Verschlafen greift Luca nach seinem Handy. Oh, schon 17:40 Uhr. Jetzt muss ich mich echt beeilen . Wie von der Tarantel gestochen hüpft er aus dem Bett und entert die Dusche. Um viertel nach sechs ist er fertig angezogen, greift nach dem Zweitschlüssel und reißt die Haustüre auf.
Fast trifft ihn der Schlag. Direkt vor ihm steht eine junge Frau, die wohl im gleichen Moment die Klingel drücken wollte.
Beide zucken zusammen und schlagen vor Schreck die Hand an die Brust, nur um quasi gleichzeitig nervös aufzulachen.
„Bist du Luca Denero?“, fragt ihn die blonde Frau mit osteuropäischem Akzent. „Entschuldige, wenn ich dich erschreckt habe. Ich bin Magdalena und ich wohne mit meinem Mann auf der ersten Etage.“
Luca tritt in den Flur und zieht die Wohnungstüre hinter sich zu.
„Ja, der bin ich. Freut mich, dich kennenzulernen, Magdalena. Doch ich bin gerade ziemlich in Eile. Was möchtest du denn?“
„Oh!!“ Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie ihn an, während sie einen Schritt zurücktritt. „Das … also, ich wollte dich nicht stören. Aber Hennes … von oben … meinte, ich sollte dich fragen … also, ob du vielleicht … mir helfen könntest. Und er meinte … so gegen sechs Uhr wäre die beste Zeit.“
Während sie immer unsicherer wird, bemerkt Luca die verkrampfte Körperhaltung der Nachbarin. Stammelnd verschränkt sie – irgendwie schützend – ihre Hände vor dem Unterbauch. Dabei beugt sie sich leicht nach vorne.
„Was ist denn mit dir, Magdalena?“, fragt er behutsam und streckt eine Hand aus, um ihren Arm zu berühren.
„Ich will dich wirklich nicht stören“, beteuert sie vehement, doch ihre Stimme wird immer zittriger. Jetzt senkt sie den Kopf. „Es geht um mein … Baby … ich hab‘ solche Angst um mein … Baby!“
Als sie den Blick wieder hebt, ist ihr Gesicht tränenüberströmt.
Luca geht einen Schritt auf sie zu und zieht das weinende Mädchen in seine Arme.
„Ist schon gut“, tröstet er sie. „Beruhige dich! Nicht weinen!“
„Ich will ganz bestimmt nicht stören!“, ertönt es gedämpft aus seiner Umarmung.
„Schschsch, du störst nicht!“ Luca wiegt sie leicht hin und her. Während eine Hand über ihren Rücken fährt, streichelt er mit der anderen Hand Magdalenas Kopf.
„Was ist mit deinem Baby?“, fragt er leise.
Magdalena löst sich aus der Umarmung. Schwer atmend versucht sie ihre Selbstbeherrschung zurück zu gewinnen. Schniefend zieht sie die Nase hoch.
„Ich hab‘ Angst es zu verlieren. Ich bin im dritten Monat und dauernd blute ich … ziemlich stark. Ich soll immer nur liegen, sagen die Ärzte, doch trotzdem …“ Wieder fließen die Tränen.
„… trotzdem wird es nicht besser. Mein Mann und ich … wir wollen so gerne ein Baby … unser Kind …“, fügt sie verträumt hinzu.
Und das ist der Moment, in dem Luca weiß: I ch kann sie unmöglich alleine lassen . Nicht nur wegen der verzweifelten jungen Frau, sondern auch weil er es sich für immer vorwerfen würde, sie jetzt im Stich zu lassen.
„Komm, ich bring‘ dich zurück in eure Wohnung. Und dann werde ich versuchen, dir zu helfen, okay?“
Magdalena blickt hoffnungsvoll zu Luca empor. „Wirklich? Und du musst nicht weg?“
„Später“, antwortet er entschieden. „Jetzt gehen wir erst mal zu dir.“
„Hennes hat gesagt, dass du alles tun würdest!“ Dankbar greift sie nach Lucas Unterarm und lässt sich die Treppe empor helfen. „Er meinte, du hättest ihm mit seinem Gehör geholfen und dass du ganz berühmt wärst. Ein großer Heiler. Und jetzt hilfst du mir!“ Begeistert murmelt sie einen Satz in russischer Sprache; vermutlich einen Segen. Denn mit der freien Hand vollführt sie eine segnende Geste in seine Richtung aus.
„Ja, ja, der Hennes“, presst Luca hervor. Bedanken werde ich mich später bei ihm .
Magdalenas Behandlung dauerte ungefähr fünfundzwanzig Minuten. Gegen neunzehn Uhr rennt Luca die Treppe runter. Jetzt aber nichts wie los. Was hat Jackson nochmal gesagt? Rechts rum und dann über die Straße und dann links … oder rechts? So ein Mist.
Natürlich läuft er erst einmal in die falsche Richtung. Er fragt einige Passanten, die ihm dann den richtigen Weg erklären. Gegen zwanzig nach Sieben erreicht Luca atemlos die Kneipe ‚Bei Resi‘. Sieht von außen wie eine typische Spießerkneipe aus; getönte Butzenscheiben inklusive. Er hört die angeregt plaudernde Menschenmenge, während im Hintergrund ein Typ irgendeinen Chanson schmettert. Scheint ja ein voller Erfolg zu sein, der Gesangswettbewerb . Luca reißt die Türe auf und blickt gegen die breite Brust eines Türstehers.
„Sorry, wir sind dicht bis unter die Dachlatte. Ich kann dich leider nicht mehr reinlassen.“, bedauert der Kleiderschrank.
„Aber … ich bin ein Freund von Jackson“, spielt Luca die Beziehungskarte. „Er tritt heute hier auf. Gemeinsam mit Julie.“
„Das kann ja sein“, erwidert der Aufpasser. „Aber ich habe meine Anweisungen. Es darf niemand mehr rein; aus Sicherheitsgründen. Die Chefin will keinen Ärger mit den Behörden.“
Bei seinen letzten Worten zieht er bereits die Türe wieder zu.
„Komm, Mann! Echt! Lass mich rein! Ich bin extra stundenlang gefahren.“
Lügen war noch nie Lucas Stärke. Daher zuckt der Türsteher auch lediglich mit den Schultern und schließt endgültig die Türe. Luca hört noch wie von innen ein Riegel vorgeschoben wird.
Das kann doch alles nicht wahr sein ! Verschwitzt und noch immer leicht außer Atem kämmt er sich mit den Fingern die Haare aus dem Gesicht. Was mach‘ ich denn jetzt? Ich hab‘ keine Handynummer; weder von Jackson noch von – hahaha – Absinth. Und jetzt verpass‘ ich Jacks‘ Auftritt, nur weil … dieses kleine eifersüchtige Arschloch mir unsere Nachbarin auf den Hals gehetzt hat.
Eine Weile lehnt sich Luca gegen die Außenmauer und beobachtet, wie weiteren Nachzüglern schon gar nicht mehr geöffnet wird.
„Kommt, wir gehen ins ‚Mars‘“, fordert ein Typ seine beiden Kumpels auf. Er sieht ihnen hinterher. Anscheinend ist von einer anderen Kneipe die Rede. Die Gruppe verschwindet in einem Gebäude am Ende der Straße auf der gegenüber liegenden Seite.
Warum nicht ? gibt sich Luca geschlagen. Da kann ich wenigstens was trinken. Vielleicht komme ich später hier rein, wenn der Wettbewerb beendet ist.
Seufzend schlendert er los und betritt keine Minute später die Kneipe. Gemütlich hier und – wer hätte das gedacht – schwules Publikum . Eine bunte Mischung an Leuten verteilt sich in dem urig eingerichteten Schankraum. Er erobert einen freien Barhocker und bestellt einen Caipirinha. Um seine Enttäuschung zu bekämpfen benötigt Luca jetzt etwas Stärkeres. Vielleicht war ja Absinths Absicht tatsächlich ehrenhaft. Ach, komm ! ranzt er sich in Gedanken selber an. Der wollte genau das erreichen, was eingetroffen ist. Er hetzt die verzweifelte Nachbarin auf mich, ist sich sicher, dass ich nicht ‚Nein‘ sagen kann und erfreut sich jetzt an der Tatsache, dass ich erstens Jacksons Auftritt verpasse und zweitens, dass Jackson denkt, ich bin das totale Arschloch .
Genervt schnaubt Luca einmal auf. So ein Verhalten kennt er nicht. Alle Leute, mit denen er sonst zu tun hat, sind super höflich und fast ehrerbietig. Ja, weil sie sich Hilfe erhoffen , denkt er betrübt. Doch Abs hasst mich, weil ich ihm Jackson wegnehme.
Er stützt sich mit dem Ellbogen auf den Tresen und legt sein Kinn auf der Handfläche ab. Dabei weiß ich doch selbst nicht, wohin mich meine Verliebtheit mit Jackson bringt .
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