Endlich erreichte er den Ort. Während er zu seinem auserwählten Beobachtungsplatz unterwegs war, wichen ihm die Menschen aus und wechselten auf die andere Seite des Weges. In dem Moment wo er sich hinsetzte, kam sie aus einem Gebäude. Mit ihr lief eine Schar fröhlicher Kinder. Sie alle schienen noch sehr jung zu sein, vielleicht gerade einmal sechs Menschenjahre, und verabschiedeten sich von der Frau, ehe sie zu ihren Eltern liefen. Einige der Kleinen deuteten auf Alvar, meinen Warg und riefen begeistert etwas von einem großen zottigen Hund. Mein pelziger Freund folgte der Schwarzhaarigen in einigem Abstand. Sie war auf ein seltsam anmutendes Gestell mit zwei Rädern gestiegen, dass sich nun bewegte. Mit ihren Füßen schob sie kleine Paddel im Kreis auf und ab, was das Gefährt vorantrieb.
Alvar lief ihr gemächlich hinterher, den breiten Weg entlang, bis er auf einen noch kleineren, sandigen Pfad stieß. Vorbei an einer Umzäunung mit Pferden darin und abgegraster Wiese. Eine niedrige Hütte war ihr Ziel. In einigem Abstand streifte der Warg nun um das Gebäude, denn sie war hineingegangen, und hatte die Tür geschlossen. Seufzend rief ich ihn zu mir zurück. So gern ich dortgeblieben wäre, wenn die Sonne unterging und die Tür zu war, gab es sicher nichts mehr zu sehen für Alvar und mich.
Er kam zurück durch die verhasste Dimensionsbarriere und trat an meine Seite, als ob er nie fort gewesen wäre. Einmütig wanderten wir über die staubige Welt, die einst der Planet Midgard war - ehe ich den Weltenbrand ausgelöst hatte. Seufzend wurde ich mir erneut meines unendlichen Vergehens bewusst. Wäre ich nicht so töricht gewesen und hätte Söhne gezeugt, die ich niemals hätte haben sollen, hätte ich nie das gefürchtete Ragnarök eingeleitet. Zur Strafe wurde ich wie ein trotziges Kind mit Arrest bedacht. Weggesperrt zwischen Raum und Zeit, damit ich keine Streiche mehr spielen und über meine Fehler nachdenken konnte.
Jeden Tag gab mir Odin Gelegenheit ein Einsehen zu zeigen und für mein Vergehen einzustehen. Mein Begleiter drückte seine Schnauze in meine Hand und ich wusste diese tröstende Geste zu schätzen. Doch niemals würde ich Göttervater, den Obersten der Asen, Odin, um Verzeihung bitte, nicht nachdem er mich mein Leben lang angelogen hatte!
»Komm Alvar, lass uns noch ein wenig gehen. Etwas Anderes kann ich ohnehin nicht tun.«
Gemeinsam bewegten wir uns wieder voran, einen Fuß vor den anderen setzend.
Erst durch einen Angriff der Riesen auf Asgard erfuhr ich, dass Odin nicht mein leiblicher Vater war. Nein, er hatte mich meinen Eltern geraubt und zu sich geholt, um so den Riesenkönig zu zwingen, Frieden zu halten. Meine Hände waren zu Fäusten geballt, vor Zorn auf meinen Gottvater und auf mich.
Unerwartet trieben meine Gedanken wieder zu der Maid. Was wohl ihre Sorgen waren? Was mochte sie? Was fand sie abstoßend? Was brachte sie zum Lachen?
Ich war stehen geblieben und richtete den Blick auf die Welt der Sterblichen. Dort lag die Nacht mit ihrem sanften Schleier über der Insel und sie schlief gewiss. Ein Blatt von Yggdrasil für ihre Träume.
Die Sonne ging gerade erst auf und doch saß ich schon auf meinem Fahrrad und war unterwegs zu dem kleinen Hafen. In den frühen Morgenstunden liefen die Boote vom Fischen ein und ich liebte es, ihnen dabei zuzuschauen. Außerdem bekam ich immer wieder einen Fisch ab, den ich jetzt bei dem guten Wetter draußen im Garten grillte.
»Guten Morgen, Laoghaire«, rief mir Sam vom Deck des einlaufenden Schiffes zu. Der ältere Mann winkte mir zu und ich erkannte schon an seinem Strahlen, dass er einen guten Fang eingefahren hatte. Für sein Alter noch sehr behände, sprang er auf den Steg, um das Schiff zu vertäuen. Er war auch der Einzige, der es schaffte, meinen Namen richtig auszusprechen. Alle anderen nannten mich Lao, oder bei meinem Nachnamen.
»Morgen, Sam«, grüßte ich zurück. Bevor ich mich versah, drückte er mir einen in Papier eingewickelten Fisch in die Hand.
»Aber sag’s keinem. Sonst will hier jeder einen abhaben.« Sein wettergegerbtes Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. »Aber du bringst mir samstags Glück, Mädchen. Seit du morgens hier auftauchst, habe ich einen viel besseren Fang.«
Ich musste laut lachen, denn ganz sicher lag es nicht an mir, dass er an diesen Tagen mehr Fische ins Netz bekam. »Danke.« Ich senkte verschwörerisch meine Stimme. »Natürlich bleibt das unser kleines Geheimnis.«
Ich radelte über die Mainstreet zurück zu meinem Cottage und freute mich auf den kleinen Spaziergang zur Küste. Das Meeresrauschen hatte schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich und als ich mit … Ich verbot mir den Gedanken an seinen Namen. Als ich noch mit ihm in Athlone im Landesinneren gewohnt hatte, hatte ich mich jeden Tag eingesperrt gefühlt.
Zuhause verstaute ich den Fisch im Kühlschrank und schlug den Trampelpfad zur Steilküste ein. Eine schmale Steintreppe führte zwischen dem Geröll nach unten und ich setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Weder wollte ich mir das Genick brechen, noch mit gebrochenem Bein in der Bucht liegen. Bis jemand bemerkte, dass ich verschwunden war, wäre ich hier unten verrottet.
Ich genoss den Anblick der rauen See und ließ mich im Schneidersitz in den Sand fallen. Das Geräusch, als sich die Wellen am Stein brachen, führte mir wieder einmal vor Augen, wie klein und unbedeutend ich war.
Und doch hörte ich das Herabrieseln der Steine, als sich jemand über den Weg nach unten zu mir in die Bucht begab. Langsam drehte ich den Kopf und mein Herzschlag beschleunigte sich, als ich erkannte, dass es der Hund von gestern war, der da auf mich zukam. Dieser schwarze Riese wirkte auch jetzt nicht weniger bedrohlich und ich überlegte fieberhaft, wie ich entkommen könnte, falls er mich beißen wollte.
Was hatte ich meinen Kindern immer beigebracht, wenn man auf einen fremden Hund traf? Richtig, direkten Blickkontakt vermeiden. Schnell senkte ich den Kopf und streckte die Hände mit den Innenflächen zu ihm zeigend, nach oben. Mist, ich wurde doch nicht mit einer Waffe bedroht, wenngleich der riesige Hund locker als solche durchgehen konnte.
»Feiner Hund«, wisperte ich, was ihm ein leises Knurren entlockte. Oh Gott, er mochte wohl nicht angesprochen werden. Ich kniff die Augen fest zusammen und saß erstarrt im Sand.
Als ich eine feuchte Nase und den warmen Atem in meinem Gesicht spürte, riss ich panisch die Augen auf. Ich sah gerade noch so die Zunge kommen, dann hatte er mir einmal quer über das Gesicht geleckt.
»Du hast jetzt aber nicht überprüft, ob ich auch schmackhaft bin?«, versuchte ich meine Anspannung irgendwie zu überspielen. Ich starb hier gerade tausend Tode, während der Hund seinen Kopf schief legte, mich aus seinen großen, bernsteinfarbenen Augen anstarrte, als ob er mir bis auf den Grund meiner Seele schauen konnte und sich dann mit einem Schnaufen niederließ. Seinen großen Kopf legte er in meinen Schoß und ich saß hier noch immer mit erhobenen Händen und wusste nicht, ob ich mich bewegen sollte - durfte - oder nicht.
Diese Maid ging mir nicht mehr aus dem Sinn, ständig musste ich an sie denken. Doch fiel mir auch auf, dass Alvar sie zu verunsichern schien. Hatte sie neulich ängstlich aus dem Haus gespäht? Doch war der Blick seiner Augen zu kurz über das Gebäude gestriffen, damit ich es mit Sicherheit hätte sagen können. Bei Yggdrasils Wurzeln! Was hatte sie bloß an sich, was mich derart faszinierte?
Wenn ich an sie dachte, regte sich tief in meiner Brust etwas, das ich seit einer Ewigkeit nicht mehr spürte – mein Herz. Es klopfte heftig gegen meine Rippen und brachte meinen Brustkorb zum Vibrieren.
Eine List kam mir in den Sinn, wie ich dem ewigen Gefängnis entrinnen konnte. Wenn ich es schaffte ihr meinen Samen einzupflanzen, könnte ich mich durch sie wieder gebären lassen. Der Gedanke in ihren heißen Schoß zu gleiten bewirkte, dass sich noch andere totgeglaubte Körperregionen meldeten. Beim wilden Drillzahn, sie würde mein Schlüssel zur Freiheit werden! Langsam nahm ich meine Wanderschaft wieder auf und gab so meinem Körper Gelegenheit, sich zu beruhigen. Meine rastlosen Gedanken ließen mich Schritt um Schritt gehen und als ich stehen blieb, um zur Menschenwelt zu sehen, ging dort über der Insel gerade die Sonne auf.
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