„W... was meint ihr damit, hoher Ry? Dass unsere Lehrmeister nicht gut genug sind?“ fragte ein besonders junger Mann, der einen ganzen Kopf kleiner war als der Älteste.
„Oh nein, mein Lieber. Sieh, jeder eurer Lehrer hat euch in dem besonders geschult, was ihm selbst am meisten liegt. Beschwörungen und Zeremonien, Anrufungen und Gebete, Schriften und Überlieferungen. Doch das, was heute auf euch wartet, wird nur von sehr wenigen Priestern in diesem Lande so ausgelebt, wie ihr es lernen solltet. Es gehört zu unserem Reich und zu unserer Religion, ganz gleich was manche sagen. Ihr habt euch für den Weg des Himmels entschieden und ihr wisst, dass er nicht geradlinig ist. Es gibt Abzweigungen und eine davon werdet und müsst ihr heute beschreiten. Stellt euch einen Kreuzung aus elf Wegen vor. Sie ist das Ziel, aber um es zu erreichen, müsst ihr jeden Weg einmal gegangen sein. Erst dann kennt ihr die Kreuzung aus allen Sichtweisen. Und wir gehen heute den elften Weg. Den dunkelsten und schwersten. Und nur jene, die auf ihm geboren sind und ihn gelebt haben, sind in der Lage, ihn euch so zu zeigen, dass er euch nicht in Angst und Schrecken versetzt.“
„Also meint ihr... die Batí? Ihr meint, nur ein Batí-Priester könnte uns richtig auf diese Lektion vorbereiten?“ Auf die erneute Frage des Jünglings reagierten einige mit einem spöttischen Lächeln.
Ry, der Älteste, blieb aber ernst.
„So ist es. Unter den hohen Lehrmeistern gibt es nur einen, der sich darauf versteht. Ihr hattet die freie Wahl, euch für jeden Bereich eurer Ausbildung einem Lehrer anzuschließen, den ihr für geeignet hieltet. Und wie jedes Jahr war es auch diesmal wieder so, dass kaum jemand durch den hohen Mondor in die Mysterien der alten Rituale eingeführt werden wollte. Ist das nicht richtig?“
Gemurmel folgte.
„Er ist unheimlich.“ sagte eine kleine, zierliche Priesteranwärterin, die ganz hinten stand.
„Er ist der einzige, der euch bewusst mit eurer Angst konfrontiert.“ erwiderte Ry.
„Ich hatte keine Angst.“
Alle drehten sich um. Etwas abseits von den anderen stand eine hochgewachsene junge Frau mit pechschwarzen Haaren und den unverkennbaren schwarzen Augen der Batí. Auch sie trug das silbrig-graue Ritualgewand der Priesteranwärter, aber etwas, was man nicht benennen konnte, unterschied sie von den anderen.
Ry nickte unmerklich.
„Nein, das hattest du nicht. Ich habe lange mit Mondor gesprochen. Du warst die einzige in diesem Jahr, die sich seinen Lehren unterzogen hat. Und die einzige seit vielen Jahren, die dabei auch nicht vor den eigentlichen Grenzen zurückschreckte, die für angehende Priester gelten sollten.“
„Ich kenne keine Grenzen.“ sagte die junge Frau kalt.
Nun schien dem alten Ry unbehaglich zumute zu sein. Er ging einen Schritt auf sie zu. Dann schien er kurz nachzudenken, fasste sich aber schließlich ein Herz und seine Gedanken in Worte.
„Lenyca Ac-Sarr, du bist eine Kriegerin, wie auch dein Vater ein Krieger ist. In dir fließt das Blut der Batí. Warum willst du Priesterin werden?“
„Das will ich nicht.“ war die Antwort, die alle Umstehenden verblüffte.
„Ich will keine Priesterin werden. Aber ich werde diese Ausbildung durchlaufen, auch wenn es niemanden gibt, der das begreift. Ich bin niemandem eine Erklärung schuldig.“
„Da hast du recht.“ Ry runzelte die Stirn. „Ich gebe zu, dass dieser Entschluss von dir in nahezu jedem längeren Gespräch mit den anderen Priestern ein Thema ist. Du stellst dich Gefahren, die du besser meiden solltest, aber ich bin froh, dass Mondor in einigen Angelegenheiten dein Wegbegleiter war, ist und hoffentlich auch weiterhin sein wird.“
„Er begleitet mich mehr als nötig.“
Wieder ertönte Gemurmel. Hier und da klang es etwas empört.
„Du bist sehr von dir überzeugt, Lenyca Ac-Sarr. Vielleicht wäre dies ein guter Zeitpunkt, dass du auch mich überzeugst.“ Er wandte sich wieder an die anderen.
„Ihr wisst, was euch heute erwartet und doch habt ihr keine wahre Vorstellung davon. Das Blutopfer für den Großen ist ein heiliges Ritual. So heilig, dass wir es nicht verunstalten dürfen. Nur wenige erreichen den Rang, der sie zu dieser Handlung bevollmächtigt. Doch jenen ist es erlaubt, diese Vollmacht weiterzureichen an jemanden, den sie für geeignet erachten, wenn besondere Gründe dies nötig machen. Ihr seid heute hier, um Zeuge eines solchen Blutopfers werden. Und entgegen der vielen Gerüchte, die sich um diesen Teil eurer Ausbildung ranken, muss ich euch sagen, dass es kein Spiel ist. Es ist ein echtes Opfer und es ist ebenso heilig wie jene, die in großen Schlachten dargebracht werden. In dieser Nacht soll ein Mensch durch meine Hände sterben, um damit dem Großen Ehre zu erweisen.“
Im Gewölbe herrschte Totenstille. Einige waren kreidebleich geworden, andere zitterten am ganzen Leib. Es war also wahr. Ry würde nicht nur so tun, als ob. Er würde nicht nur erklären, welche Handlungen bei diesem Ritual vorzunehmen waren, er würde es zeigen. Es würde einen Toten geben.
Nur Lenyca schien nicht überrascht.
Ry sah sie aufmerksam an.
„Mondor ist ein sehr gründlicher Lehrer. Er hat dir sicher jeden Schritt genauestens beschrieben. Diese Nacht bringt für dich wohl nichts Lehrreiches mehr, denn ich kenne meinen alten Freund. Es gibt nur eine Möglichkeit, wie auch du in dieser Lektion an Erfahrung gewinnen kannst.“
Zum ersten Mal zeigte Lenyca so etwas wie Interesse. Ein merkwürdiger, bedrohlicher Glanz trat in ihre Augen.
„Lenyca Ac-Sarr, du bist eine reine Batí und geschult in allem Wissen des elften Stammes. Dein Blut steht dem Großen näher als das meine. Ich erteile dir hiermit die Vollmacht und den Auftrag, an meiner statt das Blutopfer darzubringen.“
Die Priesteranwärter pressten sich mit dem Rücken an die Wand des Gewölbes. Niemand hatte es ihnen befohlen, im Gegenteil, Ry hatte ihnen mehrfach deutlich gemacht, dass sie in diesem einen und einzigen Fall durchaus näher herankommen durften. Zwar handele sich es um ein echtes heiliges Ritual, aber sie sollten lernen und sehen und zu diesem Zwecke sei es durchaus gestattet, sich in unmittelbarer Nähe zum Geschehen aufzuhalten.
Doch keiner kam diesem Angebot nach. Sie alle waren noch viel zu entsetzt über das, was da jetzt vor sich ging.
Gerade eben erst hatten zwei Säbelwächter eine heruntergekommene Frau mittleren Alters in den Raum geschleift. Sie war einigen nicht unbekannt, hatten doch viele den langwierigen Prozess neugierig verfolgt, der ihr erst vor wenigen Tagen gemacht worden war. Diebstahl des heiligen Silbers aus einem Tempel und Schändung eines Heiligtums, so lauteten die Vorwürfe und das Urteil besagte, dass sie begründet waren. Ein entsetzliches Verbrechen, das ihr den Zorn aller eingebracht hatte, zumal sie sich nicht aus Armut und Hunger dazu hatte hinreißen lassen, sondern aus puren Rachegelüsten, um einem Tempelpriester, der sie verschmäht hatte, eins auszuwischen.
Erst die Verkündung der Strafe hatte in ihr die Reue geweckt, doch da war es bereits zu spät gewesen. Nun wartete der Tod auf sie.
Vielleicht konnte sie es selbst noch gar nicht glauben, selbst dann nicht, als die Säbelwächter sie auf dem Altar festketteten. Vielleicht dachte auch sie, ähnlich wie die Priesteranwärter kurz zuvor, dass es nicht zum Äußersten kommen würde, dass dies alles nur eine symbolische Handlung und keine wirkliche Hinrichtung war. Jedenfalls blieb sie stumm, schrie nicht und flehte auch nicht um Gnade. Auch nicht, als Rys Gehilfe, der einige Zeit vorher die Seidenlaken gebracht hatte, nun ein schwarzes Samtkissen hereintrug, auf dem eine vollkommen schlichte, silberne Sichel lag. Sie war um einiges kleiner als die Kriegssicheln der Gebieter der Nacht, aber ebenso scharf.
Immer wieder wechselten die Blicke der Schüler zwischen der Verurteilten, dem hohen Lehrer Ry und Lenyca, die mit hungrigem Blick, aber ansonsten vollkommen reglos einige Schritte vom Altar entfernt stand.
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