„Das könnte wahr sein.“ Er betrachtete mich länger. „Nun, ich lüde Sie gern ein, doch meine Zeit erlaubt es nicht.“
„So sind Sie nicht Herr Ihrer Zeit? – Man kann viel sehen in Paris, ich bräuchte Stunden im Café.“
„Jedoch ist sehen noch nicht alles, Mademoiselle, viel wichtiger ist, was man denkt.“ Mit einem Lächeln schob er sich die Mütze tiefer ins Gesicht. „Ich wünsche Ihnen einen interessanten Tag.“
Es war so feige, dachte ich, die Welt nur durch die Fenster des Cafés zu sehen, denn wie anders war es, im Gestank und im Gebrüll der Avenuen zu stehen und zu spüren, dass man da war, dass Paris einen umgab und dann zu merken, dass der Stift nicht hinterherkam zu notieren, was man blickte und begriff. – Fensterläden, von den vielen Schuhen glatt geschabtes Pflaster, Blumenkübel, deren Pflanzen fast wie tot im Winde hingen, dann der Herr, der auf der Leiter stehend Straßenschilder putzte, und die Dame, die zwei Zigaretten gleichzeitig ansteckte, jenes Mädchen, das die Blätterhaufen freudig in die Luft warf, die nur zwei Minuten vorher mühsam gekehrt worden waren, und viel mehr Menschen und Dinge, die mir fremd und gleichermaßen vertraut waren. Meinem Bruder schrieb ich, wie Paris so aussah, und sofort war er begeistert, sagte mir, ich solle grüßen, doch war mir dies nimmer möglich, denn sie kehrten niemals wieder, sie verloren sich in jenen weit verzweigten Labyrinthen von Paris. –
Nur Lance Leprince kehrte zurück.
Der Sonntag war besonders, schon am Morgen, wenn das Haus und ganz Paris den letzten Rausch und die Erschöpfung der zurückliegenden Woche selig ausschliefen, sodass selbst der Verkehr beinah erlag. Durchs Küchenfenster fielen Streifen klaren Lichtes und ich saß alleine da und spürte es auf meiner Haut.
Der Morgen versprach einen neuen Tag, Erlebnis und Begegnung, er gab Kraft und Mut und zeigte uns das Ende dieser Nacht, und ich wusste, ja ich glaubte, dass er wiederkehren würde, dieser Morgen, immer wieder. –
Ich war glücklich in Paris ohne Paris, denn ich war glücklich über Arbeit, über Menschen, über Frieden in der Wohnung, der mein Herz zutiefst berührte und es springen ließ vor Freude. Ich alleine in der Sonne – aber in der Sonne war ich, und das war für mich genügend. Die nun frische Luft ließ mich viel tiefer atmen, als man es in einer Stadt ansonsten tat, der Duft nach Kaffee mischte sich mit dem nach Pain au chocolat. Kein Mensch bemerkte meine sonntägliche Stille, und ich sorgte mich für kurze Zeit, was war, wenn niemand mich bemerken würde, heute nicht und morgen nicht und vielleicht nie? – Aber wenn sie mich suchen würden, könnten sie mich auch entdecken, dachte ich, das wird gelingen.
Die Sonne lächelte sanft über Paris, und ich lag dieser Stadt nicht mehr länger zu den Füßen, sondern reichte ihr versöhnlich meine Hand. Wenn sie still war, war sie durchaus zu ertragen, gab sie Zuversicht und zeigte ihre längst vergangne Schönheit, die im Alltag bald verschwand.
Leer war es nicht auf diesen Straßen, doch die Menschen, die man traf, waren besondere, denn sie hatten begriffen, dass es diesen Morgen gab und dass er weit mehr Leben schenkte als die Zeiten, die man oft „lebendig“ nannte. Freundlich grüßte ich den Straßenkehrer, der geduldig seiner Arbeit nachging. Sonntagmorgens hatte man denselben Blick, wen man auch traf.
Der Sonntag rief mir die Mission strikt ins Gedächtnis, verlor sie sich doch so schnell, war sie doch groß, die Stille jedoch zeigte sie, indem sie Platz schuf, Platz für mich und das, wofür ich leben wollte. Sie machte mich demütig, denn sie war machtvoll. –
Eine Kirche lag nicht weit von meiner Wohnung und so ging ich gern zu Fuß, ich näherte mich ihr aus eignem Willen und eigener Kraft, voller Erwartung.
Mit dem Rücken an dem historischen Bau und tief im Schatten jener Steinmauern und Schmuckwerke und unter hohen Fenstern, deren Glas bunt schimmerte, saß stets der Obdachlose, zerfurcht und verlottert und mit einer leichten Anklage im Blick.
„Die Nacht war klar, doch über dieser Stadt scheint lange kein Stern mehr“, sagte er deutlich und sah mich unverwandt an. –
Ganz wie der Pastor der Gemeinde, jener ungläubig, verblüfft, erschien es mir, als rechne er mit niemandem. Von vornherein fühlte ich mich beheimatet, denn uns verband etwas, das in Paris nicht oft zu finden war. Sie waren kalt und abweisend, viele Pariser, aber hier war man willkommen und das herzlich, ohne Zutun, ohne Mühe. Wir mussten uns nicht vorstellen, denn wir kannten uns bereits, wir mussten nichts erklären, da wir es schon wussten. Dennoch wuchsen wir gemeinsam, denn es war eine Gemeinschaft und der Christ brauchte den anderen, der ihn freundlich ermahnte.
Ich saß in der letzten Bank, von der aus ich die ganze Kirche sehen und erfassen konnte, sowohl die anderen Leute als auch mich und meine Begegnung mit Gott, es war ein Wechselspiel mit beidem, und ganz selbstverständlich geschah es und wir waren dabei, denn um uns ging es und durch uns lebte die Kirche.
Wir sollten mehr einladen, so dachte ich, und uns für viel mehr Menschen öffnen. –
Ihr seid das Licht dieser Welt. –
Ihr seid es, sagte er, ihr müsst es nicht noch werden.
Und dennoch war es ein Auftrag! Oh ihr Lichter dieser Welt, wo seid ihr denn, ja, ihr mögt sein, aber nicht hier, nicht in Paris! Die meisten Lichter der Pariser waren inzwischen erloschen, während meines danach strebte, endlich aufleuchten zu können. Das Wort traf mein Herz und gab mir darin Ruhe, denn ich war es, und ich würde noch mehr leuchten. Meine Karte und mein Kompass waren sie in dieser Stadt, von Gott geschenkt, die Er mir mitgab, auf dass ich mich nicht verfuhr.
Wenn jemand eingetreten wäre in die Kirche, hätte er dann auch gesehen, dass der Raum von Licht erfüllt war und nicht nur von milden Strahlen, die die Buntglasfenster wärmten? –
Ich suchte den Diskurs, denn er war da, in meinem Kopf, warum nicht äußern, wozu Glas sein anstelle von einem Spiegel?
„Paris ist tüchtig verdorben“, meinte er und lachte mich ein wenig aus, der Pfarrer. „Das hier ist kein Licht, so hübsch das Bild auch scheinen mag. Wo sehen Sie es zwischen diesen altern Mauern, die verschandelt sind vom allerersten Tag an? – Selbst sogar im Sommer ist es finster, furchtbar finster in Paris.“
„Dabei fühle ich mich recht wohl in dieser Stadt, zuweilen bin ich fast vergnügt. – Soll dies nun heißen, dass ich nicht dazugehöre, dass ich selbst kein Kind des Lichts bin?“
Beinah leer war es inzwischen in der Kirche, nur der Pfarrer sah mich voller Ruhe an.
„Die wahre Finsternis wird nicht allzu rasch sichtbar, Mademoiselle. Sie wissen doch, wir sehnen uns nach Licht und es gibt viele Dinge, die auch leuchten. Nur ist dieses Licht ein anderes als das, was Sie und ich erkennen und erhalten dürfen. Oberflächlich mag es reichen, doch wir sollten tiefer bohren Mademoiselle. Doch voller Vorsicht!“
Bedächtig deckte er den Altar und dann die Bibel ab. Er blies die Kerzen aus. „Voll Vorsicht, denn darunter ist es schwarz.“
„Sie leben lange in Paris?“
„Zu lange schon. Es hat sich dennoch nichts verändert. – Weswegen sind Sie nun hier?“
„Weil man mich rief. Vielleicht, Monsieur, um das zu sehen und zu handeln.“
„Das hat man Ihnen gesagt?“
Ich lächelte. „Der Wille unsres Herrn ist unergründlich, aber doch unfehlbar. Ich bin voller Lob für Ihn an diesem Morgen, denn ich glaube, dass die Hoffnung noch besteht, solange wir sind. – Denn wir sind das Licht der Welt, das sagten Sie.“
„Wir sind verborgen…“
„Und Sie unternehmen nichts, um ihn zu lüften, diesen Scheffel?“
„Wer hat denn die Kraft dazu? Ich nicht, auch Sie nicht, das ist wahr. Die, die wir retten wollen sind es, die ihn halten und verdichten.“
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