Die auswärtige Politik der Vereinigten Staaten während des Krieges mit Mexiko hatte Thoreau tief verstimmt. Sie trug nur dazu bei, seine Verachtung gegen staatliche Einrichtungen zu steigern. Er weigerte sich beständig, Steuern an eine Regierung zu bezahlen, die sich dazu herabwürdige, den Handel mit Menschen zu billigen. „Die Regierung, die überhaupt nicht regiert,“ war seiner Ansicht nach die beste. Der Steuerbeamte, der dieser Weigerung ratlos gegenüberstand, erhielt auf seine Frage, was er nun tun solle, die Antwort: „Geben Sie ihr Amt auf.“ Kurze Zeit darauf wurde Thoreau im Dorfe, wohin er einen Schuh zum Flicken getragen hatte, verhaftet. Als Emerson hörte, dass sein Freund die Einsiedelei am Walden mit der Gefängniszelle in Concord habe vertauschen müssen, eilte er sofort zu ihm. „Henry, warum sind Sie hier?“ war seine erste Frage. „Warum sind Sie nicht hier,“ lautete Thoreaus ernste Antwort. Er erhielt bald (nachdem seine Familie die geringe Summe bezahlt hatte) seine Freiheit – und auch seinen Stiefel – zurück und wanderte wieder in seine Wälder, „von wo aus er den Staat nirgends erblicken konnte.“ Auch wenn er tagelang von seinem Hause abwesend war, verschloss er nicht die Tür. Abgesehen von einem Bändchen Homer wurde ihm nie etwas gestohlen und nur solche Menschen belästigten ihn, „die den Staat repräsentierten“. Die Jahreseinnahme seiner Farm betrug dreiundzwanzig Dollars, denen an Ausgaben vierzehn Dollars gegenüberstanden. Als Tagelöhner verdiente er sich nebenbei während dieser Zeit zwölf Dollars. Im zweiten Jahre war das Ergebnis noch günstiger.
Zwei Sommer und zwei Winter verbrachte Thoreau am Waldenufer und eine reiche, geistige Ernte ward ihm zuteil. Als der Sommer 1847 herannahte, fühlte er, dass er die Möglichkeiten, die ihm dieses Leben bot, erschöpft habe, dass es nun Zeit sei, eine andere Phase seines Lebens zu beginnen. Am 6. September 1847 zog er von Walden wieder nach Concord. „Warum ich die Wälder verließ“, schrieb er einige Jahre später in sein Tagebuch, „das kann ich wahrlich nicht sagen. Vielleicht trug ich nach Abwechslung Verlangen. Es gab dort ungefähr um die zweite Nachmittagsstunde so etwas wie eine Stockung ...“ Die herrlichste Frucht der Waldenjahre, sein „Walden“, wurde der Menschheit erst 1854 geschenkt. Aus dem Romantiker, dem Naturschwärmer und Naturforscher seines ersten Werkes war ein Philosoph und Metaphysiker geworden, der oft in epigrammatischem Stil seine Weisheit kündete, die kühnsten Paradoxe liebte und die Stimmungen der Menschenseele wie der Natur bald mit den zartesten, bald mit den kräftigsten Strichen malte. Burroughs bezeichnet Thoreaus Erstlingswerk und sein Walden „als die beiden naturwüchsigsten und antiseptischsten Bücher der englischen Literatur“. Doch „Walden“ wurde vielfach gröblich missverstanden. Man übersah, konnte oder wollte nicht sehen, dass Thoreau seine Einsiedeljahre selbst nur als ein Experiment bezeichnete. Man fragte unwillig und erstaunt, was aus den Menschen werden solle, wenn alle Thoreaus Rat und Beispiel folgen würden. Das Fass des Diogenes habe einen gesünderen Boden als die Hütte von Thoreau, behauptete die zeitgenössische Kritik. Diese Leute vergaßen jedoch, dass Thoreau der Menschheit niemals anriet, in Waldhütten zu wohnen und von Bohnen und Kartoffeln zu leben. Er hatte das Experiment gemacht, weil es ihm von seiner inneren Stimme befohlen wurde, weil er dieser Stimme stets zu gehorchen pflegte und weil er seine Individualität ihre eigenen Wege wandern lassen wollte. Ja, die Ernte war reich, so reich, dass die dankbare Nachwelt freudig auch an dieser seiner schönsten Frucht sich kräftigt, dass Tausende von Menschen fühlen: Lebenswerter scheint uns das Leben, lieblicher duften die Blumen, heller leuchtet der Sonnenschein, holder singen die Vögel, munterer plätschern die Wellen, mit heißerem Bemühen suchen wir nach der Pforte unserer Seele, unablässiger strebt unsere Sehnsucht durch Nebelmeere zu wolkenloser Reinheit empor, seit wir dich kennen, den edlen feierlichen Menschen vom Waldensee ...
Thoreau bezog in Concord wieder Emersons Haus und wohnte dort während der Abwesenheit des Freundes in Europa. 1849 siedelte er in das väterliche Haus über, wo er bis zum Ende seines Lebens verblieb. Schriftstellerei war jetzt seine Hauptbeschäftigung. Wahre Freude empfand er nur beim Schaffen eines Werkes. Er geizte nicht nach Erfolg: „Ich gebe ab und zu ein paar Worte aus, um mir Schweigen dafür zu kaufen.“ Außerdem hielt er in Städten und Dörfern Vorträge über alle möglichen Gebiete. Willkommene Abwechslung boten ferner kleinere und größere Reisen an die See nach Cape Cod, das er dreimal (1849, 50 und 53) besuchte, nach Kanada und in die Maine-Wälder. Herrlich sind die Schilderungen der Meeresküste in „Cape Cod“, weniger erfreulich und zu sehr mit Einzelheiten überladen ist sein „Ausflug nach Kanada“, der 1853 im „Putnam Magazin“ erschien. Die Wanderungen in die Maine-Wälder dienten hauptsächlich dem Studium indianischer Sitten und Gebräuche. Der letzte Ausflug dorthin fand 1857 statt. Erst nach Thoreaus Tod erschien ein Werk über diese Reisen unter dem Titel „Die Mainewälder“. Es war während seiner letzten Lebensmonate sorgfältig von ihm vorbereitet worden und enthält eine Fülle botanischer, geologischer und ethnologischer Beobachtungen in poetischer und philosophischer Gewandung.
Schon im Jahre 1855 begann indessen Thoreaus Gesundheit nachzulassen. 1857 spricht er bereits von „zwei Invaliditätsjahren“. Trotzdem kampierte er oft im Freien und setzte sich allen Unbilden der Witterung aus. 1857 starb – zweiundsiebzig Jahre alt – sein Vater. Jetzt hieß es Brot für Mutter und Schwester schaffen. Wieder wurde die Bleistiftfabrikation aufgenommen und das Einkommen dadurch vermehrt, dass er aufs neue Landvermessungen machte, bald einem Farmer ein Boot baute, bald beim Stallbau half oder ein Haus anmalte – kurz, „so viele Gewerbe ausübte, als er Finger hatte“. Dabei arbeitete er fleißig an seinen Tagebüchern und Manuskripten weiter, ohne ein größeres Werk zu veröffentlichen. Arbeitsam aber äußerlich ruhig floss sein Leben dahin.
Immer mehr aber gährte es in den Vereinigten Staaten, immer heftiger entbrannte der Kampf um die Sklavereifrage. Als der oberste amerikanische Gerichtshof den Sklavenhaltern in den Südstaaten nur allzu weit entgegenkam, indem er entschied: „Sklaven sind und bleiben unter allen Umständen Eigentum ihres Herrn, ein Aufenthalt in fremden Ländern ändert nichts an ihrer Stellung, die Sklaven müssen zu ihrer eigenen Wohlfahrt in Sklaverei fortleben“, wuchs die Erbitterung gegen die Anmaßung der Sklavenhalter in drohendem Maße und wurde durch die Literatur – durch „Onkel Toms Hütte“, ein Buch, das eine Auflage von mehr als dreihunderttausend Exemplaren fand, durch die Selbstbiographie des Farbigen Douglas und durch Hildretts „Weißer Sklave“ – lebhaft geschürt. Die Sklaverei besteht zu Recht in moralischer, religiöser und politischer Beziehung, sagte man im Süden, wo sich allmählich eine Aristokratie ausgebildet hatte, die den Menschen nach der Anzahl seiner Sklaven beurteilte und die „freie Arbeit“ des Nordens, ja, die Arbeit an sich als verächtlich ansah. In den Nordstaaten aber traten Männer auf, die offen erklärten, in einem Land nicht leben zu wollen, wo Männer und Frauen wie Vieh aufgezogen, wo „Väter, Mütter und Kinder wie Ware verkauft“ würden. Noch radikaler dachte John Brown, ein begeisterter, fanatischer Puritaner, Lohgerber seines Zeichens. Er hatte sich bislang nicht am politischen Leben beteiligt, begann aber jetzt im Staat Kansas mit solcher Energie gegen die Sklaverei Opposition zu machen und so vielen Schwarzen zur Flucht gen Norden zu verhelfen, dass der Staat einen Preis von dreitausend Dollars für seine Ergreifung aussetzte. Brown, der bereit war, aus innerster Überzeugung sein Leben für die Befreiung der Sklaven hinzugeben, zog nach Virginia. Dort bemächtigte er sich mit nur wenigen Getreuen der Rüstkammer zu Harpers Ferry, um die Aufständischen bewaffnen zu können. Doch schon am nächsten Tage wurde er nach verzweifelter Gegenwehr von den Negierungstruppen ergriffen und ins Gefängnis abgeführt. Als man ihn fragte, in wessen Namen er das Eigentum des Staates in Besitz genommen habe, antwortete er: „Im Namen Gottes, des großen Jehova!“
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