßteilchen, sah die Welt in Sydney schon wieder anders aus, wie im Film schob sich die Sonne an den weichenden Wolken vorbei, erste Blicke konnten aus der Distanz auf die Harbour Bridge geworfen werden und schon ergab sich ein ganz anderes Bild. Die Häuserschluchten von Downtown erschienen nun bei weitem nicht mehr abweisend kühl, sondern einladend interessant. Na also, es ging doch. Erster touristischer Anlaufpunkt für uns in Australien sollte das Aquarium sein, es versprach neben Wärme und Menschen vor allem auch frühe Öffnungszeiten: ideal für Jetlag-Geplagte. Vor allem Josefine überraschte mit unvermutetem Ganzkörpereinsatz. Die Seekühe schienen es ihr besonders angetan zu haben, anders war es nicht zu erklären, dass sie nicht nur lange Zeit dort verweilte, sondern bei der Verfolgung der agilen Schwergewichte gleich mit dem Kopf gegen die dicken Scheiben des Aquariums donnerte. Faszination oder Übermüdung, es war egal. Diese Geschichte der ersten Urlaubsstunden sollte uns als running gag schließlich die ganzen Ferien über begleiten – sehr zum Verdruss von Josefine.
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